Selina Mai sitzt in einem samtbezogenen Sessel im Spiegelfoyer des Theater des Westens. Die braunen Haare hat sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, der fröhlich schwingt, wenn sie lacht. Und sie lacht viel, während sie erzählt, die braunen Augen funkeln vergnügt. Selina Mai ist erst 21 Jahre alt, aber neben all der guten Laune liegt eine reife, selbstbewusste Bestimmtheit in ihrer Art. Sie sitzt aufrecht, die Beine hat sie übereinander geschlagen. Wenn sie zuhört, schaut sie ihr Gegenüber direkt an.

Selina Mai ist jung, ja, aber nicht gänzlich unbedarft. Das darf sie in ihrer Situation vielleicht auch nicht sein. Denn Selina Mai ist für ihr Alter beeindruckend erfolgreich. Seit Oktober steht sie für das Musical „Mamma Mia“ fast jeden Abend auf der Bühne des Theater des Westens. Als Tänzerin im Ensemble, aber auch als Zweitbesetzung der Sophie, jener jungen Frau, die nie ihren Vater kennengelernt hat und die beschließt, das zu ändern. Ohne ihre Mutter zu informieren, lädt Sophie drei potenzielle Vater-Kandidaten zu ihrer Hochzeit ein, löst damit die Handlung der Show aus und sorgt für viel Trubel – bei Mutter, Vätern und sich selbst.

Selina Mai ist das jüngste Mitglied im Ensemble. Sie ist sogar ungewöhnlich jung für den Job, den sie noch aus der Ausbildung heraus ergattert hat. „Die Ausbildung geht eigentlich drei Jahre. Aber wir durften schon nach zwei Jahren anfangen, uns für Rollen zu bewerben“, sagt sie, „’Mamma Mia’ war meine erste Bewerbung und ja, es hat einfach geklappt.“ Wieder ein Lachen.

Nichts anderes als Musical

Einfach geklappt hat vieles in Selina Mais bisherigem Leben – wenn auch nicht alles. Sie wuchs in Berlin auf und schon als Kind in der fünften Klasse bestand sie die Aufnahmeprüfung an der Staatlichen Ballettschule. Der Traum des Mädchens war nun, Balletttänzerin zu werden, wie die Großmutter schon eine gewesen war. Doch dann machte die Hüfte Probleme, kein Arzt konnte wirklich helfen. Die junge Tänzerin entschied sich, mit dem anspruchsvollen Ballett aufzuhören. Gerade noch rechtzeitig, um in der siebten Klasse auf das Gymnasium wechseln zu können.

„Natürlich war ich traurig. Aber jetzt bin ich froh, dass es so gekommen ist, sonst wäre ich heute nicht hier“ sagt Selina. Immerhin – dem Tanz gänzlich entsagen musste sie nicht und das Hüftproblem verwuchs sich. Sechs Jahre tanzte sie in ihrer Schulzeit in einem Musicalverein für Kinder, wurde dort auch an Schauspiel und Gesang herangeführt.

2012 stand dann das Abitur bevor. „Damit kam die große Frage auf, was ich danach machen würde. Eigentlich wusste ich, dass es nichts anderes für mich geben konnte, als Musical. Ich wusste, wie schwer es ist, in dieser Branche erfolgreich zu sein, aber ich sagte mir, dass ich es wenigstens würde versuchen müssen.“ Also versuchte sie es, bewarb sich um eine Musicalausbildung an der Joop van den Ende Academy in Hamburg. Und wieder „hat es einfach geklappt“.

Einmal umarmen zur Probe

Ihre Eltern unterstützten sie, hatten aber ihre Zweifel. „Sie waren sich lange unsicher, ob ich in der Branche wirklich überleben könnte. Aber spätestens als ich dann den Job bei ’Mamma Mia’ hatte, waren die Zweifel ausgeräumt.“ Nach der Zusage für „Mamma Mia“, noch in den Sommerferien nach dem zweiten Ausbildungsjahr, ging dann alles ganz schnell. „Ich zog zurück nach Berlin, es ging los mit den Proben und auf einmal stand die Premiere vor der Tür.“ Die Rolle der Sophie eröffnet die Show. „Ich saß hinter dem Vorhang, die Ouvertüre spielte und ich dachte die ganze Zeit, gleich geht der Vorhang auf und das erste, was passiert, ist, dass du singst. Ich war furchtbar nervös.“

Dazu kam, dass bei der Premiere eine ganz andere Darstellerin die Mutter der Sophie spielte als in den Proben zuvor. „Das war seltsam. Ich bin zu der Darstellerin gegangen, habe ihr gesagt, dass ich heute Abend ihre Tochter spielen würde und gefragt, ob wir uns vielleicht kurz umarmen könnten. Zur Vorbereitung.“ Selina Mai lacht. Doch trotz Aufregung und Ungewohntheit – auch bei der Premiere ging alles gut.

Dabei ist die Rolle der Sophie zwar ebenfalls jung, aber sonst ganz anders als Selina Mai. „Was ich an Sophie mag, ist, dass sie so viele Facetten zeigen kann. Sie ist das liebe Mädchen, hat Spaß am Leben. Aber sie ist auch naiv, denkt nicht immer über ihre Handlungen und Entscheidungen nach. So bin ich nicht“, sagt Selina Mai.

Mit „Mamma Mia“ kam Selina Mai zurück nach Berlin, doch schon Mitte Februar zieht sie mit der Show weiter nach Oberhausen. Was nach „Mamma Mia“ kommt, weiß sie noch nicht. Aber sie macht sich kaum Sorgen um ihren Weg in dieser durchaus unsicheren Branche. „Ich hoffe, dass ich mitwachse und später andere Rollen spielen kann, für die ich jetzt noch nicht geeignet bin.“ Hier zeigt sie sich dann doch, die Unbedarftheit einer Anfang 20-jährigen. An Selina Mai ist das sympathisch, erfrischend liebenswert. Man nimmt ihr den Optimismus ab. Und warum auch nicht – bisher hat ja schließlich alles gut geklappt.