Ein Unfall auf der Bundesallee in Wilmersdorf. Überhöhte Geschwindigket ist eine der Hauptunfallursachen.
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BerlinAlte Menschen und Fußgänger tragen in Berlin ein hohes Risiko, im Straßenverkehr zu verunglücken. Im vergangenen Jahr starben 21 Senioren bei Verkehrsunfällen, acht mehr als 2018. Die Zahl der im Straßenverkehr getöteten Fußgänger stieg von 19 auf 24. Das geht aus der Verkehrsunfallbilanz 2019 hervor, die von der Berliner Polizei jetzt veröffentlicht worden ist.

Die Daten zeigen, dass es auf den Straßen der Hauptstadt immer häufiger zu Zusammenstößen kommt. So wurden im vergangenen Jahr 147.306 Unfälle registriert, hieß es. Das sind rund zwei Prozent mehr als im Jahr davor und elf Prozent mehr als 2014. Zum Vergleich: Die Berliner Bevölkerung hat in diesem Zeitraum lediglich um knapp sechs Prozent zugenommen. Im Durchschnitt werde die Polizei alle vier Minuten zu einem Verkehrsunfall gerufen, hieß es.

Mit Tempo 208 über die Stadtautobahn

Der Anstieg zeige, „dass alle Anstrengungen, alle Initiativen und Kampagnen der Berliner Polizei allein nicht ausreichen, um die Verkehrssicherheit in Gänze zu gewährleisten“, stellte die Polizei fest. Hauptunfallursachen waren erneut Fehler beim Abbiegen, mit Abstand gefolgt von Nichtbeachten der Vorfahrt und „nicht angepasster Geschwindigkeit“ - auf deutsch: Rasen.

Den Rekord brach ein Fahrer, der auf der Autobahn A100 nahe der Ausfahrt Seestraße mit 208 Kilometer in der Stunde unterwegs war, als die Polizei ihn erwischte. Dort ist nur Tempo 80 erlaubt. Pkw-Fahrer haben auch im vergangenen Jahr die meisten Verkehrsunfälle verursacht - der Anteil betrug mehr als 68 Prozent. Bei den Lkw-Fahrern betrug er 13, bei den Radfahren knapp vier Prozent.

Unfallschwerpunkte waren 2019 der Knotenpunkt am SchlesischesnTor in Kreuzberg, der auf Platz 1 kam, gefolgt vom Großen Stern und drei weiteren großen Plätzen im Westen der Stadt: dem Jakob-Kaiser-, Ernst-Reuter- und Theodor-Heuss-Platz.

Zahl der Verletzten und Toten ging leicht zurück

Doch die nun offiziell veröffentlichte Verkehrsunfallstatistik für 2019 zeigt auch Trends, die positive Aspekte haben. So lag die Zahl der Leichtverletzten (15.458) um 1,1 Prozent unter dem Vorjahreswert, die Zahl der Schwerverletzten (2299) unterschritt sie sogar um 9,5 Prozent. Die Gesamtzahl der Menschen, die im Berliner Straßenverkehr getötet wurden, sank von 45 auf 40. Dennoch gelte weiterhin, dass jeder Verkehrstote einer zu viel ist, hieß es. Und: „Die Zahl der Toten ist alles andere als ein bloßer statistischer Wert“, so die Polizei. „Sie ist ein Gradmesser für alle Verantwortlichen auf sämtlichen Ebenen, ob nun als Planende, Ahnende oder Verkehrsteilnehmer.“

Auch für 2019 muss festgestellt werden, dass Berlin von der Vision Zero weit entfernt ist. Dabei hat auch die rot-rot-grüne Koalition sie als verkehrspolitisches Leitbild ausgerufen. Ziel ist, dass sich im Berliner Straßenverkehr keine Kollisionen mehr ereignen, bei denen Menschen verletzt oder gar getötet werden. Diese Vorgabe wurde im Mobilitätsgesetz, das im Juli 2018 in Kraft trat, verankert. Doch die Entwicklung in Berlin läuft weiterhin in die andere Richtung. Dagegen sind Städte, die konsequenter auf eine Einschränkung des Kraftfahrzeugverkehrs setzen, der Vision Zero zum Teil recht nahe gekommen. Ein Beispiel ist Helsinki. In der finnischen Hauptstadt, in der 1965 nicht weniger als 84 Menschen bei Verkehrsunfällen getötet worden waren, gab es 2019  drei Verkehrstote.

Weiterhin tragen Menschen, die ohne Blechumhüllung in Berlin unterwegs sind, ein höheres Risiko als Kraftfahrer. Auch Menschen, die älter als 64 Jahre alt sind, gelten für die Unfallstatistiker der Polizei als Risikogruppe. Dass diese Einordnung  in immer größeren Maße zutrifft, zeigen die aktuellen Daten der Polizei. So lag die Zahl der Verkehrsunfälle in Berlin, an denen Senioren beteiligt waren, 2019 um fast 19 Prozent höher als 2014. Im vergangenen Jahr waren es 17.512, so die Polizei. Betrachtet man die Gesamtzahl der Senioren, die im Berliner Straßenverkehr verletzt (1530) oder getötet (21) wurden, beträgt der Anstieg immerhin knapp 13 Prozent.

Fußgänger waren im vergangenen Jahr laut Berliner Polizei in 2568 Unfälle verwickelt. Im Vergleich zu den vergangenen Jahren ergeben sich hier allerdings keine großen Veränderungen. Die Zahl der Fußgänger, die bei Unfällen verletzt wurden (2224), liegt etwas unter den Werten der beiden Vorjahren. Die Zahl der getöteten Fußgänger (24) ist allerdings der höchste Wert seit Langem.

Allerdings weisen Statistiker immer wieder darauf hin, dass es von Zufällen abhängen kann, ob Menschen Verkehrsunfälle schwer verletzt überleben oder ob sie dabei sterben. Deshalb wird die Zahl der Verletzten oft als ein besserer Indikator dafür angesehen, wie gefährdet eine Gruppe von Verkehrsteilnehmern ist. Klar war aber auch 2019, dass der Anteil der Fußgänger an der Gesamtzahl der Verkehrstoten (60 Prozent) den Anteil an der Zahl der zurückgelegt Wege in Berlin (30 Prozent) deutlich übersteigt.

Sechs Radfahrer im Berliner Straßenverkehr getötet 

Bei den Fahrradfahrern waren die beiden Anteile dagegen ungefähr gleich. Sechs Radfahrer wurden im vergangenen Jahr bei Zusammenstößen getötet, das sind fünf weniger als 2018, so die neue Polizeistatistik. 7854 Unfälle mit Radfahrern wurden im vergangenen Jahr in Berlin registriert, auch dies weist auf einen leichten Rückgang hin. In 448 Fällen waren es „Alleinunfälle“, an denen niemand anderes beteiligt war. Bei rund 52 Prozent der registrierten Radfahrerunfälle hätten Radfahrer die Hauptunfallursache gesetzt, so die Polizei weiter. Wenn Kraftfahrer schuld waren, dominierten erneut Fehler beim Abbiegen.

Im Vergleich zum Vorjahr sank die Zahl der leicht verletzten Radfahrer leicht auf 4793, die Zahl der schwer verletzten Radfahrer ging ebenfalls leicht zurück - auf 670. Die Polizeistatistiker listeten auch auf, wo sich im vergangenen Jahr besonders viele Unfälle mit Radfahrern ereignet haben. Auf Platz 1 steht der Bereich Warschauer Straße/ Am Oberbaum, gefolgt vom Frankfurter Tor (ebenfalls in Friedrichshain). Auf den nächsten Rangplätzen befinden sich die Otto-Braun-/ Mollstraße sowie die Wilhelmstraße/ Unter den Linden (beide in Mitte).

Erstmals offizielle Zahlen zu Unfällen mit E-Scootern

Rechtsänderungen haben Mitte des vergangenen Jahres dazu geführt, dass in der deutschen Unfallstatistik eine neue Klasse von Vehikeln dazu gekommen ist: Elektrokleinstfahrzeuge. In Berlin wird sie vor allem durch elektrische Tretroller repräsentiert, die auf Gehwegen zur Miete angeboten werden. „Im Zeitraum 15. Juni bis 31. Dezember 2019 ereigneten sich 284 Verkehrsunfälle mit Elektrokleinstfahrzeugen“, stellt die Polizei nun in ihrer jüngsten Statistik fest. 145 Menschen wurden leicht, 32 schwer verletzt. Was die Schuldfrage anbelangt, stellt sich die Situation anders dar als zum Beispiel die Radfahrer. In fast 89 Prozent der Fälle waren die Fahrer dieser Minivehikel daran schuld, dass es zum Zusammenstoß kam, bilanziert die Berliner Polizei. Als Unfallursachen steht an erster Stelle „verbotswidrige Gehwegbenutzung“, gefolgt von „ungenügendem Sicherheitsabstand“.

Wie berichtet hat die Berliner Polizei im vergangenen Jahr rund 13 Prozent mehr Verkehrsordnungswidrigkeiten geahndet als im Jahr davor - insgesamt waren es mehr als 4,5 Millionen.

Einen Anstieg gab es auch bei den Ermittlungsverfahren nach Paragraf 315d des Strafgesetzbuches, mit denen die Polizei gegen verbotene Rennen vorgeht. Sie stieg von 279 (2018) auf 362 (2019). 186 Fahrzeuge wurden beschlagnahmt, 22 mehr als 2018. Bei den „Tatörtlichkeiten“ steht die Autobahn A100 auf dem ersten Rangplatz, gefolgt vom Tunnel Tiergarten Spreebogen (besser bekannt als Tiergartentunnel), der Kantstraße in Charlottenburg, der Pankower Allee in Reinickendorf und der Hasenheide (Kreuzberg/ Neukölln).

„Die steigende Anzahl an Unfällen zeigt, dass vor allem die schwächeren Verkehrsteilnehmer deutlich besser geschützt werden müssen", sagte der FD-Verkehrspolitiker Henner Schmidt. "Die Förderung des Einbaus von Abbiegeassistenten und eine Beschleunigung des Umbaus gefährlicher Kreuzungen ist nötig, um die Anzahl der Unfälle mit Radfahrern zu vermindern. Für Fußgänger müssen sichere Querungen an allen Armen von Kreuzungen und ausreichend lange Ampelphasen auch für langsame Fußgänger zügig umgesetzt werden. Auch ist stärker darauf zu achten, die Gefährdung von Fußgängern auf Gehwegen durch Radfahrer und E-Scooter zu unterbinden. Die Regelungen im nun anstehenden zweiten Teil des Mobilitätsgesetzes sind auf diese Ziele hin zu optimieren.“