Allein im ersten Halbjahr dieses Jahres trafen bei der Bundesnetzagentur fast so viele Beschwerden über Postdienstleistungen ein wie im gesamten letzten Jahr. Auch die Berliner beklagen von Jahr zu Jahr häufiger missglückte Zustellversuche, den Verlust von Sendungen oder zu spät eintreffende Pakete. Nun steigen gleichzeitig die aufgegebenen Sendungen in rauen Mengen. Seit dem Jahr 2000 hat sich das Sendungsvolumen fast verdoppelt.

Der Hauptgrund dafür liegt im wachsenden Onlinehandel. Die Logistikunternehmen sind mit der Zahl der Zusendungen und Retouren zunehmend überlastet – die Branche sucht händeringend nach Zustellern. Erschwerend kommt hinzu, dass mehr und mehr „Same-Day-Lieferungen“ von Kunden angefragt werden. Gleichzeitig wollen Händler die Versandkosten für Kunden niedrig halten.

„In Deutschland gibt es leider nach wie vor eine ausgeprägte Gratismentalität, wenn es um die logistische Dienstleistung hinter online bestellter Ware geht“, beklagt Marei Martens, Sprecherin von Hermes, und spielt den Ball an die Kunden zurück. Bislang würden die meisten Deutschen weiterhin eine (kostenlose) Zustellung an die Haustür präferieren – auch dann, wenn sie gar nicht zu Hause sind. „Alternative Zustellmethoden wie Paketshops oder das Verschicken an den Arbeitsplatz sind noch nicht so weit verbreitet“, sagt Martens. Seltener als auf dem Land würden die Berliner außerdem die Möglichkeit nutzen, bei Lieferung einen „Wunschnachbarn“ anzugeben, an den das Paket zugestellt werden soll, wenn der Empfänger nicht zu Hause ist, heißt es beim Bundesverband Paket & Express Logistik (Biek). Gerade in einer Großstadt wie Berlin zählt die sogenannte „letzte Meile“ – die Zustellung vom Paketboten zum Endkunden – zu den größten Hürden. „Tendenziell ist der Job des Paketzustellers in der Hauptstadt durch die Verkehrslage sicherlich noch stressiger als im ländlichen Raum“, sagt Martens. 

Ein Pilotprojekt des Berliner Senats, das dem entgegenwirken soll, nennt sich „KoMoDo“: In Prenzlauer Berg werden seit Juni testweise von den Paketdienstleistern DHL, DPD, Hermes, GLS und UPS Lastenfahrräder als Zustellfahrzeuge eingesetzt. Normalerweise transportiert ein Paketbote in seinem Lieferfahrzeug etwa 150 Pakete auf Radien von 30 bis 50 Kilometern pro Tag. Boten, die per Lastenrad ausliefern, müssen auf ein Depot in ihrem Liefergebiet zurückgreifen, aus dem sie immer wieder neue Pakete aufladen. Innerhalb des Pilotprojektes wurde dieses Zwischendepot auf einer Fläche in der Wendeschleife der Straßenbahn an der Eberswalder Straße eingerichtet. „Wir finden nicht genug Grundstücke, um weitere solcher Mikro-Depots einzurichten“, sagt Marten Bosselmann, Geschäftsführer des Bundesverbands Biek. Es würde aber Probleme lösen, wie zum Beispiel die Parkplatzsuche der Lieferfahrzeuge.

Zusätzlich zu Lastenrädern, schicken DPD, Hermes und GLS in Berlin dreirädrige Elektrolastenräder auf die Straße. Die Fehlerquote bei der Zustellung und Verspätungen senken will Hermes mit einer neuen digitalen Tourenplanungssoftware, die individuelle Routenanpassungen vornimmt. Neben Softwarelösungen wird in der Branche auf anbieterneutrale Abholstationen gesetzt. Um die ganz großen Innovationen handelt es sich dabei also noch nicht. Das größte Problem, der Arbeitskräftemangel, bleibt. Der Verband spricht davon, dass die Nachfrage nach Zustellern bis 2022 auf weitere 40.000 anwachsen wird. „Die allerdings sind immer schwieriger zu bekommen, in einigen Regionen ist der Markt quasi leer gefegt – auch weil im Windschatten einer vielfach etablierten Gratisversandmentalität die teils sehr geringen Margen pro Paket kaum ausreichen, den Job eines Zustellers finanziell attraktiv zu gestalten“, sagt Martens.

Verdi moniert seit Langem die teils schlechten Arbeitsbedingungen in der Branche: Eine hohe Belastung bei zugleich niedriger Bezahlung. GLS, DPD und Hermes würden außerdem auf Sub-Unternehmen setzen, deren Mitarbeiter nicht tarifgebunden sind.

„Es ist durchaus denkbar, dass die Haustürzustellung in Zukunft nicht mehr der Standard für die Paketzustellung sein wird“, sagt Annemarie Wiedicke, Sprecherin von DPD. „All diese Entwicklungen im Bereich der Digitalisierung, der City-Logistik, des Ausbaus der Zustellalternativen und die Erweiterung der Kapazitäten werden unausweichlich auch einen Anstieg der Paketpreise zur Folge haben“, so Wiedicke. Dem schließen sich auch die Konkurrenten an.