Günter Voß gibt Computerkurse und ist mit seinen 63 Jahren das Nesthäkchen des Senioren-Computer-Clubs in Mitte. Die Schüler des Projektkoordinators sind im Durchschnitt 76 Jahre alt. Voß ist ein freundlicher, gelassener Mann, dass er viel lächelt, kann man nur an seinen Augen erkennen, denn sein Mund wird von einem großen Schnauzer verdeckt. An diesem Tag geht es um allgemeine Fragen zum Internet, acht Frauen und zwei Männer sind dafür gekommen, allesamt Clubmitglieder.

Kurz geht es um Online-Banking, um sicheres Surfen und den Plan, auch mit Apple-Rechnern zu arbeiten. Eine Frau seufzt: „Also, das ist immer noch eine Wunderkiste für mich“.

Dann werden Fragen zum neuen Betriebssystem laut, das seit Kurzem auf den clubeigenen Rechnern installiert ist. Die Computer werden hochgefahren. „Der Wartekringel sieht hübsch aus“, findet eine Frau in rosa Bluse, eine andere ruft flink eine Webseite mit Klatschnachrichten auf. Man duzt sich, die Stimmung erinnert an eine Klassenfahrt, bei der immer wieder die Bitte geäußert wird, dass laut gesprochen werden soll.

Wir wollen nicht dumm sterben!

Auf die Rechner mit Touchscreen, gespendet von einer Bank, ist Voß besonders stolz: „Das Wischen haben wir ja bereits mit den Tablet-Computern geübt.“ Dennoch muss er der einen oder dem anderen zur Hilfe eilen. Voß leitet das Ende der Übungsstunde ein: „Jetzt ist die große Frage, wie schalten wir die Kiste wieder aus?“

Margarete Bares ist seit einem Jahr im Club und sagt: „Wir sind hier, weil wir nicht dumm sterben wollen! Und weil wir wissbegierig sind.“ Sie habe einen Computer geschenkt bekommen und ihn für E-Mail-Korrespondenz nutzen wollen. Nach einem Jahr im Club auf der Fischerinsel habe die 74-Jährige keine Angst mehr vor der Technik. Es sei heute notwendig, sich damit auseinanderzusetzen, findet die frühere klassische Sängerin.

Auch Max Jaeger hat bereits den Grundkurs absolviert. Der 69-Jährige wollte mit seinen Kindern und Enkeln über Video-Telefonie kommunizieren. In seiner Arbeit als Ingenieur habe er sich nicht mit dem Internet beschäftigen müssen und solche Aufgaben gerne delegiert: „Die jungen Leute konnten das ohnehin schneller.“

Die Witwenrente verjubeln

Inzwischen hat er viel gelernt, es dauere zwar alles länger, aber als Rentner habe er schließlich Zeit. Jaeger meint: „Hier kommen wir zusammen und erzählen uns viel. Dabei entstehen auch Freundschaften.“ Viele der Mitglieder seien alleinstehend, regelmäßig unternehmen die rund 50 Mitglieder Dampferfahrten und Kulturbesuche. „So verjubeln die Damen ihre Witwenrente“, witzelt Jaeger. Für Besucher kostet ein Kurs sechs Euro die Stunde, wer Grundsicherung bezieht oder den Berlin-Pass besitzt, bezahlt drei. Mitglieder zahlen pauschal zehn Euro im Monat. Und die seien für fast jeden erschwinglich, wirft Margarete Bares ein. Dann muss sie schnell los, zum Sport.

Früher hat Günter Voß Dokumentarfilme produziert, die „Computergeschichten“ habe er autodidaktisch gelernt. In beiden Berufen gehe es darum, Leute zusammenzubringen. Der 2009 gegründete Club ist Teil des Vereins und Mehrgenerationenprojekts Kreativhaus in Mitte. Voß’ Stelle werde öffentlich gefördert, ansonsten finanziere sich der Club weitestgehend selbst.

Vom Netz in die analoge Welt

Viele Mitglieder, zwei Drittel von ihnen Frauen, kämen durch einen konkreten Anlass. Weil sie zum Beispiel hilflos vor dem Bahncomputer standen und daran scheiterten, ein Ticket zu lösen. So ist der Computer-Club überhaupt erst entstanden: Eine Rentnerin aus der Nachbarschaft wusste mit ihrer neuen digitalen Kamera nichts anzufangen. Es fand sich ein Fotozirkel zur Selbsthilfe und die Idee, sich auch mit anderen digitalen Phänomenen zu befassen.

Interessierte besuchen die Reihe „Wie werde ich Wikipedia-Autor“, schrauben DVD-Laufwerke auf oder nehmen an dem Projekt eines Mobilfunkanbieters teil, bei dem Senioren Tablet-Computer testen. Voß plant außerdem eine Zusammenarbeit mit dem Berliner Computerspielemuseum. Innovativ solle das Angebot sein, denn die Grundlagen seien schnell erlernt und dann langweilig.

Er habe erlebt, dass eine 84-Jährige, die durch Voß den Weg ins Netz gefunden hatte, anschließend auch in der analogen Welt mehr unterwegs war. Sie habe sich online informiert und Theaterkarten besorgt. Manche Senioren seien allerdings nicht mehr mobil und könnten den Club nicht besuchen, daher plane er Hausbesuche mit Laptop. Die Nachfrage, sagt Voß, sei da.