Berlin - Der Ururgroßvater von Stefan Mewes hat, so lautet die Legende, schon dem deutschen Kaiser eingeheizt. „Er war angeblich königlicher Hoftöpfer“, sagt der 55-jährige Mewes, eine Urkunde besitze die Familie darüber allerdings nicht. Töpfer lautete früher die Berufsbezeichnung für Ofenbauer, denn vor der Industrialisierung wurden Ofenkacheln auf der Töpferscheibe hergestellt. Seit vier Generationen ist die Berliner Familie Mewes im Ofenbau tätig. Und die fünfte Generation ist gerade in der Lehre: Marcin Mewes, der 18-jährige Sohn, lernt ebenfalls diesen Beruf.

Ofenbauer sind in Berlin fast verschwunden

Mewes Vater ist ein mittelgroßer Mann mit Schnäuzer und grau-blondem Haar. Er steht in seinem Ladengeschäft in der Schöneberger Blissestraße und holt die gesammelten Urkunden der Ofenbauer-Dynastie vom Schrank. Seinen eigenen Meisterbrief von 1989, den seines Vaters von 1949, den seines Urgroßvaters von 1898.

Je älter die Urkunden sind, desto schöner sind sie: die frühesten in altdeutscher Schrift, reich verziert mit Szenen aus dem Handwerk. Mewes’ Meisterbrief dagegen ist ein schlichtes DIN-A4-Blatt. „So hat sich das über die Zeit verändert“, sagt Mewes, und es klingt, als meine er nicht nur die Urkunden.

Die Zeit hat an seinem Gewerbe genagt wie kaum an einem anderen. Ofenbauer sind aus Berlin fast verschwunden. In den 50er-Jahren gab es noch 400 Betriebe in der Stadt, heute sind es laut Statistik der Handwerkskammer noch 40.

Keiner dürfte so lang existieren wie Mewes’ Betrieb. Rund 120 Jahre lang haben sich seine Vorfahren und er darum gekümmert, dass es die Berliner im Winter warm haben. Kachelöfen standen in der Gründerzeit bei wohlhabenden Familien in mehreren Zimmern, bei den ärmeren Leuten in nur einem Raum.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam die Zentralheizung und mit ihr die Modernisierung der Altbauten. Die Kachelöfen wurden abgerissen. „Unser Fundament, das, wovon wir gelebt haben, ging auf den Schutthaufen“, sagt Mewes. Er lernte 1977 seinen Beruf im Westteil der Stadt. Es war eine Zeit des Umbruchs, viele junge Menschen verließen Berlin, Familien zogen in die Bundesrepublik, die Alten blieben.

Mewes wartete gemeinsam mit seinem Vater die noch bestehenden Öfen oder half, sie abzutragen, Kachel für Kachel. „Von oben nach unten muss man einen Ofen abbauen“, sagt er. Nicht, wie mancher denke, einfach mit dem Hammer den Ofen einreißen. Um die besonders schönen Öfen tat es Mewes so leid, dass er die Kacheln sorgsam aus dem Ofen herauslöste, sie säuberte und dann im Keller lagerte. „Doch nach und nach habe ich sie weggeworfen“, sagt er.

Es kam eben doch nicht vor, dass jemand einen wertvollen Ofen aufbauen wollte. Wenn jetzt ein Kunde seinen Ofen abreißen lässt und Mewes die Kacheln schenken möchte, winkt der gleich ab.