Berlin - Es ist leicht, in der Blue Boy Bar mit seinem Körper Geld zu verdienen. Wer als junger Mann Mitte Zwanzig die Schwulenbar in Schöneberg betritt, trifft weißhaarige Männer wie Wilhelm, die nur darauf warten, einen Jungen abzuschleppen.

Wilhelm ist Mitte Sechzig und hat an der Berliner Freien Universität Sprachwissenschaft studiert. Ab und zu, sagt er, schaue er noch an seiner Alma Mater vorbei und setze sich zum Lesen in die Bibliothek.

„Du weißt doch, was für eine Bar dies ist?“, fragt Wilhelm den jungen Mann, der auf einem leeren Stuhl einen Meter neben ihm Platz genommen hat und sich umsieht. In einem Laden, der gerade auch bei jungen Schwulen so berühmt-berüchtigt ist, dass sie sich hier nicht unbedingt auf ein Bier einladen lassen würden. Das Blue Boy wird nämlich gern von Strichern frequentiert.

Der junge Mann antwortet, er habe von der Bar gehört und wolle sie sich einfach mal ansehen. An den Wänden der Bar hängt Blumen-Dekoration, im Hintergrund laufen kitschige Schlager wie „Für Gabi tu’ ich alles. Das wird euch neu sein: Ich kann plötzlich treu sein. Für Gabi tu’ ich alles“. Es sind Lieder aus einer anderen, einer schöneren Welt. Doch fürs Treusein ist Wilhelm nicht hierhergekommen.

Auf der Suche nach Frischfleisch

Wilhelm wird schnell warm mit seiner neuen Bekanntschaft. Falls der junge Mann seinen letzten Bus nach Hause verpasse, könne er auch bei ihm übernachten, bietet er an. Eigentlich, sagt der Rentner, stehe er gar nicht auf die Stricher hier, diese „dunklen Köpfe“. Deutsche Jungs seien ihm lieber. Überhaupt: „Ich zahle selten für Sex. Aber manchmal habe ich Lust darauf.“ Es klingt, als wolle er in einem Gemischtwarenladen einkaufen. Dann lächelt er.

Die anderen Gäste in der Bar sitzen meist alleine und unterhalten sich nicht miteinander. Aber wenn die Tür sich öffnet, blicken sie gemeinsam Richtung Eingang. Auf der Suche nach Frischfleisch. Dabei sind es nicht die Schönen und die Reichen, die hier einen Stricher mit nach Hause nehmen. Es sind vielmehr die Dickeren und die Älteren, die im sexdurchdrungenen Berlin sonst keine Sexpartner mehr finden.

Einige Meter entfernt geht Daniel, der wie die anderen Sexarbeiter dieses Textes in Wirklichkeit einen anderen Namen hat, durch eine andere Stricher-Bar – drei davon gibt es in dieser Gegend. Daniel blickt nach rechts, blickt nach links. Einen Stammfreier entdeckt er nicht. Der sportliche 25-Jährige ist einer der letzten Deutschen auf dem Straßenstrich. Wer einen Internetanschluss hat und gut aussieht, sucht lieber im Internet nach Freiern. Das ist nicht nur bequemer, sondern auch sicherer. „Die meisten hier waren schon mal im Knast“, sagt Daniel. Er auch? Er nickt. Dann hebt er sein T-Shirt im Nacken an, zeigt einige Narben von Messerstechereien. „Du darfst hier keine Angst haben“, sagt er und sieht aus, als würde er sich nicht mal vor dem Tod fürchten. So auskunftsfreudig sind Stricher nur selten.

In seiner ersten Woche auf dem Straßenstrich, sagt Daniel, habe er tausend Euro verdient. Damals war er 16 Jahre alt, hatte eine Ausbildung abgebrochen und war von seinen Adoptiveltern abgehauen. Es sah nach schnell verdientem Geld aus. Später dealte er mit Drogen, hatte Ärger mit der Polizei. Doch als während dem Gespräch mit dem Reporter vor einer der Bars eine Polizeistreife vorbeifährt, nimmt Daniel seine Zigarette aus dem Mund und sagt: „Gut so, die sollten hier öfter vorbeifahren.“ Hier seien schon zu viele Menschen gestorben. In den vergangenen drei Jahren gab es in der Gegend laut Polizei drei Tötungsdelikte im Zusammenhang mit männlicher Prostitution.

An seinen Fingern trägt Daniel, der bisexuell ist, zwei Ringe. Am Zeigefinger einen Ring mit Totenköpfen. Am Mittelfinger erinnert ihn ein Ring an seine verstorbene Freundin. Eineinhalb Jahre waren die beiden zusammen, sie war schwanger von ihm. Eines Nachts sei sie mit dem Kind bei einer brutalen Schlägerei gestorben. Danach, erzählt Daniel, sei er in eine neue Krise gefallen, konsumierte harte Drogen.

Heute macht Daniel einen gesunden Eindruck. Er zeigt das Display seines Handys mit einem Foto seiner neuen Freundin. „Sie soll nie erfahren, dass ich anschaffen gehe“, sagt er. Er verdiene rund hundert Euro pro Monat auf dem Strich, sei nicht mehr so häufig hier. Dass er so wenig Geld verdiene, liege wohl auch daran, dass er keinen Analverkehr anbiete. Daniels Haupteinkommen ist die Sozialhilfe.

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