Berlin - Die Sache mit der Heizung, die ist ärgerlich. Sie funktioniert nicht mehr, ist abgestellt, im ganzen Haus. „Abends hätten wir es gern etwas wärmer“, sagt Peter Klotsche. Der 71-Jährige aus Pankow hat sich in den vergangenen drei Monaten an so manches gewöhnt: ans Schlafen auf der Pritsche, an ständigen Besuch im Haus und an stundenlange Debatten. „Mit der Zeit fällt es schwer, das durchzuhalten“, sagt Klotsche.

Vor allem jetzt, ohne Heizung. Es ist Herbst, bald kommt der erste Frost. „So geht es nicht weiter. Die Nerven liegen blank“, sagt Peter Klotsche. Gern würde er mal wieder einen Abend mit seiner Frau vor dem Fernseher sitzen, auf der bequemen Couch im warmen Wohnzimmer.

Verhandlungen mit dem Bezirk

Es ist neun Uhr morgens in der Stillen Straße 10 in Pankow. „Tag 82“ hat Peter Klotzsches Ehefrau Brigitte über das Datum im Tagesablaufplan geschrieben. Seit drei Monaten halten die Senioren ihren Treffpunkt in der Stillen Straße besetzt. Sie sagen, sie hätten keine andere Möglichkeit mehr gesehen, um gegen die Schließung ihrer Einrichtung zu protestieren. Der Bezirk Pankow hat den Rentnertreff im Juli geschlossen.

Das Gebäude, eine alte Villa mit einem großem Garten, sei zu teuer, hieß es. Das Haus müsse dringend saniert werden, auch dafür fehle das Geld. Im Juli wurde das Telefon abgestellt, nun die Heizung. Wären die Besetzer junge Leute, hätte die Polizei sie längst geräumt. Bei den Alten hat sich das noch keiner getraut.

Am Donnerstag kann sich nun entscheiden, ob der Protest der Senioren erfolgreich war. Der Bezirk sucht eine Einrichtung, die den Seniorentreff übernehmen würde. Die Volkssolidarität stellt ihr Konzept dem Finanzausschuss des Bezirksparlaments vor. Ob die Seniorenvereinigung die Einrichtung tatsächlich übernehmen kann, ist jedoch ungewiss, vor allem eine Frage der Kosten und Verhandlungssache mit dem Bezirk.

Über 12.000 Unterschriften

Der Wert des Grundstücks in der Villengegend rund um den Majakowskiring liegt bei 350 000 Euro, das Haus ist 70 000 Euro wert. Für die Besetzer ist die Volkssolidarität die letzte Hoffnung. „Es wäre schade, wenn unser Protest vergebens gewesen wäre“, sagt Doris Syrbe (72), die Clubvorsitzende. Sie sei am Ende ihrer Kräfte, und die anderen seien es auch. „Bei jedem von uns hat diese Besetzung gesundheitlich Spuren hinterlassen. So können wir nicht weitermachen.“

Das liegt auch daran, dass die Senioren nicht damit gerechnet hatten, welch große Resonanz ihre Aktion hervorrufen würde. „Wut-Rentner“, „Aufstand der Alten“, „Oma macht jetzt Occupy“, titelten Zeitungen. Im Laufe weniger Tage waren die Besetzer aus der Stillen Straße berühmt geworden. Tag und Nacht kamen Besucher. Reporter, Fotografen, Kamerateams aus vielen Ländern gingen durch das Haus.

Nachbarn brachten Lebensmittel und kochten Suppe. Mitglieder politischer Gruppen schrieben solidarische Grüße in dicke Gästebücher. Die Besetzer protestierten im Bezirksparlament und vor dem Abgeordnetenhaus, sie zeigten ihre Plakate vor der Premiere eines Films über rüstige Rentner. Sie wurden Teil einer Bewegung gegen Sozialabbau und steigende Mieten. Politiker der Linkspartei kamen und versprachen Hilfe, Künstler traten auf, es gab Lesungen und Vorträge.

Eine Delegation junger Leute aus Spanien reiste an, am gestrigen Mittwoch besuchte eine Delegation des Bundespresseamtes das Haus, mit 50 Gästen aus Hessen. Und nebenbei lief auch noch das übliche Wochenprogramm für die Senioren: Englischkurs, Schachgruppe, Sport.

Über 12.000 Unterschriften stehen jetzt auf einer Online-Petition, Unterstützer aktivierten ein eigenes Internetportal für die Stille Straße 10, legten eine Facebook-Seite an, bei Twitter gibt es die neuesten Infos. Moderner und technisch versierter können auch Jüngere ihren Protest nicht publik machen. „Wir haben so viel Solidarität und Unterstützung bekommen“ sagt Doris Syrbe.

Ratschläge für andere Besetzer

Mit fünf weiteren Senioren übernachtet sie seit drei Monaten im Haus, alle haben sich provisorisch eingerichtet. Die Rentner bauen abends ihre Liegen auf und räumen sie morgens wieder weg. „Das ist natürlich nicht so schön wie zu Hause, aber wenn man nicht so anspruchsvoll ist, dann ist das alles zu ertragen“, sagt Doris Syrbe.

Eine Umstellung war es trotzdem. Die meisten Senioren leben allein, sie haben gewohnte Tagesabläufe, sie suchen Ruhe, keine Aufregung. Doch in der besetzten Villa ist es immer aufregend. Ohne Kalender ist der Tagesplan nicht zu bewältigen. Bis zum späten Abend stand die Villa anfangs offen, jetzt gibt es Öffnungszeiten, Besuch empfangen die Besetzer von 9 bis 17 Uhr. Mal muss auch Ruhe sein.

Und wird der Rentnertreff tatsächlich schließen, dann haben die Senioren schon eine neue Aufgabe entdeckt. „Wir geben anderen Besetzern gern gute Ratschläge“, sagt Doris Syrbe. „Wir wissen jetzt, wie man sowas macht.“