Es ist immer derselbe Blick. Er geht durch die Gitter des Fensters und fällt auf triste Fassaden. Seit 55 Jahren muss Hans-Georg Neumann nicht nur mit diesem Ausblick leben. Auch mit den Türen, die sich hinter ihm schließen und die er nicht öffnen kann. Mit diesem ständigen Beobachtetwerden. Mit diesem immer gleichen Tagesablauf. Und dem eigenen Wunsch nach Freiheit.

Vor genau 55 Jahren wurde Hans-Georg Neumann vom Landgericht Berlin verurteilt. Er hat ein junges Liebespaar ermordet und dafür eine lebenslange Freiheitsstrafe bekommen. Er will raus, immer wieder hat er es versucht. Ohne Erfolg. Auch Gnadengesuche, die andere für ihn gestellt haben sollen, fruchteten nicht. Sein letzter Antrag auf Haftentlassung wurde im März 2014 zurückgewiesen – vom Oberlandesgericht in Karlsruhe, das mittlerweile für ihn zuständig ist. 55 Jahre – damit ist Hans-Georg Neumann Deutschlands dienstältester Strafgefangener.

Mit 26 kam Neumann in Strafhaft, da war Konrad Adenauer noch Bundeskanzler und das Zweite Deutsche Fernsehen gerade auf Sendung gegangen. Nun ist Neumann 81 – ein alter Mann. Aber noch immer so vital und agil, dass weitere schwere Gewalttaten oder ähnlich schwerwiegende Straftaten zu erwarten seien, so urteilten die Richter über seinen letzten Entlassungsantrag vor vier Jahren. Neumann erscheine nach 50 Jahren Gefängnis genauso bindungslos wie zu Beginn der Haft, hatte zuvor ein psychiatrischer Gutachter festgestellt.

Was hat er getan, damit ihn die Richter nicht mehr freilassen?

Neumann saß zunächst in Tegel seine Strafe ab, wurde aber 1991 in die Justizvollzugsanstalt Bruchsal in Baden-Württemberg verlegt, ein Gefängnis für Langstrafler, in dem nach Auskunft des Justizministeriums in Stuttgart auch besonders gefährliche und gemeinschaftsunfähige Gefangene untergebracht sind. 406 Häftlinge sitzen dort derzeit im geschlossenen Vollzug ihre Haftstrafe ab. Einer davon ist Neumann, der wegen seiner Berliner Herkunft von den Mitgefangenen „Icke“ genannt wird.

Seit 1984 hat er immer mal wieder vergeblich beantragt, aus dem Gefängnis entlassen zu werden. Was aber hat er getan, dass ihn die Richter nicht mehr freilassen wollen? Neumann selbst will nicht mehr öffentlich darüber reden. Er wünsche keine Pressekontakte mehr, teilt das baden-württembergische Justizministerium auf Anfrage mit.

Es ist der Abend des 13. Januar 1962. Neumann sieht sich im Fernsehen mit seiner Wirtin die fünfte Folge der Krimiserie „Das Halstuch“ an. Er trinkt dazu, so steht es in seinem Urteil, ein Glas Grog. Als der Film gegen 21 Uhr zu Ende ist, zieht er sich eine Wollhose und ein Sakko an, er legt sein Schulterhalfter um und steckt zwei geladene Trommelrevolver ein. Er greift sich noch ein Messer, eine 70 Zentimeter lange Wäscheleine und eine schwarze Nylonstrumpf-Maske. Zuletzt zieht er seinen Wollmantel an und verlässt die Wohnung im Raucheckweg in Mariendorf, wo er zur Untermiete lebt.

Neumann fährt mit dem Bus zum Flughafen Tempelhof, er streunt stundenlang ziellos durch die Gegend. „Derartige Spaziergänge zur Nachtzeit pflegte der Angeklagte häufiger zu unternehmen“, heißt es später im Urteil. Schwer bewaffnet durch die Straßen zu laufen habe Neumann ein Gefühl der Überlegenheit verschafft. „Er fühlte sich dann als furchtloser Held, der es verstand, sich überall Respekt zu verschaffen und sich durchzusetzen.“ Neumann, so erklärten es die Richter im Urteil, habe gehofft, dass es jemand wagen würde, ihn anzugreifen. Er habe sich in seiner Fantasie ausgemalt, wie er den Angreifer vernichten würde.

Bis ein Uhr zieht er durch die Nacht. Als er müde wird, überlegt er, wie er am schnellsten in sein Bett gelangen könnte. Er entschließt sich, ein Auto zu kapern und den Fahrer mit Waffengewalt zu zwingen, ihn nach Hause zu fahren. So hat er es schon einmal getan. An der Baerwaldstraße/Ecke Bergmannstraße in Kreuzberg entdeckt er einen VW, dessen Scheiben von innen beschlagen sind. Für Neumann ein Indiz, dass sich jemand im Fahrzeug aufhält. Er zieht sich die Strumpfmaske über den Kopf, er nimmt einen Revolver in die Hand, er schreitet zur Tat, die ihm ein Leben im Gefängnis einbringen wird.

In dem Auto sitzt der 18-jährige Klaus Heinrich auf dem Fahrersitz. Er hat seinen Kopf an die Schulter seiner Verlobten Karin Baumann gelehnt und schläft. Heinrich wacht sofort auf, als die Tür auf seiner Seite aufgerissen wird. Der maskierte Neumann zwängt sich auf den Fahrersitz, bedroht das Paar mit seiner Waffe. Er zwingt Karin Baumann, nach hinten auf den Rücksitz zu klettern. Dann startet er den Wagen. Er will bei anderen Autofahrern nicht auffallen, deswegen zieht er sich die Maske vom Kopf.

Das Paar hatte keine Chance

Klaus Heinrich muss zunächst vornübergebeugt auf dem Beifahrersitz sitzen und den Kopf unter das Armaturenbrett stecken. Später legt ihm Neumann die Wäscheleine um den Hals, verlangt Geld und Schmuck von seinen Opfern. Er nimmt Klaus Heinrich 80 Mark und die Armbanduhr ab. Die 19-jährige Karin Baumann muss ihre Geldbörse und die Ohrringe hergeben.

Es ist etwa 1.45 Uhr, als der Täter mit dem gekaperten Wagen in Marienfelde auf einen Feldweg einbiegt. Dort fängt Karin Baumann an, von hinten mit einem ihrer Schuhe auf Neumann einzuprügeln. Sie lässt aber davon ab, als der Täter droht zu schießen. Auch Klaus Heinrich muss nun auf den Rücksitz des Fahrzeugs klettern.

In der Späthstraße prügelt die junge Frau erneut auf den Fahrer des Wagens ein. Neumann verliert die Kontrolle über das Fahrzeug. Das Auto knallt gegen einen Baum. Es ist das Todesurteil für seine Geiseln. Es habe ihn gekränkt, dass ausgerechnet eine Frau es gewagt habe, ihn trotz seiner Waffen anzugreifen, werden die Richter urteilen. Sein Hass auf Frauen und das passive Verhalten von Klaus Heinrich habe Neumann zu dem Entschluss geführt, das Paar zu töten.

Neumann schießt auf die Gesichter seiner Opfer. Zwei Projektile treffen die Frau, drei ihren Verlobten. Trotzdem gelingt es Klaus Heinrich noch, die rechte Wagentür aufzureißen und sich auf die Fahrbahn fallen zu lassen. Er kann seine bewusstlose Verlobte mit aus dem Auto zerren. Doch das Paar hat keine Chance. Neumann schießt mit einer weiteren Waffe der Frau aus nächster Nähe noch einmal in Kopf und Nacken. Auch auf Klaus Heinrich feuert er. Der junge Mann erleidet durch den Schuss schwerste Verletzungen in Brust, Speiseröhre und Magen. Doch er überlebt zunächst. Neumann wirft die beiden Mordwaffen in den Teltowkanal und läuft nach Hause. Abends geht er mit seiner Wirtin ins Kino. Doch seine Freiheit währt nicht lange.

Während Karin Baumann noch am Tatort stirbt, kommt ihr Verlobter in ein Krankenhaus. Dort kann er den Kriminalisten den Tathergang schildern und den Täter auf Fotos und später auch bei einer Gegenüberstellung identifizieren: Hans-Georg Neumann.

Der mutmaßliche Mörder wird am 20. Januar 1962 festgenommen, er kommt nach Moabit in Untersuchungshaft. Vier Tage darauf stirbt Klaus Heinrich im Krankenhaus an den Folgen der Schussverletzungen. Die Mordwaffen werden später von einem Magnetbergungsschiff aus dem Teltowkanal gezogen.

Wer ist dieser Mann, der offenbar so kaltblütig zwei Menschen erschossen hat? Kurz nach seiner Geburt im September 1936 gibt ihn seine Mutter, eine Prostituierte, in ein städtisches Waisenhaus in Kreuzberg. Eineinhalb Jahre nehmen Pflegeeltern das Kind auf.

Schon kurz nach dem Krieg fällt der Junge durch Diebstähle auf, er beteiligt sich an Einbrüchen in Heeresdepots, Lebensmittelgeschäften und Speditionen. Aus Kleingartenkolonien klaut er Vieh und Obst und schließt sich einer Jugendgang an, die es auf Schrott abgesehen hat.

Neumann begeht mehrere Straftaten in Kanada

Im Alter von 15 Jahren wird Neumann in den Jugendhof Schlachtensee eingewiesen und zeichnet sich dort durch „einwandfreie Führung“ aus, wie es in seinem Zeugnis heißt. Im Oktober 1952 wird er entlassen. Er beginnt eine Lehre als Feinblechner, die er mit der Gesellenprüfung beendet. Als seine Pflegemutter stirbt, wird die Familie seines Lehrmeisters sein neues Zuhause. Dort fühlt er sich wohl.

Trotzdem hält es Neumann nicht in Berlin. Er wandert nach Kanada aus, hält sich dort mit Gelegenheitsjobs über Wasser, macht den Führerschein und besucht ab Herbst 1956 die Abendschule, um Englisch und Bürgerkunde zu lernen. Neumann kauft sich seinen ersten Revolver. Er trainiert das Schießen, trifft bald aus mehreren Schritt Entfernung einen Nagelkopf, so beschreiben es später die Richter in Berlin.

In Kanada begeht der junge Mann mehrere Straftaten. So kapert er ein Auto, in dem zwei Liebespärchen sitzen, er bedroht den Fahrer mit einer Waffe und zwingt ihn, ihn zu seiner Unterkunft zu fahren. 1959 begeht er mit kanadischen Mittätern zwei Raubstraftaten. Er plündert die Insassen eines Autos aus und überfällt in einem Landhaus die schlafenden Bewohner. Zwei Stunden nach der letzten Tat wird er festgenommen und später vom Stadtgericht Hamilton wegen bewaffneten Raubüberfalls zu zweimal drei Jahren Gefängnis verurteilt. 20 Monate später erfolgt eine Begnadigung. Neumann wird in seine Heimat abgeschoben. Mitte Juni 1961 betritt er wieder deutschen Boden – und bringt sieben Monate später Karin Baumann und Klaus Heinrich um.

Der Mord erregte in Berlin großes Aufsehen

Am 30. Mai 1963 wird Neumann von einem Schwurgericht des Landgerichts Berlin wegen Autostraßenraubes und zweifachen Mordes zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt. Zudem werden ihm die bürgerlichen Ehrenrechte auf Lebenszeit aberkannt. Die Motive, so die Richter, hätten sich aus der Persönlichkeit des Angeklagten und seinem früheren Verhalten ergeben. So soll Neumann schon im Herbst 1961 bei der Planung bewaffneter Raubüberfälle erklärt haben, dass es zweckmäßig sei, die Opfer zu töten. „Denn Tote könnten nicht mehr reden“. Zudem erkläre sich die Tat aus seinem Hass auf „biologisch potente Frauen sowie seiner Wut und Empörung über die Gegenwehr der Karin Baumann“, heißt es im Urteil.

Neumann hatte in seinem letzten Wort vor der Urteilsverkündung erklärt, nicht er, sondern die Opfer seien die wirklichen Schuldigen. Sie hätten durch ihr Verhalten die Tat provoziert. Neumann äußerte auch, dass er sich für die Tat nicht schäme. „Dieses in seiner Brutalität und Gefühlsrohheit wohl einmalige letzte Wort zeugt vielmehr von einer verbrecherischen Gesinnung“, urteilen die Richter.

Die Morde hatten im geteilten Berlin so kurz nach dem Bau der Mauer für großes Aufsehen gesorgt. Im Ostteil der Stadt wurde die Tat propagandistisch ausgeschlachtet. „Die anormale Situation in der Frontstadt schien Neumann am geeignetsten, den gut durchdachten Mordplan zu verwirklichen“, schrieb zum Beispiel die Berliner Zeitung. Neumann habe unter den Verhältnissen in der Frontstadt Westberlin die Menschen hassen gelernt. Im Neuen Deutschland war zu lesen, dass die jungen Leute Opfer eines Verbrechers geworden seien, der seine „Verhaltensmaßregeln“ bei einem Mord fast aus jedem der in hoher Auflage vertriebenen Schundhefte entnommen haben könne.

Neumann hat keine Verwandten mehr

Die Jahre im Gefängnis seien seine beste Zeit gewesen, hatte Neumann einmal in einem Zeitungsinterview gesagt und auf seinen Lebensweg verwiesen, der als ungewolltes Kind begann. Der emeritierte Pfarrer Gerhard Bruch kannte Neumann seit 1972 und hat ihn in der Justizvollzugsanstalt Tegel als ehrenamtlicher Vollzugshelfer betreut und alle drei Wochen besucht. Auch nach der Verlegung in die JVA Bruchsal im Jahr 1991 riss der Kontakt nicht ab. Bruch schrieb Neumann jeden Monat einen Brief und der Strafgefangene antwortete.

Der Pfarrer im Ruhestand erklärte nach der letzten abgelehnten Haftentlassung des Oberlandesgerichts Karlsruhe, fünfzig Jahre Knast für Hans-Georg Neumann seien nicht förderlich. Die Karlsruher Richter hätten dem Inhaftierten „einen Strich durch die Hoffnung gemacht, mit fadenscheinigen Begründungen, die nur zeigen, dass man von ihm und seiner menschlichen Situation nichts verstanden hat“.

Bruch war 87 Jahre alt, als er sich äußerte. Neumann habe einen großen Fehler gemacht: Er funktioniere nicht. „Solche Menschen sperrt man am besten weg, für sie ist die Gesellschaft zu schwach und muss deshalb vor ihnen Angst haben“, bemerkte er sarkastisch. „Es wäre Zynismus in höchster Form, wenn man Herrn Neumann einfach im Gefängnis sterben lassen würde.“ Neumann habe keine Verwandten mehr und niemanden, der ihn besuche. Er sei voller Misstrauen und auch Angst. Bruch sprach von seiner Hoffnung, Hans-Georg Neumann einmal in Freiheit zu treffen. Dieser Wunsch wird sich nicht erfüllen.

Neumann sitzt noch immer, und der emeritierte Pfarrer ist mittlerweile gestorben.

Ein Leben in einer betreuten Wohneinrichtung lehnt er ab

Für den Langzeithäftling sieht es nicht gut aus, in Freiheit zu kommen. Es habe keine positive Bewährungsprognose für den Strafgefangenen gegeben, erklärt Gerichtssprecherin Julia Kürz die Entscheidung des Oberlandesgerichts Karlsruhe vom März 2014, dem Gefangenen die Entlassung nicht zu gewähren. Neumann habe sich in der Haft nicht mit seiner Tat auseinandergesetzt. „Er hat sich nie einer Therapie gestellt“, sagt Julia Kürz.

Zudem habe es die Befürchtung gegeben, Neumann werde im Fall seiner Entlassung in die kriminelle Subkultur, in der er schon während der Haft eingebunden gewesen sei, und in das Drogenmilieu abgleiten. „So eine lange Haftstrafe ist schon sehr ungewöhnlich“, muss die Gerichtssprecherin allerdings zugeben. Man müsse jedoch bedenken, dass lebenslang keine zeitlich begrenzte Freiheitsstrafe sei. Auch der Kriminologe Wolfgang Mitsch sprach von einer ungewöhnlich langen Haft. Der Inhaftierte müsse jedoch zumindest ein gewisses Maß an Kooperation an den Tag legen, um auf Bewährung entlassen zu werden. „Wenn die positive Prognose fehlt, kann lebenslang auch eine Inhaftierung bis zum Tod bedeuten“, sagt der Professor aus Potsdam.

Die Richter des Karlsruher Oberlandesgerichts ließen Neumann in ihrer Entscheidung über die Aussetzung der Reststrafe zur Bewährung einen winzigen Funken Hoffnung. Eine Entlassung komme dann in Betracht, wenn sich der Strafgefangene aufgrund zunehmender Alterung und damit einhergehender körperlicher Einschränkung bereit fände, in einer altersgerechten und hinreichend strukturierten Umgebung mit ständiger Beobachtung und langfristiger Betreuung zu leben. „Ein Leben in einer betreuten Wohneinrichtung hat Herr Neumann aber abgelehnt“, sagt Julia Kürz. Gegen die damalige Entscheidung habe der Strafgefangene Verfassungsbeschwerde eingelegt, die jedoch als unbegründet zurückgewiesen worden sei.

Mit seinen 55 Haftjahren hat Neumann längst den Serienmörder Heinrich Pommerenke eingeholt. Die sogenannte „Bestie in Menschengestalt“ war 1960 wegen mehrerer Frauenmorde zu sechsmal lebenslangem Zuchthaus verurteilt worden. Er starb vor zehn Jahren, nach 49 Jahren Knast. Damals ein Rekord.

Neumann kann alle sechs Monate einen neuen Antrag auf vorzeitige Entlassung stellen. Er hat es Ende 2016 erneut versucht, das Ansinnen aber im Laufe des Verfahrens zurückgezogen. Hans-Georg Neumann sitzt weiter hinter Gittern.