Berlin - Bevor es bei ihm nullte, lüftete Uwe Hassbecker seine Lungen noch mal so richtig auf seiner Herzensinsel Rügen durch. Der Gitarrist der Band Silly, begehrter Studiomusiker und Produzent, wird am heutigen Dienstag 60 Jahre alt. Wenn er die Beziehung zu dieser 60 beschreiben soll, muss der Musiker passen: „Ich habe überhaupt keine Beziehung dazu. Irgendwie seltsam. Es ist eine Zahl.“ So ging es ihm auch schon mit seinem 40. und dem 50., wie er erzählt: „Alles so seltsame Zahlen. Ich habe es nicht so mit den Jubiläen. Tatsächlich geht es doch darum, wie man sich fühlt.“ Sein Körper sendet Signale: „Ich habe schon immer kleine Zipperlein, dazu gehört Asthma seit meiner Kinderzeit. Das ist natürlich nicht schön, aber ich habe gelernt, damit umzugehen und komme klar.“ Unter Hassbeckers Berufskollegen sind Gehörschäden weit verbreitet, weil früher nicht so sehr auf Lautstärkebegrenzungen und Gesundheitsschutz für die Leute auf der Bühne geachtet wurde. Seine Ohren sind aus einem anderen Grund ein Thema: „Die sind so okay, dass ich damit zurechtkomme. Ich hatte allerdings eine zeitlang stressbedingt in regelmäßiger Abfolge Hörstürze. Das hat mir große Sorgen gemacht. Das hat sich irgendwann gegeben. Aber damals war das ein Schock.“

Rügen tut ihm gut: „Ich kann dort von allem abrücken, sogar von Gedanken an Corona. Hier habe ich andere Aufgaben. Ich habe dieses Jahr alles gestrichen: Schuppen, Scheunen, alles. Ich nenne das therapeutisches Streichen.“ Bis gestern war er dort. Und der Gedanke, einfach auf der Insel zu bleiben und den Geburtstag bei dem ein oder anderen Fischergeist - einem auf der Insel beliebten Schnaps, der zur Beeindruckung der Touristen angezündet wird - zu begehen, lag nicht so fern. „Ja, das hätte ich mir vorstellen können. Aber ich habe ja auch noch eine Familie. Den Tag möchte ich mit meinen Mädels, meiner Frau und meiner Tochter, verbringen.“ Ein rauschendes Fest mit Kollegen und Freunden kann es wegen der Pandemie nicht geben: „Große Partys sind im Moment ja eh nicht angesagt und ich mag auch keine, bei der die Leute Angst voreinander haben müssen. Also verbringen wir den Tag ganz klein und in Berlin.“

Manch einer, der in diesen Monaten einen runden Geburtstag zu begehen hätte, scheint froh, dass Corona eine schlüssige Ausrede dafür liefert, keine große Party zu schmeißen, ohne in den Geizkragen-Verdacht zu geraten. Uwe Hassbecker geht es anders: „Man hört ja immer wieder Stimmen von Leuten, die sagen, dass ihnen nichts besseres hätte passieren können. Endlich mal einen Gang runterschalten. Dem kann ich überhaupt nicht zustimmen. Ich liebe auch Ruhe. Aber bitte frei gewählte und nicht wegen Pandemie-Bekämpfung.“ Ihm gefällt seine Heimatstadt in diesen Zeiten nicht: „Dass Berlin so tot ist, wie es seit dem Mauerfall nicht war, liegt daran, dass die Leute Angst haben, krank zu werden.“

Für ihn lautet die Frage dieser Tage, die er sich immer wieder stellt: „Was treibt mich um? Mich treibt im Moment viel mehr die Sorge um unseren ganzen Berufsstand um als Gedanken an meinen 60. Geburtstag.“ Beruflich nähert sich die Jahresbilanz für ihn dem Totalausfall: „Im Grunde genommen ist das ganze Jahr abgesagt.“ Es ging langsam los: „Im Frühjahr kam eine Absage nach der anderen, bis klar wurde, was das alles bedeutet und welchen Umfang das haben würde. Und bis heute gibt es ja keine wirkliche Lösung. Das hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Ich habe eine Zeit lang überhaupt kein Instrument in die Hand genommen. Es geschah übrigens zum ersten Mal in meinem Leben, dass mich etwas dermaßen mitgenommen hat.“ Hassbecker spürt eine Besserung, greift inzwischen wieder zu Instrumenten: „Das geht jetzt langsam wieder. Ich fange wieder an.“ Geholfen haben ihm Menschen aus seinem Umfeld: „Meine Familie ist ein wichtiger Anker. Und meine Kollegen. Denen geht es ja auch nicht anders. Egal, mit wem ich spreche.“ Auch Dieter Birr, mit dem Hassbecker vor Corona regelmäßig auftrat, blieb nicht verschont, wie Hassbecker erzählt: „Auch ihm hat das ganz schön zugesetzt. Ich kenne kaum einen aus dieser Branche, der an Corona nicht zu knabbern hätte.“

Als sich andere an jeden Strohhalm klammerten, fasste Hassbecker mit seinen Bandkollegen einen Entschluss: „Nein, Auftritte in Autokinos haben wir für uns aus verschiedenen Gründen abgewählt. Das, was wir tun, unsere Musik, hat viel mit Nähe zu tun. Mit der Nähe der Leute im Publikum untereinander und Nähe von uns zu ihnen und zurück. Mal davon abgesehen, dass sich so ein Konzert einfach nicht rechnet. Da müsste man Geld mitbringen, denn die Zuschauerzahl wäre extrem begrenzt.“

Hassbecker erwischt sich selbst dabei, wie er aus alter Gewohnheit Freunde umarmen, drücken oder ihre Hände schütteln will: „Ein Prozess des Umlernens ist im Gange. Wir werden noch eine Zeit mit diesem Virus und mit anderen Viren leben lernen müssen. Solche Rituale wie das Händeschütteln werden der Vergangenheit angehören.“ Das bringt ihn auf seinen wichtigsten Geburtstagswunsch: „Der größte wäre, dass meine Tochter mit Nähe aufwachsen kann. Sie ist 14 Jahre, da ist das wichtig. Sie muss das erleben dürfen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das ohne gehen sollte.“ Für ihn hat Menschlichkeit viel mit Nähe zu tun: „Sonst würde es uns gar nicht geben. Der größte Wunsch ist also, dass wir unser Leben wieder leben können, wie es lebenswert ist.“