So ordentlich sieht es in den Wohnungen, die Mario Kruppa räumt, meist nicht aus. In vielen Fällen sind die Mieter längst weg und lassen nur Gerümpel und Müllberge zurück (Symbolbild).
Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

BerlinWer fremde Türen öffnet, sollte auf alles gefasst sein, Mario Kruppa weiß das. Gut möglich, dass dahinter normaler Arbeitsalltag auf ihn wartet, aber es gibt auch die anderen Fälle, nicht oft, aber sie kommen vor. Kruppa sagt, eine Räumung sei immer ein einschneidender Moment: „Da hat man jegliche Art von Gefühlsausbruch, von Wut bis völliger Verzweiflung oder Gleichgültigkeit – es ist alles vorhanden.“

Weit mehr als 1000 Wohnungen hat er schon geräumt. Seit knapp 25 Jahren arbeitet er in dem Job. Kruppa stellt das letzte Glied in einer langen Kette juristischer Schritte dar. Wenn ein Gericht das Räumungsurteil gesprochen hat und die Terminankündigung raus ist, macht er sich auf den Weg. Kruppa ist der Rausschmeißer, der Leute aus ihrer Wohnung holt, die keine Miete gezahlt haben und sich weigern, von selbst zu gehen.

Manchmal sind die Wohnungen sauber und ordentlich, Teller und Kaffeetassen stehen in der Spüle, dann weiß Kruppa: Die Mieter haben gefrühstückt und sind normal zur Arbeit gegangen. Andere stehen mit gepackten Kisten da und drücken ihm den Schlüssel in die Hand. Einige wollen diskutieren, manche sagen: „Na, aber doch nicht heute.“

Letztlich aber holt Kruppa sie alle, der Gerichtsvollzieher hat keine Möglichkeit, Räumungen zu verschieben. „Die Justiz ist ein Uhrwerk“, sagt er. „Man kann Ärger machen, aber das Uhrwerk läuft weiter.“

"Völlig normale Menschen"

Kruppa ist der Typ freundlicher Bouncer, sehr kräftig, schroff berlinernd, mit glattem, rosigem Gesicht. Er läuft durch die Straßen von Friedrichshain, steuert an Läden für Öko-Kindermode und dänischem Design vorbei auf ein Café zu, als ihm wieder einmal auffällt, wie die Stadt sich verändert hat. Die gentrifizierten Lifestyle-Kieze gefallen ihm nicht, nicht hier und nicht in Prenzlauer Berg, wo er aufgewachsen ist. Er setzt sich an einen Tisch in der Ecke.

Es ist nicht leicht, Gerichtsvollzieher zu finden, die bereit sind, über ihre Arbeit zu sprechen. Kruppa will reden, weil er seinen Beruf liebt und stolz darauf ist, dass er ihn gut macht. Aber unter einer Bedingung: Sein richtiger Name soll nicht in der Zeitung stehen.

Mit seinem Job stößt er oft auf Irritation, er sagt: „Die Menschen denken immer: Ach du Schreck, du musst ja so schlimme Sachen machen. Dabei sind die meisten Schuldner völlig normale Menschen.“ Auch sein Bezirk soll nicht genannt werden, nur so viel: Er ist viel in Großwohnsiedlungen unterwegs, auch härtere Gegenden gehören dazu, soziale Brennpunkte.

Gerichtsvollzieher sind Landesbeamte, aber sie arbeiten weitgehend selbstständig. Kruppa bekommt seine Aufträge, aber wie er sie ausführt, bestimmt er selbst. Nur an das Gesetz muss er sich halten. In seinem Amtsgericht gibt es 35 Gerichtsvollzieher, berlinweit sind es 272. In Berlin wurden 2018 knapp 5 000 Räumungsaufträge erteilt, an seinem Amtsgericht wird relativ häufig auf Räumung geklagt. Aber die Zahlen sinken. Kruppa sagt, dass er noch vor fünf Jahren im Schnitt zehn Termine pro Monat hatte; jetzt sind es noch zwei oder drei.

Der Druck auf dem Mietmarkt hat viel zur Zahlungsmoral in Berlin beigetragen, sagt Kruppa. Früher bezahlten Leute in Geldnot mitunter lieber ihre Otto-Bestellung oder ihren neuen Fernseher anstelle der Miete. Das ist heute anders. „Die Menschen haben erkannt, dass der Wohnraum begrenzt ist, und dass es wichtig ist, Miete zu zahlen.“

Coole Typen mit Lederjacken

Kruppa fing zunächst als Beamter im mittleren Justizdienst an. Nach der Ausbildung landete er im Bereich Zwangsvollstreckung. Da saß er in seinem Büro, und ab und an sah er, wie er sagt, „so coole, lockere Typen“. Die waren anders als die älteren, trockenen Männer, die sonst in der Behörde arbeiteten. Diese Männer machten ihn neugierig mit ihren lässigen Lederjacken. Er fragte seine Kollegen: Wer ist das? Die sagten ihm: Das sind Gerichtsvollzieher.

Bei der Arbeit ist er fern des Zentrums unterwegs, zwischen Wohntürmen und Blocks, wo vor allem Menschen mit wenig Geld wohnen, Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger, auch Familien mit Kindern. Ob er sich manchmal schlecht fühlt? „Nö“, sagt er. „Ich vollstrecke doch nur das, was das Gericht entschieden hat.“
Halt, einer fällt ihm doch ein, ein junger Mann, ehemaliger Lackierer. Der hatte sich bei der Arbeit den ganzen Arm mit Lack vollgespritzt, und dann fing das Zeug irgendwie Feuer. Danach fehlte ihm eine halbe Hand, er war damit berufsunfähig und bekam nur eine kleine Rente. Die reichte nicht, und so kam irgendwann Mario Kruppa zu ihm. „Das war der Einzige, wo ich sage: Der hat wirklich Pech gehabt.“

Wie Kruppa es sieht, haben sich alle anderen ihre Misere selbst eingebrockt; die meisten wüssten das auch. „Der Schuldner hat immer Schuld“, sagt er. In vielen Fällen sind sie längst weg und lassen nur Gerümpel und Müllberge zurück. Kruppa sagt, er bleibt manchmal beim Zappen bei Privatsendern hängen, „Messie-Alarm“, er lacht. „Ich denke immer, was haben die denn? So sehen Wohnungen halt aus.“

Er findet manches, was unangenehm ist. Auch Tote. Dann stellt er die Räumung ein und ruft Feuerwehr und Polizei. Im Treppenhaus merkt man meist nichts, erst, wenn die Tür aufgeht, kommt der Geruch. „Der Hauch des Todes“, sagt Kruppa.

Selbstmord mit Überdosis Insulin

Manche macht der Tod zu Mietschuldnern. Die Leichen liegen mitunter schon seit Monaten da, und dann weiß Kruppa, warum so lange keine Miete mehr überwiesen wurde. Es gibt aber auch den umgekehrten Fall: Menschen die sich wegen des Räumungstermins umgebracht haben. Einen fand Kruppa auf seiner Couch, der war Diabetiker und hatte sich eine Überdosis Insulin gespritzt. Aber so was sind Ausnahmen: „Ich hatte 15 Jahre lang keine Toten. Und dann plötzlich in einem Dreivierteljahr drei.“

Alles in allem hat die Arbeit von Gerichtsvollziehern viel mit Behördenroutine zu tun, ihr Job ist kein permanenter Kriseneinsatz. „Eskalationen sind selten“, sagt Markus Oegel, Vorsitzender des Vereins der Obergerichtsvollzieher in Berlin; auch deshalb reagieren sie skeptisch auf Journalisten. Sie ahnen, dass viele Medien auf Sensationsgeschichten aus sind. Drei, vier Anfragen erhalte sein Verband im Monat, sagt Oegel, die meisten lehne er ab.

Zu den Aufgaben gehören allgemein das Eintreiben von Geldforderungen, Pfändungen, die Abnahme von Eidesstattlichen Versicherungen und Vermögensauskünften; mitunter müssen sie auch im Auftrag des Jugendamts Kinder aus ihren Familien holen. Die Räumung, sagt Oegel, sei davon sicher mit den größten Risiken verknüpft: „Merkwürdigerweise sind in diesem Bereich die Älteren gefährlicher, also Leute ab 50. Bei denen ist die Bereitschaft, Widerstand zu leisten, am größten.“

Ein Gerichtsvollzieher sollte nicht sensibel sein. Beleidigungen kommen vor, auch mit Gewalt ist zu rechnen. Vor einigen Jahren wurde ein Gerichtsvollzieher in Berlin mit einem Beil angegriffen. „Man muss ein bisschen Psychologe sein und wissen, wie man mit schwierigem Publikum kommuniziert“, sagt Oegel.

Interkulturelle Kompetenz hilft, ebenso Erfahrung. Auch der Verbandsvorsitzende arbeitet gerne in dem Beruf, weil das Recht nicht viel Wert ist, wenn es nicht einen gibt, der es im Notfall erzwingt. „Dem Gläubiger nutzen, den Schuldner schützen“ – das ist seine Maxime: „Was nützt Ihnen das Urteil, das der Richter spricht? Letztlich muss der Rechtsstaat in der Lage sein, sich durchzusetzen.“

An einer harten Ecke von Prenzlauer Berg

Fragt man Mario Kruppa, was man für den Job mitbringen muss, sagt er: „Entscheidungsfreude. Das ist das Einzige. Und das kann man nicht lernen.“ Er stammt aus einer Altbausiedlung in Prenzlauer Berg, das war damals eine raue Ecke. Als vor einigen Jahren die Berichte über die Rütli-Schule umgingen, dachte er: So war es bei uns früher auch. Es gab zwar keine Araber, aber Gangs, auf dem Schulhof war oft Stress.

Kruppa sagt, die Innenhöfe der Häuser waren damals nicht unterteilt, man konnte vom einem in den anderen gehen, aber in jedem Karree gab es eine Clique, Jugendliche, die im Schatten der Häuser lungerten, Karten spielten; und wer nicht dazugehörte, war nicht gern gesehen. „Man kannte natürlich auf jeden Hof irgendwen. Und wenn der da war, konnte er über den Hof gehen, wenn nicht, dann besser nicht“, sagt Kruppa.

Schon als Kind lernte er, Risiken abzuwägen, Situationen einzuschätzen. „Geh ich da rüber, geh ich da nicht rüber? Wann wechsel ich die Straßenseite? Sie sehen ja, wie ich aussehe. Ich war nicht so der Sprinter.“ Weglaufen war für ihn nie eine Option, sagt er. „Das hat mich für diesen Beruf gut vorbereitet.“

Sobald Kruppa eine Wohnung betritt, muss er wissen: Wie wirke ich auf den Schuldner ein? Baue ich Druck auf? Muss ich laut werden? Oder gehe ich den sanften Weg?

Kruppa ist der Typ, den die Kollegen anrufen, wenn es schwierig werden kann. „Im Vorfeld mache ich mir vielleicht Gedanken“, sagt er. „Je genauer man die Räumung plant, umso geschmeidiger verläuft sie dann. Die Gefahr ist eher, dass sich so eine Art Betriebsblindheit einschleicht.“ Für Kruppa sind Wohnungsräumungen Routine. Für die Schuldner stellen sie oft eine existenzielle Notlage dar; wenn er das vergisst, kann es heikel werden.

Es gibt in seinem Bezirk durchaus Leute, die schon im Gefängnis saßen, auch Gewalttäter. Aber die machen meist keinen Ärger. Die Justiz sei ein Uhrwerk, wiederholt Kruppa, solche Menschen wissen das.

"Herr Kruppa, ich glaube, der hat Waffen"

Viel unberechenbarer sind die, bei denen man nicht mit Gewalt rechnen würde, die wenigsten planen Angriffe. Deswegen sei es wichtig, den Menschen in seiner Bedrängnis nie aus den Augen zu lassen, sagt Kruppa. Gerichtsvollzieher nehmen an regelmäßigen Sicherheitstrainings teil, geschult werden sie von Einsatztrainern der Berliner Justiz. Seit Kurzem können sie sich auf Kosten des Landes Schutzkleidung besorgen, Schutzwesten, Stichschutzhandschuhe.

Wenn ihm eine Räumung gefährlich erscheint, holt Kruppa die Polizei dazu. Er hatte mal einen Termin, da rief der Vermieter vorher an: „Herr Kruppa, ich glaube, der hat Waffen.“ Kruppa fragte beim Polizeiabschnitt nach, zum Räumungstermin kam gleich ein SEK. Kruppa entscheidet, ob er Amtshilfe braucht, den Umfang bestimmt die Polizei.

Kruppa hat schon viel erlebt. Einmal fand er eine Familie in ihrem Wohnzimmer vor, da saßen sie alle auf dem Fußboden und beteten. Aber er trägt den Schuldnern nichts nach. „Es sind ja alles Menschen. Und deren Schwäche ist ja das, was meine Berufstätigkeit begründet.“ Kruppa ist bei Räumungen nie alleine, ein Schlosser ist immer dabei, meist zwei Zeugen. Oft kommt noch jemand von der Hausverwaltung oder die Männer von der Spedition.

Es gibt zwei Arten von Räumungen: Entweder, die Möbelpacker räumen alles aus, und der Gerichtsvollzieher übergibt die Wohnung besenrein an den Vermieter; die Möbel werden in manchen Fällen eingelagert. Die andere Möglichkeit ist der beschränkte Räumungsauftrag, bekannt als „Berliner Räumung“. Dabei holt der Gerichtsvollzieher nur den Schuldner aus der Wohnung, sein Hab und Gut bleibt drin. Diese Räumung ist für den Vermieter viel günstiger, deshalb, sagt Kruppa, wird sie in seinem Bezirk häufiger in Auftrag gegeben. Eine klassische Räumung kostet leicht 4 000, 5 000 Euro, es kann auch deutlich teurer werden.

Seine Arbeitstage beginnen   gegen acht, meist ist er zwischen 12 und 14 Uhr fertig. Am Nachmittag läuft er nicht mehr gern in dem Teil der Stadt herum, wo er arbeitet. „Dann ist es eine ganz andere Art von Bezirk“, sagt Kruppa. Ab 16 Uhr füllen sich die die Straßen, und dann kann es sein, dass er seinen Schuldnern in den Geschäften begegnet.
Manchmal stehen gleich zwei oder drei unabhängig voneinander im selben Discounter, und alle nicken ihm zu. So etwas ist Kruppa unangenehm; er will die Leute nicht bloßstellen. Eine Räumung ist ja so eine unangenehme Erfahrung.

Demnächst Teil 4: Unterwegs im Mietkrisenbezirk: Die Sozialarbeiter von Neukölln