Berlin - Am 13. März 1991 öffnete sich in Berlin eine schwere Stahltür zu einer neuen Welt. Sie lag meistens in dickem Nebel und wummerte: Der Nachtclub „Tresor“ gilt als die Keimzelle des Technos in Deutschland.

Am Sonntag feiert die Größe des Berliner Nachtlebens ihren 25. Geburtstag. Dass der Club diesen jemals erleben würde, daran glaubte sein Gründer Dimitri Hegemann nicht im Traum.

"Wir waren froh, einen Mietvertrag zu bekommen"

„Wir waren erstmal froh, einen Mietvertrag für drei Monate bekommen zu haben“, sagt Hegemann. Denn der Gründungsort des „Tresors“ an der Leipziger Straße lag direkt im ehemaligen Todesstreifen der DDR. bei Bei einem Streifzug mit Freunden landete Hegemann im Keller des geschlossenen Wertheim-Kaufhauses neben anderen leerstehenden Industriegebäuden.

Wem das Gebäude gehörte, wusste niemand so genau. Kurz zuvor war dort noch ein Aufenthaltsraum für Ostberliner Grenzsoldaten gewesen. Hinter einer verschlossenen Tür entdeckten sie den Tresorraum des früheren Luxus-Kaufhauses mit unzähligen aufgebrochenen Schließfächern. „Ich wusste, dass das ein magischer Ort war“, erinnert sich Hegemann.

Rauer Techno im industriellen Ambiente

Er sollte Recht behalten. Der Club wurde schnell zu einer Anlaufstelle für Techno-Begeisterte. Die ersten Technohouse-Platten entstanden in den USA, Großbritannien und den Benelux-Staaten. Detroiter DJs wie Jeff Mills, Mike Banks und Juan Atkins spielten im „Tresor“ ihre Sets. Der raue und intensive Sound habe optimal zum industriellen Ambiente des Raums gepasst. „Der Tresor wurde zum „Home of Techno““, sagt Hegemann.

Der Club sei vom Beginn an ein Beispiel für die gelungene deutsche Wiedervereinigung gewesen. „Das Personal und die Macher stammten von Anfang an aus beiden deutschen Staaten.“ Im Keller, im Strobolicht und im dicken Kunstnebel war es ohnehin unmöglich zu erkennen, wo jemand herkam. Auf dem Dancefloor spielten Ost oder West keine Rolle mehr.

"Es war eine Bewegung"

„Es war nicht nur Musik, es war eine Bewegung“, sagt der Geschäftsführer des Branchennetzwerks Berlin Music Commission, Olaf Kretschmar. „Sie hat Freiheit verkörpert.“ Und der „Tresor“ rage in Europa wie ein Leuchtturm der Bewegung heraus. In dem Berliner Netzwerk, das Kretschmar führt, sind rund 500 Unternehmen der Musikszene organisiert, auch der „Tresor“.

Der ist nach Ansicht Kretschmars aus einem einfachen Grund besonders bedeutsam: „Es gibt den Club noch.“ Viele andere hätten schließen müssen. „Aber der „Tresor“ kam immer wieder wie der Phoenix aus der Asche gestiegen.“

Ärger mit Polizei und Bauamt

Als erster Club überlebte er auch in anderen Räumlichkeiten - und prägte damit das Berliner Konzept der zeitlich begrenzten Zwischennutzung von Orten. „Das Nachtleben und dass es keine Sperrstunde gab, zog Kreative aus der ganzen Welt an“, erklärt Hegemann. Gerade diese Nighttime-Economy, also das Geschäft mit dem Nachtleben, habe Berlin so attraktiv gemacht, wie es heute sei.
Kurzzeitig geschlossen wurde der Kellerclub immer wieder. Mal vom Bauamt, mal von der Polizei. Ein schlimmer Moment der Club-Geschichte war für Betreiber Hegemann eine Polizei-Razzia im Jahr 2003: Plötzlich hätten 400 Polizisten in schwerer Montur im Laden gestanden. Eine Berliner Zeitung habe am Tag danach Fotos weiblicher Gäste mit der Überschrift „Ist Ihre Tochter auch dabei?“ veröffentlicht. Damals sei es um 17 Jahre alte Besucherinnen gegangen, die sich in den Club geschmuggelt haben.

„Kreative Bürokratie“ mit flacheren Hierarchien

„Ich denke heute, die meisten Probleme entstanden aus tatsächlicher Unkenntnis oder Unerfahrenheit einer der Parteien“, sagt Hegemann, der derzeit verschiedene künstlerische und stadtplanerische Projekte in Detroit berät. Seine Lösung für die Probleme, die auch heute noch zwischen Betreibern und Beamten bestehen: Eine Vermittlungsstelle, die beide Seiten kennt. Eine „Kreative Bürokratie“ mit flacheren Hierarchien.

2005 war für den „Tresor“ an der Leipziger Straße dann aber endgültig Schluss. Das Gelände wurde verkauft. Hegemanns erste Idee für eine neue Location klingt noch immer abenteuerlich: Den Tresorraum ausgraben, an anderer Stelle wieder einbuddeln und darüber eine Burg mit Wassergraben errichten. „Anschließend wollte ich - spektakulär in Szene gesetzt - ein Kanonenboot vorfahren und die Türme abballern lassen, um eine Ruine zu erhalten.“ Doch daraus wurde nichts.

Neue Location Ort ab 2007

Dimitiri Hegemann besucht manchmal noch den ehemaligen Standort seines Clubs und ärgert sich. „Die Stadt hätte schon damals erkennen müssen, dass man diese alte, ehemals jüdische Stahlkammer besser unter Denkmalschutz gestellt hätte.“ Nach Jahren im Exil, in denen der Club an verschiedenen Orten untergebracht war, eröffnete der neue „Tresor“ im Mai 2007 in einem alten Heizkraftwerk.
Seit der Eröffnung Anfang der 1990er-Jahre kann der „Tresor“ heute auf 5000 Clubnächte zurückblicken. Etwa 30.000 verschiedene DJ-Sets wurden gespielt. Der 25. Geburtstag soll gefeiert werden: Unter anderem mit einer weltweiten Club-Tour über drei Kontinente und einem Festival im kommenden Juli. Und der eigentliche „Tresor“ in Berlin? Der werde immer ein Sehnsuchtsort bleiben, sagt sein Gründer. Ein Schutzraum, den man betritt, um die reale Welt zu verlassen. (dpa)