Gramzow - Für einen Ort, an dem ein revolutionärer Umbruch stattgefunden hat, ist es am Bahnhof Gramzow ziemlich still. Er dämmert am Rand des Uckermark-Ortes, der 2000 Einwohner hat, vor sich hin. Es herrscht eine schläfrige Nebenbahnatmosphäre mit einem 30 Meter hohen Speicher, einem Lokschuppen und Gleisen, die sich zwischen Feldern verlieren. Doch nach der Eröffnung 1905 war der Bahnhof in Gramzow das Zentrum des Fortschritts. „Als die Eisenbahn aufs Land kam, hat sie das Leben revolutioniert“, sagt Dieter Engel. Das wollen er und seine Mitstreiter zeigen. Engel gehört zu den Gründern des Brandenburgischen Museums für Klein- und Privatbahnen.

Nie wieder zu Fuß in die Stadt

Noch vor zwei Jahrhunderten war es so: Wer verreisen wollte, musste wandern, und wer etwas befördern wollte, musste einen Karren organisieren. „Als die Eisenbahn aufkam, merkten die meisten bald, dass dies ein Riesenfortschritt war. Niemand musste mehr zu Fuß in die Stadt, und Waren ließen sich plötzlich viel einfacher befördern“, so Engel.

Der 54-Jährige steht im Güterboden, der zum Museum gehört, vor Bahnhofsstempeln. Sie tragen Namen von Orten, die plötzlich Teil eines europaweiten Wirtschaftsnetzwerks geworden waren: Güterberg, Schwaneberg, Schmölln. Die Museumsleute haben auch viele hundert Pappkärtchen vor dem Müll bewahrt. Es handelt sich um den alten Fahrkartenvorrat des Bahnhofs Gramzow, der den Bewohnern die Umgebung und die Welt öffnete: Zichow, Prenzlau, Berlin. Sie konnten in einem geheizten Raum auf den Zug warten, ein Service, der auf dem Land jetzt sehr selten geworden ist.

„Der Dienst ist schwer, das Herz ist leicht, drum Herrgott bleib uns stets geneigt“ steht auf einem gestickten Bild für Paul Kühne, seines Zeichens Eisenbahner. Landstationen waren Arbeitsplätze für viele Menschen. „In Gramzow wurden noch nach der Wende Fahrkarten verkauft, und ein Güterzug brachte Kohlen, Dünger, Landmaschinen.“

Doch 1993 war damit Schluss, 1995 endete auch der Personenverkehr. Engel: „Der Bus fährt öfter und schneller nach Prenzlau, und die Haltestellen liegen zentraler. Er war auch billiger. Kein Wunder, dass keiner mehr mit dem Triebwagen fuhr. Nur bei seiner letzten Fahrt war er noch mal voll. Dann wurde es still auf dem Bahnhof Gramzow“ – und die Museumsinitiative war allein.

1991 gab es die ersten Ideen. Dieter Engel hatte seine Arbeit als Motorenschlosser verloren, doch er wollte nicht untätig sein. „Wir waren Eisenbahnfreunde, die Altes bewahren wollten.“

In Gramzow wurden sie fündig: „Da war noch alles da, im Original, bis hin zu den Einrichtungen für die Viehverladung. Einfach ideal.“ Dank öffentlicher und privater Unterstützung konnte das Museum 1996 öffnen, und seitdem hat sich dort viel getan.

Zum Beispiel ist Gramzow nun Ausgangspunkt einer Museumsbahn. Dem Verein gehören 15 Kilometer Strecke. An neun Tagen in diesem Jahr (als nächstes am 26. und 27. Juli) dieselt eine Lok, die einst im Armaturenwerk Prenzlau Dienst tat und Tempo 35 schafft, mit einem Werkbahnwagen aus Schwedt übers Land. „Eine schöne Fahrt. Uns war lange nicht klar, wie reizvoll unsere Uckermark ist.“

Es gibt aber noch mehr Betrieb in Gramzow. So können die Besucher an diesem Pfingstsonntag und am Pfingstmontag im Führerstand einer Lok durch den Bahnhof fahren, außerhalb von Veranstaltungstagen dürfen sie auf drei Kilometern in die Pedale treten – dann werden Handhebeldraisinen vermietet. Engel: „Es ist ein Museum zum Anfassen und Mitmachen.“ Aber eben auch eines zum Anschauen, denn in Gramzow stehen viele Fahrzeuge.

Etwa eine Dampflok, die einst durch die Prignitz fauchte. Ein Triebwagen der Prenzlauer Kreisbahnen. Ein Schmalspurzug, den ein Bahnfan in Zepernick in seinem Garten stehen hatte. Oder die bullige Elektrolok L 22, die einst auf der Industriebahn Oberschöneweide unterwegs war. Und auch der eine oder andere Exot wie ein Bassinwagen des Königlich Preußischen Branntweinmonopols von 1885, der 13.000 Liter Industriealkohol fasste. „Unser Schnapswagen“, sagt Engel.

Ein bunt zusammengewürfeltes Team betreibt das Museum. Zu ihm gehört auch Ralf-Ronald Schlieper. Zu DDR-Zeiten war er Forstwirt, dann Werbegestalter. Es verschlug ihn zur Erdgastrasse in die Sowjetunion, wo er Ute Freudenberg und andere Musiker betreute, die vor den Arbeitern auftraten. Nach der Wende baute er zuletzt für einen Fast-Food-Konzern Kinderspielplätze auf. „Es wurde immer härter, und es gab immer weniger Geld.“ Jetzt kümmert er sich im Bahnmuseum um die Gestaltung.

Eine wechselhafte Biografie, wie sie die Eisenbahn in Gramzow hinter sich hat. Nicht überall ist es so still wie dort, sagt Dieter Engel: „Die Regionalexpresszüge, die in Prenzlau halten, sind voll. Die Bahn hat eine Zukunft. Auch auf dem Land.“

In der Serie „Bahnhöfe in Brandenburg“ stellen wir Stationen vor, die gerettet wurden und wieder eine Zukunft haben. Nächste Folge: Falkenberg/ Elster.

1. Folge: Prenzlau Vorstadt (31.5./1.6.)