In Berlin gibt es derzeit 560 Pflege-WGs mit mehr als 4 000 Plätzen. In gut der Hälfte dieser WGs leben Menschen mit Demenz. Andrea von der Heydt ist Vorsitzende des Vereins „Selbstbestimmtes Wohnen im Alter“ (SWA), einem Zusammenschluss von Angehörigen, Vermietern und Pflegediensten, der die Qualität von Pflege-WGs verbessern möchte.

Frau von der Heydt, welche Vorteile bietet eine Pflege-WG gegenüber der stationären Pflege?

Insgesamt kann die Betreuung in einer WG, wenn sie gut gemacht ist, das heißt, wenn ausreichend geschultes Personal da ist, deutlich individueller und personenbezogener erfolgen, da auf einen Mitarbeiter des Pflegedienstes weniger WG-Bewohner kommen. So werden sie nicht alle morgens um 7 Uhr aus dem Bett geschmissen. Ein anderer Vorteil ist, dass familienähnliche Strukturen erhalten bleiben. In Heimen gibt es ja oft feste Besuchszeiten. Da die Bewohner in der WG jedoch das Hausrecht haben, können Besucher, Freunde, Angehörige jederzeit in die WG kommen und so ein Stück des Alltags dort begleiten.

Gibt es auch Nachteile dieser Wohnform?

Dadurch, dass wir über ambulante Pflege sprechen, kann es Versorgungslücken geben. Das ist aber sehr unterschiedlich. Wir empfehlen mindestens zwei Pflege- oder Betreuungskräfte am Tag für acht Bewohner. Das ist aber nicht überall gegeben. Dadurch kann auch nicht immer adäquat auf Notsituationen reagiert werden. Zudem ist die Fachquote nicht so hoch wie in der stationären Pflege. Sprich: die Kräfte vor Ort sind teilweise nicht ausreichend ausgebildet. Dies liegt auch an der Personalverordnung zum Wohnteilhabe-Gesetz, in dem steht, dass rund um die Uhr eine Präsenzkraft vor Ort sein muss, aber nicht, welche Qualifikation diese haben muss.

Was bedeutet das WG-Leben für die Angehörigen?

Die Gemeinschaft muss sich um den Haushalt und mietrechtliche Angelegenheiten kümmern und den Alltag mitgestalten, etwa die Waschmaschine reparieren lassen oder Geburtstagsfeiern organisieren. Alles, was man im Alltag tut, macht man stellvertretend für die WG-Bewohner. Das heißt, man führt eigentlich einen Doppelhaushalt. Im stationären Bereich kann man mehr Aufgaben abgeben. Zudem ist es nicht immer einfach, acht Angehörige oder rechtliche Betreuerinnen zu einer einstimmigen Entscheidung zu bringen. Deswegen empfehlen wir Gemeinschaftsvereinbarungen, die regeln, wer wofür verantwortlich ist, um den Alltag einfacher organisieren zu können. Generell sollte man sich der Verantwortung bewusst sein, die man übernimmt. Die WG erfordert Einsatz und Zeit.

WG ist meist teurer

Wie teuer ist die WG im Vergleich zur stationären Pflege?

Für die WG-Bewohner und ihre Angehörigen ist die WG meist teurer. Der Platz in der stationären Pflege kostet 3 000 bis 3 500 Euro. Für die WG rechnen wir mit 3 600 bis 3 700 Euro abhängig von der Größe und Lage der Wohnung. Für die Pflege und Betreuungsleistungen in Demenz-WGs gilt in Berlin ein Tagessatz von knapp 100 Euro. Die Kassen übernehmen den Satz der Pflegestufe, den Rest müssen die WG-Bewohner über Vermögen finanzieren. Wenn das nicht reicht, kann Grundsicherung im Alter, Wohngeld und Hilfe zur Pflege beantragt werden.

Ihre Mutter lebt seit 2007 in Berlin in Demenz-WGs. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Wir sind 2010 einmal umgezogen, weil in der ersten WG in Mitte das Pflegeangebot schlecht war. Dort war die personelle Situation katastrophal: Das Personal hat ständig gewechselt, oft waren nur Aushilfskräfte da. Auch waren die Deutschkenntnisse teilweise schlecht, was bei der Betreuung ein Problem ist. Die WG hat sich dann aufgelöst. Meine Mutter lebt nun in Pankow. Da haben wir eine starke Auftraggebergemeinschaft mit vielen Angehörigen. Das entspricht stark dem Ideal der selbstverantworteten Wohngemeinschaft. Auch der Pflegedienst ist dort sehr gut, so dass die individuellen Ansprüche, die man für seinen Angehörigen hat, weitgehend erfüllt werden.