Auch gar nichts sagen will gelernt sein. Dilek Kolat steht vor einer Fernsehkamera im Roten Rathaus, sie trägt hohe Schuhe und ein schwarzes Kleid mit Spitzenapplikation. Die roten Fingernägel passen perfekt zur Lippenstiftfarbe. Eine Parfümwolke umgibt die kleine Frau. Sie lächelt. „Ich kann Ihnen sagen, dass weiterverhandelt wird“, sagt Dilek Kolat, Berlins Senatorin für Arbeit, Integration und Frauen.

Man habe „einen Gesprächsfaden“, man sei „mittendrin“. Zu Details dieser Gespräche, leider, könne sie keine Auskunft geben. Sie sagt das mit Nachdruck, so unmissverständlich wie freundlich, ihre Augen blitzen, sie steht da fast unbewegt, nur ihre Hände wedeln auf und ab, wenn sie etwas sagt. Genauer: nichts sagt.

Diese Gespräche sind zurzeit Kolats wichtigster Job. Sie sagt nichts darüber, weil sie ihren Erfolg nicht gefährden will. Die 47-Jährige hat es übernommen, für die Berliner Landesregierung mit den Flüchtlingen vom Oranienplatz zu sprechen. Sie verhandelt mit ihnen über eine Lösung für den Platz in Kreuzberg, auf dem seit mehr als anderthalb Jahren ein Zeltlager steht. Es ist eine verfahrene Situation. Das Lager, ein Protestcamp von Asylbewerbern, die mehr Rechte in Deutschland wollen, hätte längst aufgelöst werden sollen.

Die Zelte sollten schon abgebaut werden, aber dann klappte es doch nicht, weil neue Menschen hinzu kamen. Etwa zwanzig Leute, mal mehr, mal weniger, die meisten aus Afrika, über Lampedusa nach Berlin gekommen. Sie blieben. Der Bezirk, regiert von den Grünen, ließ keine Räumung zu, fand aber auch keine andere Lösung. Innensenator Frank Henkel von der CDU setzte markige Ultimaten und scheiterte mit dem Versuch, die Sache vom Senat entscheiden zu lassen. Klaus Wowereit, der Regierende Bürgermeister, war schwer genervt von der Eskalation. Die Sache schien unlösbar verhakt. Dann kam Dilek Kolat.

Es ist nicht ganz klar, wie sie Vermittlerin wurde. Die einen sagen, es war in Absprache mit Wowereit. Immerhin hatte Kolat schon am Brandenburger Tor mit hungerstreikenden Flüchtlingen verhandelt – sie verließen dann den Pariser Platz. Die anderen sagen, Wowereit habe getobt, als Kolat sich öffentlich als Retterin einbrachte. Dem Senatschef sei nichts übrig geblieben, als zu ihr zu stehen. Er habe Kolat mit der Aufgabe betraut, durch Gespräche eine Lösung zu erreichen, sagte Wowereit dann ganz offiziell auf dem Höhepunkt der Krise. Das war vor einem Monat.

Seitdem verhandelt Kolat. Sie trifft sich etwa einmal in der Woche mit einer Delegation von sieben Leuten, dazu drei Dolmetscher, damit jeder alles versteht. Von Ergebnissen ist nichts zu erfahren. Aber wie schwierig die Verhandlungen sind, macht eine Geschichte deutlich: Die Flüchtlinge waren kürzlich unterwegs zum Treffen mit Kolat, als in der U-Bahn Tickets kontrolliert wurden. Sie hatten keine gültigen Fahrausweise.

Die Situation geriet irgendwie außer Kontrolle, es gab Handgreiflichkeiten zwischen BVG-Leuten und Flüchtlingen, die Polizei musste anrücken. Ein Kontrolleur wurde in den Arm gebissen, ein Mann legte sich aus Protest ins Gleisbett. Suiziddrohung gegen Ticketkontrolle.

"Eine Art Meisterwerk"

Auf eine Art ist dieser Irrsinn jetzt Kolats Chance. Scheitert sie mit den Gesprächen, wird das jeder verstehen. Doch wenn sie es schaffen sollte, dass die Zelte verschwinden, hätte sie das Unmögliche möglich gemacht. „Das wäre dann eine Art Meisterstück“, sagt ein Parteimitglied. Es sei wie ein „Ritterkreuzauftrag“, sagt jemand anderes.

Einen solchen Erfolg könnte Kolat gut gebrauchen. Sie ist, als Senatorin zuständig fürs unerfreuliche Arbeitsmarktthema, in den Hintergrund gerückt, seit sich zwei Männer, Raed Saleh und Jan Stöß, für das wichtigste Amt in Berlin interessieren: das von Klaus Wowereit. Stöß und Saleh, der Partei- und der Fraktionschef, haben vor gut zwei Jahren ein Bündnis geschlossen, um in der SPD aufzusteigen. Ein Putsch gegen den damaligen Chef Michael Müller sollte her und gelang.

Kolat, ein paar Jahre älter als die beiden Männer, war anfangs dabei. Doch als es nach der Wahl um konkrete Positionen ging, da trennten sich ihre Wege. Kolat ging, nach zehn Jahren Landesparlament, in den Senat. Dann versuchte sie, Saleh als Fraktionschef zu verhindern. Das misslang. Saleh und Stöß besetzen seitdem die entscheidenden Ämter und machten fortan klar, dass sie die Wowereit-Nachfolge unter sich auszumachen gedenken, irgendwann. Kolat schien aus dem Spiel und tat so, als wäre ihr das nicht wichtig.

Große Fans oder große Feinde

Doch das stimmt nicht. Dass sie ehrgeizig ist, „extrem ehrgeizig“, wie manche sagen, ist kein Geheimnis. Sie arbeite sehr viel, komme mit wenig Schlaf aus, könne Akten fressen, heißt es. Mit ihr zusammenzuarbeiten sei nicht immer angenehm, denn Kolat verlange viel und verzeihe wenig. Selbst ihre Anhänger sprechen von einem „Führungsproblem“, an dem sie arbeiten müsse. Ohnehin scheint sie, gerade in der Partei, entweder große Fans oder ebensolche Feinde zu haben.

Dazwischen gibt es wenig. Die einen loben das „gewinnende Lächeln“ von „unserer Dilek“, ihren professionellen Auftritt auch auf den Glitzerparketts der Hauptstadt, von der Berlinale bis zum Ball der Wirtschaft. Die anderen beschweren sich über ihren Hang, Feindschaften zu pflegen – insbesondere zu möglichen Konkurrenten.

Vor allem Raed Saleh zählt zu den Gegnern. Mehr als zehn Jahre jünger ist der Fraktionschef. Es ist kaum ein Zufall, dass sich mit Saleh und Kolat zwei in Berlin aufgewachsene Migranten gegenseitig beobachten, beneiden, bekämpfen. Beide haben eine Aufsteiger-Biografie hinter sich, vom unterschätzten Gastarbeiterkind zur beachtlichen Politkarriere.

Sie studierte Mathematik, wurde Bankerin. Er hat, zurzeit nebenbei, ein erfolgreiches Unternehmen. In der Multikultimetropole Berlin scheint es nicht mehr undenkbar, dass ein in Palästina geborener Muslim oder eine in der Türkei geborene Muslima die Regierungsgeschäfte führt. Sollten die Männer die Nachfolgefrage nicht friedlich unter sich klären, wäre ein Mitgliederentscheid möglich, heißt es in der SPD. Dann sind nicht mehr nur Funktionäre gefragt. Und Kolat hätte wieder eine gute Chance.

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