Doris Syrbe sagt, sie sei jetzt sehr optimistisch. „Nun dürfte wirklich nichts mehr schiefgehen.“ Die 75-jährige Frau aus Pankow gehörte vor drei Jahren zu einer Gruppe entschlossener Senioren, die ihren Freizeittreff in der Stillen Straße 10 in Pankow besetzt hatten. Die alten Leute schliefen über 100 Tage auf Matratzen, malten Plakate und kämpften für ihren Rentnerclub, den das Bezirksamt Pankow wegen zu hoher Kosten schließen wollte. Als „Wutrentner“ und die „ältesten Hausbesetzer der Welt“ wurden die Senioren berühmt.

Nach langen Verhandlungen mit dem Bezirk übernahm die Volkssolidarität die Freizeitstätte. Doch auch dem Sozialverband fehlte das Geld für die rund 850.000 Euro teure Sanierung der Villa aus den 1930er-Jahren, in der Fluchtwege fehlen und der Brandschutz nicht mehr zeitgemäß ist. Zweimal lehnte die Klassenlotterie einen Förderantrag der Senioren ab. „Trotzdem sind wir immer optimistisch geblieben“, sagt Doris Syrbe.

Bund verkauft Grundstücke

Jetzt könnte ein Grundstücksgeschäft die rettende Lösung zum Erhalt des Seniorentreffs sein. Es geht dabei um ein knapp 4000 Quadratmeter großes Areal an der Tschaikowskistraße 14, etwa 200 Meter von der Stillen Straße 10 entfernt. Das Grundstück, das derzeit noch von einer Autowerkstatt genutzt wird, gehört der Bundesrepublik. Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, die das Bundesvermögen verwaltet, will sich bis 2018 von etwa 4500 Wohnungen und potenziellen Baugrundstücken in Berlin trennen und diese an das Land Berlin verkaufen. Berliner Wohnungsbaugesellschaften sollen auf den Bauflächen Wohnungen mit sozial verträglichen Mieten bauen.

Senioren ziehen in ein neues Haus

Bisher war auch das Grundstück an der Tschaikowskistraße für so ein Wohnhaus vorgesehen. Doch seit einiger Zeit verhandelt die Volkssolidarität mit den Behörden darüber, dass sie das Grundstück selbst kaufen und darauf ein Mehrgenerationenhaus und eine Wohneinrichtung für 30 behinderte Menschen bauen könnte. Zum Hausprojekt soll auch ein öffentliches Café gehören und ein modern eingerichteter Seniorenfreizeittreff mit barrierefreiem Zugang. Man könnte auch sagen, die Stille Straße 10 zieht an einem neuen Ort.

Am Donnerstagabend wird der Berliner Geschäftsführer der Volkssolidarität, André Lossin, den Pankower Verordneten im Ausschuss für Stadtentwicklung sein Konzept vorstellen und in diesem nichtöffentlichen Teil der Sitzung über den aktuellen Stand der Verhandlungen berichten.

Vor allem SPD und Linke setzen sich für das Sozialprojekt und den Grundstücksverkauf an die Volkssolidarität ein. „Das Projekt bietet eine gute Möglichkeit zur Bündelung sozialer Angebote und würde eine dauerhafte Sicherung des Seniorentreffs Stille Straße 10 ermöglichen“, heißt es in ihrem Antrag. Volkssolidarität-Geschäftsführer André Lossin sagte der Berliner Zeitung: „Die Bereitschaft ist sehr groß, unsere Pläne umzusetzen.“

Fester Zusammenhalt führte zum Ziel

Die Senioren in der Stillen Straße 10 sind nach der Besetzung der Villa eine gut organisierte Gruppe mit vielen Unterstützern geblieben. „Vor allem im Alter ist ein fester Zusammenhalt und eine gut funktionierende Gemeinschaft sehr wichtig“, sagt Doris Syrbe. Täglich läuft ein volles Programm. Vormittags kommen Kinder einer naheliegenden Kita zum Malen, dann übt die Sportgruppe, anschließend treffen sich die Teilnehmern des Englischkurses. Weitere Kurse gibt es in Handarbeit, Power-Fitness und Schach. Montags probt der Chor. Jede Woche kommen etwa 200 Senioren in die Villa.

Von vielen Politikern fühlen sich die Senioren nach ihrem jahrelangen Kampf um den Freizeittreff im Stich gelassen. „Ich weiß nicht, warum der Staat die Alten zur Seite drängt“, sagt Doris Syrbe.