Berlin - Berliner Lehrer sollen für eine wissenschaftliche Studie allerlei Fragen dazu beantworten, wie sie mit homo-, bi- oder transsexuellen Schülern umgehen. Besonders eine dieser Fragen hat es in sich und sorgt nun für Unmut. Denn die Lehrer werden dort im Auftrag der Bildungsverwaltung auch persönlich gefragt: „Was ist Ihre sexuelle Orientierung?“ Darauf sollen die Pädagogen an den 60 stichprobenartig ausgewählten Schulen eine Antwort geben.

Politiker und etliche Lehrer sind empört. Die bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Maja Lasic, spricht von einer Grenzüberschreitung. „Die sexuelle Orientierung der einzelnen Lehrer geht niemanden etwas an und erst recht nicht ihren Arbeitgeber“, sagte Lasic. Fragen zur inhaltlichen Auseinandersetzung mit sexueller Vielfalt im Unterricht seien hingegen legitim.

Besonders kurios: Offenbar war die Spitze der Bildungsverwaltung selbst nicht darüber informiert, dass in der Studie eine derart intime Frage gestellt wird. „Eine Frage nach der sexuellen Orientierung der Lehrkräfte würden wir nicht stellen“, hatte ein Pressesprecher noch am Sonntag auf Anfrage der Berliner Zeitung mitgeteilt. Mit der genauen Fragestellung befasst war offenbar eine Unterfachabteilung, was in der Großbehörde nicht weiter auffiel.

Durchgeführt wird die Studie von der privaten Sigmund-Freud-Universität sowie der Humboldt-Universität (HU). HU-Forscher Ulrich Klocke, ein Sozialpsychologe, rechtfertigt die heikle Befragung: „Fragen zur Person – Geschlecht, Alter oder sexueller Orientierung – dienen dazu herauszufinden, wodurch der Umgang mit Vielfalt und Diskriminierung beeinflusst wird“, sagte Klocke der Berliner Zeitung. Bisherige Untersuchungen würden dafür sprechen, dass die sexuelle Orientierung von Lehrkräften keinen Einfluss auf ihren Umgang mit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt habe. Dabei sei aber  der  persönliche Kontakt zu nicht-heterosexuellen Personen in der Analyse zu berücksichtigen.

„Das bedeutet, dass sich eine heterosexuelle Lehrkraft und eine nicht-heterosexuelle Lehrkraft in ihrem Verhalten im Durchschnitt nicht unterscheiden, wenn sie gleich viel Kontakt zu nicht-heterosexuellen Personen haben“, betonte Klocke. Gleichwohl sei es in der Wissenschaft üblich, solche Ergebnisse erneut zu prüfen. Deshalb werde auch nach der sexuellen Orientierung gefragt. Forscher Klocke wies darauf hin, dass sämtliche Daten anonymisiert seien.

Einzelne queerpolitische Sprecher der Koalitionsfraktionen sind dem Vernehmen nach verschnupft, da ein aus ihrer Sicht vernünftiges Anliegen nun in Misskredit gerät. Der GEW-Vorsitzende Tom Erdmann hielt die Fragestellung indes für legitim.

Gefragt wird jeder einzelne Lehrer in dem insgesamt 56-seitigen Online-Fragebogen zum Beispiel, wie viele Pädagogen an der jeweiligen Schule offen lesbisch, schwul oder bisexuell sind. Hier kann man Zahlenspannen ankreuzen von „0“ bis „mehr als 30“. Angeben sollen die Lehrer auch, wie oft sie Geschlechterrollen im Unterricht hinterfragen und ob sie einschreiten, wenn Begriffe wie „schwul“ oder „Transe“ unter Schülern als Schimpfwort benutzt werden. Oder was sie machen, wenn ein Schüler ausgegrenzt wird, weil er vermutlich LSBTI (steht für Lesben, Schwule, Bisexuelle sowie trans-und intergeschlechtliche Menschen) sei. Oder was ein Pädagoge macht, wenn Martin fortan Martina genannt werden will.

Prinzipiell steht es den Lehrern frei zu antworten. Doch heißt es in einem Anschreiben der Forscher an die Pädagogen wörtlich: „Die Teilnahme an der Umfrage ist freiwillig, wird allerdings von der Senatsverwaltung ausdrücklich gewünscht.“ Das sei unglücklich formuliert, weil hier die Lehrer unter Druck gesetzt würden, hieß es dazu aus der Bildungsverwaltung.

Stopp der Umfrage gefordert

CDU und FDP nahmen die Debatte zum Anlass, erneut die Betonung der sexuellen Vielfalt durch Rot-Rot-Grün zu kritisieren. FDP-Bildungspolitiker Paul Fresdorf vermutete am Montag, dass man durch solche Umfragen den im neuen Haushalt noch mal erhöhten Posten für das Projekt ’sexuelle Vielfalt’ nachträglich legitimieren möchte. „Privates gehört nicht der Allgemeinheit, die Umfrage sollte sofort gestoppt werden“, forderte Fresdorf.

Auch CDU-Bildungspolitikerin Hildegard Bentele will nun einen Stopp der Umfrage, bezeichnete das Ganze als Skandal und erinnerte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) an ihre Personalverantwortung. Allerdings stammt der Beschluss, eine Studie zur Situation von LSBTI-Jugendlichen zu starten, aus dem Jahr 2015. Damals stimmte im Abgeordnetenhaus auch die CDU dafür.