In der Claire-Waldoff-Straße, einer kleinen stillen Seitenstraße der Friedrichstraße, haben die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie und der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde ihren Sitz. Ihr Hauptgeschäftsführer Christoph Minhoff empfängt uns in der dritten Etage des schlichten Flachbaus. Über seinem Schreibtisch hängt ein Plakat des Fernsehsenders Phoenix. Das hat seinen Grund: Minhoff war dort jahrelang Programmdirektor. Und so plaudern wir einige Minuten über Fernsehformate und Sehgewohnheiten, bis wir zum Thema Essen kommen.

Herr Minhoff, wie ernähre ich mich gesund?

Die Gegenfrage ist: Was ist gesund? Überall bekommen Sie heute Empfehlungen, wie Sie sich gesund ernähren können. Gemeint ist dabei, dass man den idealen BodyMass-Index BMI erreichen soll. Gesund ist aber nicht nur physiologisch zu sehen, sondern auch geistig. Es nützt ja nichts, wenn mein Körper gestählt ist, ich aber in Depression versinke. Ich will deshalb niemandem vorschreiben, wie er sich ernährt.

Ernährung ist ein Wohlfühlfaktor?

Selbstverständlich. Man kann auf ein schönes Auto verzichten, nicht aber aufs Essen. Weil es ein Lebens-Mittel ist. Deshalb ist die emotionale Wirkung von Essen so hoch. Nahrungsaufnahme betrifft jeden, immer und zu jeder Zeit.

Für manche ist Essen aber nicht mehr als Nahrungsaufnahme, kein Genuss.

Aber mit moralischen Wertungen kommen wir nicht weiter. Die Lebensmittelindustrie muss für jeden Lebensstil das passende Angebot haben. Wenn jemand vegan leben möchte, müssen wir dafür sorgen, dass er es kann. Wenn einer koscher leben möchte, genauso. Und wenn sich jemand nur mit Fast Food ernähren möchte, kann er das auch. Das ist dann zwar nicht mehr das, was man unter Ausgewogenheit versteht, aber es gibt eben auch ein Recht auf Unvernunft. Es ist nicht unsere Aufgabe zu urteilen.

Ist es heute leichter, sich diese verschiedenen Lebensstile zu erkaufen?

Günstige und zugleich hochwertige Lebensmittel sind eine unglaublich soziale Leistung. Wir wollen nicht wie in den 50er- und 60erJahren gezwungenermaßen Teilzeitvegetarier sein, weil sich nur die Oberschicht Fleisch leisten kann. Wir bieten Produktvielfalt auch für die Menschen, die von Transferleistungen leben müssen. Ein Hartz-IV-Empfänger kann heute in Deutschland Shrimps essen. Das war vor 40 Jahren nicht möglich.

Aber zu welchem Preis ist das möglich?

Es gibt einen immensen Wettbewerb in den einzelnen Produktionsstufen. Viele Marktkämpfe im Handel gehen über den Preis und manchmal auch über die Qualität. Das drückt auf die Industrie, das wiederum auf die Erzeuger. Wir müssen ein Angebot machen, das qualitativ hochwertig und zugleich günstig ist.

Gibt es gute Qualität letztlich nicht doch nur über einen höheren Preis?

Die Stiftung Warentest belegt in jedem Heft, dass Preis und Qualität nicht zwangsläufig in einem Kausalzusammenhang stehen.

Das nicht. Aber das Kilogramm Filet vom Havelländer Apfelschwein für zwanzig Euro hat eine höhere Qualität als das Kilogramm Schwein aus der Mastanlage für drei Euro.

Ja und nein. Nicht alle Menschen haben denselben Qualitätsbegriff. Es gibt Menschen, die auf jeden Cent achten müssen. Die sind nicht böse, wenn es eine Preisschlacht gibt ums günstigste Kotelett. Wir sind in der Diskussion manchmal dicht dran an Marie Antoinette: Warum esst ihr nicht Kuchen, wenn ihr kein Brot habt? Diesen Dünkel mag ich nicht.

Auch die artgerechte Tierhaltung müsste doch ein Kriterium für die Ernährungsindustrie sein. Dem Schwein im Havelland geht es besser als dem in der Mastanlage.

Wir brauchen unterschiedliche Erzeugerstufen. Lassen Sie mich ein Zahlenbeispiel nennen: Berlin verbraucht jeden Tag schätzungsweise 126 000 Hühner. Ein Masthuhn benötigt 30–40 Tage bis zur Schlachtreife. Nun können Sie ausrechnen, wie viele Ställe und Hühner Sie benötigen, um Berlin täglich mit Hühnerfleisch zu versorgen. Das geht mit der Kleingruppenhaltung auf dem Playmobil-Bauernhof nicht. Sie kommen immer wieder zu der Erkenntnis, dass sie sieben Milliarden Menschen auf der Welt nicht mit einer rein biologischen Landwirtschaft ernähren können. Es ist wünschenswert, geht aber nicht.

Ist die Forderung nach Bio-Lebensmitteln und nachhaltiger Produktion dann sinnlos?

Sie ist oft nicht ehrlich. Es gibt eine Diskrepanz zwischen der öffentlichen Diskussion über Ernährung und dem Verbraucherverhalten. Das gesellschaftlich gewünschte Verhalten des Verbrauchers hat mit dem tatsächlichen wenig zu tun. Wir haben in einer Studie herausgefunden, dass 26 Prozent der Deutschen bereit sind, für nachhaltig produzierte Lebensmittel mehr Geld auszugeben. Das sind deutlich mehr als noch vor ein paar Jahren. Das heißt aber auch, dass 74 Prozent nicht dazu bereit sind. Die Kunst besteht darin, die 74 Prozent an nachhaltige Lebensmittel heranzuführen.

Wie kann das funktionieren?

Über Image, über den Preis, über Aufklärung. Man muss da anfangen, wo Essgewohnheiten gebildet werden. Das ist sehr früh im Leben. Statt immer mit dem Finger auf die Industrie zu zeigen, sollte die Politik in eine Ernährungsbildung investieren, die gerade den städtischen Kindern erklärt, wie Lebensmittel hergestellt werden. Man hat mal untersucht, ob Kinder tatsächlich glauben, dass Kühe lila sind. Nein, glauben sie nicht! Es hat sich aber herausgestellt, dass sie glauben, dass Enten gelb sind. Es gibt also eine Entfremdung von der Natur und unglaubliche Wissensdefizite.

War es der Industrie nicht lange Zeit egal, was die Leute gegessen haben? Es gab Lebensmittelskandale, und es gab Fälle, wo die Verbraucher hinters Licht geführt wurden.

Die Skandale können und wollen wir nicht leugnen. Es hat sich aber vieles geändert. Es gibt heute kaum einen Bereich, der so stark kontrolliert ist wie der Lebensmittelbereich. Wir reagieren viel schneller auf Unverständnis und Kritik. Die Industrie hat ja schließlich kein Interesse daran, die Leute zu vergiften. Lebensmittelvergiftungen kommen auch praktisch nicht mehr vor. Der schlimmste Vorfall in den letzten Jahren war EHEC, und da war nach Erkenntnissen der Behörden wohl ein Biobetrieb verantwortlich.

Lassen Sie uns über Berlin reden. Wie isst der Berliner?

Berlin ist einzigartig. Sie bekommen für jeden Lebensstil alles. Restaurants für jeden Geschmack. Viele Bioläden. Discounter an jeder Ecke. Berlin ist Vielfalt, hier kann die Branche zeigen, was sie kann. Deshalb liebt die Branche Berlin.

Der Trend zum Biomarkt ist in Berlin augenfällig. Woran liegt das?

Großstadtmenschen haben Sehnsucht nach dem ländlichen Raum. Biomärkte entsprechen diesem Lebensstil. Es ist der Trend einer städtischen Bevölkerung, die immer größer wird und die sich gesund ernähren will. Berlin ist in dieser Hinsicht gut organisiert. Das ist nicht in allen Städten so.

Sind die Berliner also besonders fortschrittlich?

Berlin ist eine junge Stadt, ein Schmelztiegel, hat eine spezielle Klientel in speziellen Bezirken, die sich bewusst ernährt. Hier gibt es eine Nachfrage, und die wird befriedigt. Ich weiß nicht, ob es in allen Bezirken so viele Biomärkte gibt wie in Kreuzberg oder Prenzlauer Berg. In anderen sind Discounter die bestimmenden Läden.

Kaufen Berliner umweltbewusster?

Ein bestimmtes Milieu, ja. Auch das Verhältnis der Menschen zu Lebensmitteln ist ein anderes. Das hat mit der Fragmentierung der Gesellschaft zu tun und neuen Lebensmodellen. Aber es kann auch hier nicht jeder immerzu ökologisch korrekt einkaufen. In einer Traditionsfamilie der 50er-Jahre geht die Mama morgens einkaufen und kocht mittags das Essen für die Kinder, die aus der Schule kommen. Und abends für den Ehemann. Das aber ist nicht mehr der Lebensstil im Jahr 2014. Es ist doch absurd zu glauben, dass eine berufstätige Alleinerziehende mit zwei Kindern erst zum Metzger ihres Vertrauens läuft, dann zum Obsthändler und dann zum Biomilchmann. Wann soll die das denn machen? Die ist froh, wenn sie es noch bis zum nächsten Supermarkt schafft. Dort erhält sie auch alles, was sie für eine vernünftige Ernährung benötigt.

Was ist eigentlich an der Biobanane besser als an der konventionellen?

Sie ist auf eine andere Art produziert.

Hat sie einen besseren Geschmack?

Bio hat in der Regel nichts mit Geschmack zu tun. Dazu müssen Sie sich nur mal die Anforderungen anschauen, die Lebensmittel erfüllen müssen, die das Bio-Siegel tragen. Da geht es um Kriterien wie die Nicht-Verwendung von Zusatzstoffen, das Verbot von Gentechnik und synthetischen Pflanzenschutzmitteln. Das hat alles keinen Einfluss auf den Geschmack. Abgesehen davon ist das Geschmacksempfinden der Menschen grundverschieden. Frank Plasberg hatte in seiner Sendung mal einen Sternekoch. Der bekam einen teuren und einen billigen Schinken im Blindversuch zum Kosten. Er konnte sie nicht richtig zuordnen. Aber ob Bio oder konventionell – als Lebensmittelproduzent haben Sie nur eine einzige Chance beim Verbraucher. Er kauft das Produkt ein und kostet es zu Hause. Wenn es ihm nicht schmeckt, kauft er es nie wieder.

Trotzdem denkt die Ernährungsindustrie um. Auch Discounter haben heute Bioprodukte, was vor Jahren undenkbar war. Der Trend zum besser produzierten Lebensmittel ist doch da.

Richtig. Mit dem Begriff „Ernährungsindustrie“ werden ja auch falsche Vorstellungen verbunden. Wer einmal in einer Pizzafabrik ist, kann sehen, wie nah am Handwerk die Produktion ist. Die Grundstoffe und die Verarbeitung sind gleich. Meist bezieht sich das Wort Bio auf die Rohstoffe – Fleisch, Gemüse oder Obst. Die Industrie verarbeitet nur. Es kommen für viele Menschen noch andere Kriterien für Lebensmittelproduktion hinzu, Regionalität und Nachhaltigkeit zum Beispiel, die Arbeitsbedingungen der Bauern.

Ist Bio und Nachhaltigkeit auch eine Möglichkeit für die Industrie, die Preise zu erhöhen?

Bestimmte Verfahren sind einfach teurer. Das muss irgendwer bezahlen, am Ende der Verbraucher. Aber der Wettbewerb im Biobereich funktioniert gut. Auch hier gibt es unterschiedliche Produkte zu unterschiedlichen Preisen.

Kauft man bei Bio ein Image mit? Beim Bio-Bier zum Beispiel? Das kann doch nicht besser sein als jedes andere Bier, das nach dem deutschen Reinheitsgebot gebraut wird

So ist es. Viele Studien sagen, dass konventionelle Produkte und Bioprodukte sich in ihrer Qualität nicht unterscheiden. Aber ich will das überhaupt nicht belächeln. Wenn jemand der festen Überzeugung ist, dass ein Bioapfel besser für ihn ist, dann soll er ihn essen. Er hat das Recht dazu. Ich bestehe aber darauf, dass auch derjenige, der keinen Bioapfel isst, nicht an den Pranger gestellt wird. Das ist wie vegan und nicht vegan. Freunde von mir ernähren sich vegan. Warum denn nicht. Ich freue mich aber auf das Grillwürstchen.

Das Gespräch führte Ralph Kotsch.