In Lichtenberg musste die Feuerwehr in der Nacht zum Dienstag ein Seniorenwohnhaus räumen.
Foto: Morris Pudwell

BerlinErneut gab es einen größeren Corona-Ausbruch in einer Seniorenwohnanlage. In Lichtenberg musste die Feuerwehr in der Nacht zum Dienstag ein Seniorenwohnhaus räumen. In der Einrichtung an der Rudolf-Seiffert-Straße im Ortsteil Fennpfuhl sind nach Angaben der Feuerwehr mindestens 28 Bewohner an Covid-19 erkrankt. Drei von ihnen seien in einem kritischen Zustand, sagte ein Feuerwehrsprecher.

Insgesamt 79 Bewohner wurden seit dem Abend in neun verschiedene Krankenhäuser transportiert. Die Patienten leben in dem Haus in eigenen Wohnungen und werden von einem Pflegedienst ambulant betreut. Nach Angaben von Andreas Chickowsky, der den Pflegedienst leitet, wurde um den 20. April herum zunächst ein Bewohner wegen allgemeiner Beschwerden ins Krankenhaus eingeliefert. Er wurde dann positiv auf das Coronavirus getestet. Danach seien im ganzen Haus etwa 80 Menschen getestet worden.

In der Nacht zum Dienstag ordnete die Senatsverwaltung für Gesundheit die Räumung des Heims an. „Eine Testung des Personals wurde angeordnet. Weitere Einrichtungen des Betreibers sollen auf Covid-19 untersucht werden“, teilte ein Sprecher der Gesundheitsverwaltung mit. Die GmbH betreibt neben dem Haus an der Rudolf-Seiffert-Straße noch sechs weitere Seniorenwohnanlagen.

An dem Großeinsatz der Feuerwehr, der bis in den frühen Dienstagmorgen andauerte, waren etwa 70 Rettungskräfte beteiligt. Die Feuerwehr bildete zwei Einsatzabschnitte: die Transportvorbereitung im Inneren des Gebäudes und die Transportorganisation im Freien. Das Deutsche Rote Kreuz und ein Krankentransportunternehmen unterstützten den Einsatz mit Autos und Personal. Nachdem die Bewohner untersucht wurden, wurden sie mit insgesamt 32 Autos in Kliniken gebracht. Wie es zu dem Virus-Ausbruch in der Einrichtung kommen konnte, ist derzeit noch unklar.

Eine Polizeisprecherin bestätigte Informationen der Berliner Zeitung, wonach Ermittlungsverfahren eingeleitet wurden. Die Vorwürfe lauten Freiheitsberaubung und Misshandlung von Schutzbefohlenen. Grund seien strafrechtlich relevante Feststellungen im Zusammenhang mit der Unterbringung und Behandlung von Pflegeheimbewohnern.

Zu den Ermittlungen der Polizei sagte Pflegedienst-Leiter Chickowsky: „Ich gehe davon aus, dass die Vorwürfe nicht aufrecht erhalten werden.“ Es habe sich um einen Patienten gehandelt, der vor sich selbst geschützt werden musste und während des Einsatzes in seiner Wohnung eingeschlossen worden sei. Allerdings habe er selbst einen Schlüssel gehabt.

Die Wohnanlage ist jetzt gesperrt, die Polizei hat die Türen versiegelt. Wie es weitergeht, wusste der Pflegedienst-Chef am Dienstag noch nicht. „Es ist eine unangenehme Situation“, sagte Chickowsky, der nach eigenen Worten am liebsten das ganze Haus erst einmal desinfizieren würde. „Jetzt müssen wir herausfinden, welcher Bewohner in welches Krankenhaus eingeliefert wurde, und dann die Angehörigen informieren."

Die 20 Mitarbeiter des Hauses hat er in den Urlaub geschickt mit der Aufforderung, zu Hause zu bleiben. Sie sollen erst nach einem negativen Corona-Test wieder eingesetzt werden. Die Gesundheitsbehörden von Bezirk und Senat untersuchen derzeit, inwieweit die Hygieneregeln eingehalten wurden. So beklagte sich eine Frau, deren über 80 Jahre alte Eltern in dem Heim leben, gegenüber dieser Zeitung, dass das Pflegepersonal auch in der vergangenen Woche noch ohne Mundschutz das Essen verteilt habe. „Ein Teil unseres Geschäftes besteht derzeit darin, Schutzausrüstung zu besorgen“, sagte Chickowsky. „Wir leben von der Hand in den Mund, aber wir haben immer Mittel und Wege gefunden, um an Schutzmasken zu gelangen.“

Seit Beginn der Corona-Pandemie hat es bundesweit etliche Covid-19-Ausbrüche in Pflegeheimen gegeben. Dabei steckten sich zahlreiche Bewohner und Pfleger an, viele Menschen sind gestorben. In Berliner Seniorenheimen haben sich nach Angaben der Senatgesundheitsverwaltung bislang 186 Bewohner und 98 Mitarbeiter mit dem neuartigen Coronavirus infiziert. 38 Bewohner sind an einer Erkrankung gestorben. 48 Einrichtungen sind betroffen.

Dazu gehörte unter anderem Anfang dieses Monats ein Pflegeheim in Britz. Dort starben zwei Bewohner und ein ehrenamtlicher Helfer nach einer Infektion mit dem Coronavirus. 18 Bewohner und vier Mitarbeiter des Pflegeheims waren infiziert. Bereits seit einigen Tagen verhandelt die Gesundheitsverwaltung nach Angaben eines Sprechers mit den zuständigen Verbänden über großflächige Tests in Senioren-Einrichtungen auf freiwilliger Basis.