Er hat eines der wichtigsten Ämter im Senat inne. Doch weil Jens-Holger Kirchner erkrankt ist, kann er seit mehreren Monaten nicht als Verkehrs-Staatssekretär arbeiten. Nun wurde ein Nachfolger für ihn gefunden. Nach Informationen der Berliner Zeitung wird der Biologe Ingmar Streese den Posten übernehmen.

Er leitet seit 2014 im Bundesverband der Verbraucherzentralen und Verbraucherverbände den Geschäftsbereich Verbraucherpolitik. Dort geht es auch um Mobilität und Reisen. Streese kümmert sich um die verkehrspolitische Ausrichtung. In dieser Funktion würde das Grünen-Mitglied in den Rat der Agora Verkehrswende berufen, der den Verkehrssektor „dekarbonisieren“ will - damit Mobilität künftig deutlich weniger als heute auf fossile, umweltschädliche Energie angewiesen ist. Davor war Streese Referatsleiter im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, Direktor für globale Nachhaltigkeitsprogramme beim Lebensmittelkonzern Mars und Botschaftsrat in London.

Verkehrssenatorin Regine Günther hatte sich darum bemüht, dass seit Mitte dieses Jahres klaffende Lücke in ihrer Verwaltung geschlossen wird. „Ich habe mich für einen Wechsel in der Leitungsebene entschlossen, um mein Haus wieder voll funktionsfähig zu machen. Übergangslösungen können nicht auf Dauer bestehen bleiben“, so die parteilose, von den Grünen nominierte Politikerin. „Mit Herrn Kirchner habe ich darüber gesprochen. Ich bin Herrn Kirchner für seine exzellente Arbeit und sein großes Engagement außerordentlich dankbar. Ich habe gerne und sehr gut mit ihm zusammengearbeitet.“ Die Nachfolge werde „zeitnah“ bekanntgegeben. Die Grünen-Gremien wurden von Günther schon informiert.

Jens-Holger Kirchner könnte 2019 zurückkehren

Gerne und sehr gut mit ihm zusammengearbeitet“: Das schätzen viele in der Grünen-Basis, wo Kirchner viele Unterstützer hat, anders ein. Der Verkehrsexperte werde gegen seinen Willen in den einstweiligen Ruhestand versetzt, hieß es. Das Verhältnis zur Senatorin gilt als gespannt. Kirchner könnte 2019 zurückkehren, laut ärztlichem Bulletin sei „die vollständige Heilung realistisch möglich und wahrscheinlich“.

Der Mediziner rät Kirchner, „neben Ihrer Erkrankung – wenn auch in reduziertem Maß – ihre berufliche Tätigkeit fortzusetzen“. Das sei von nicht zu unterschätzender Bedeutung für den Heilerfolg. Dem Vernehmen nach grummelt es vor allem im Grünen-Kreisverband Pankow, der bereits zu einer Krisensitzung zusammengekommen ist.

Zwischenlösungen seien gesucht worden, hieß es im Senat. Doch keiner wollte den Posten des Verkehrs-Staatssekretärs für eine Übergangszeit übernehmen. Kirchner habe selbst deutlich gemacht, dass die Heilung noch einige Zeit in Anspruch nehmen werde. In Parteikreisen hieß es, dass für Kirchner eine neue leitende Funktion gefunden werden soll.

Kirchner polarisiert, er kann ruppig wirken. Schon als Stadtrat eckte er an - etwa mit seinem Vorschlag, einen Bereich im Pankower Ortsteil Prenzlauer Berg versuchsweise größtenteils autofrei zu gestalten. Andere kontroverse Projekte, zum Beispiel die Umgestaltung der Kastanienallee, stand der damalige Bezirksstadtrat aber gut durch.

Seitdem sich Kirchner 2017 bei einer Diskussion dafür ausgesprochen hat, die Parkraumbewirtschaftung auf das gesamte Gebiet innerhalb des S-Bahn-Rings auszuweiten, trat er deutlich seltener in der Öffentlichkeit auf und stand der Presse kaum noch zur Verfügung. Vermutungen, wonach er von der Verkehrssenatorin einen Maulkorb erhalten hatte (Berichten zufolge auf Bitten des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller) wurden stets dementiert. Doch es fiel auf, dass Kirchner weniger präsent war und kaum noch Themen setzte.