Es gab in den vergangenen Jahren immer wieder Sexismus-Debatten, in den USA, der Bundespolitik, in der Berliner Landespolitik, sie folgen alle dem gleichen Muster. Die Empörung ist erst groß, alle tun so, als hätten sie noch nie davon gehört, dass Frauen belästigt oder herabgewürdigt werden. Man muss wieder von Neuem erklären, was eigentlich Sexismus ist.

Irgendwann wendet sich die Debatte dann gegen die Frau, die den Mut hatte, sich öffentlich zu wehren, bevor das Thema dann wieder versandet. Es sei frustrierend, dass man scheinbar immer wieder von vorne beginnen müsse, klagte kürzlich Anne Wizorek, Initiatorin der #Aufschrei-Kampagne vor vier Jahren.

Diese aktuelle Debatte hat eine Berliner Politikerin angestoßen, Sawsan Chebli, SPD-Mitglied, Staatssekretärin im Berliner Senat. Sie ist 39 Jahre alt, ihren Vornamen spricht man Sau-san aus, ihre Eltern stammen aus Palästina, sie ist gläubige Muslimin.

Am Dienstag sitzt sie im Roten Rathaus im Saal 219 bei einer Pressekonferenz, bei der es eigentlich um ein anderes Thema geht. Sie sieht ernst und konzentriert aus. Sie hat in den vergangenen Tagen viel aushalten müssen, seitdem sie sich über Sexismus auf einer internationalen Konferenz beschwert hatte.

„Und dann sind Sie auch noch so schön“

Sawsan Chebli war auf der Konferenz der Deutsch-Indischen Gesellschaft als Rednerin eingeladen worden, der Moderator, der ehemalige Botschafter Hans-Joachim Kiderlen, hatte sie aber nicht erkannt. Als sie sich gemeldet hatte, rutschte dem Mann die Bemerkung heraus, dass er keine so junge Frau erwartet hatte.

„Und dann sind Sie auch noch so schön“, sagte er. Sawsan Chebli, hat sich schon oft Bemerkungen zu ihrem Äußerungen anhören müssen, diesmal war es zu viel. Sie schrieb sich ihre Wut von der Seele. Sie ist 39 Jahre alt und keine Berufsanfängerin. Sie war Sprecherin des früheren Bundesaußenministers, Frank-Walter Steinmeier, bevor sie im vergangenen Jahr in die Berliner Landesregierung wechselte. So jung, so schön? Hätte man so auch FDP-Mann Christian Lindner, 39, begrüßt?

Auf ihrer Facebook-Seite wird die Politikerin seitdem beschimpft und beleidigt, Frauenhass, Fremdenfeindlichkeit, Boshaftigkeiten mischen sich. „Zieh doch eine Burka an“, gehört noch zu den netteren Äußerungen. Viele schreiben, sie solle nicht so einen Aufstand machen, es habe sich nur um ein Kompliment gehandelt. Der Rassismus, sagt Sawsan Chebli, habe sie erschrocken. Sie habe gedacht, dass Deutschland, was Frauenrechte angeht, weiter sei als die Heimat ihrer Eltern.

Am Dienstag meldete sich auch noch Cornelia von Oheimb von der Deutsch-Indischen Gesellschaft zu Wort, die die Konferenz ausgerichtet hat. Sie warf Chebli Ungereimtheiten vor und verteidigte den Botschafter, dessen Äußerungen gut gemeint gewesen seien.

Bereut die Politikerin, dass sie die Debatte angestoßen hat?

Es geht schnell bei Sexismus-Debatten, dass man Frauen vorschreibt, was sie zu fühlen und wie sie sich zu verhalten haben – oft kommen diese Äußerungen von anderen Frauen. Diskriminierung scheint für viele so normal, so alltäglich zu sein, dass es ihnen gar nicht auffällt.

Bereut die Politikerin, angesichts der Heftigkeit, dass sie die Debatte angestoßen hat? Als sie am Dienstag im Roten Rathaus darauf angesprochen wird, will sie sich nicht weiter äußern. Aus ihrem Umfeld hört man, dass sie sich teilweise missverstanden fühle. Sie habe nichts gegen Komplimente, pflege auch keinen Männerhass.

Teresa Bücker ist Chefredakteurin des feministischen Magazins Edition F, das im vergangenen Jahr mit einem Bericht über Sexismus bei der Berliner CDU Schlagzeilen machte. Sie sagt, sie findet es richtig, dass die Staatssekretärin eine Debatte angestoßen hat. So ermüdend und anstrengend wie die Debatten über Sexismus auch sein mögen, vielleicht kann man es immerhin als Fortschritt werten, dass sich Frauen öfter trauen, Vorfälle öffentlich zu machen.

Allerdings bemängelt Bücker, dass die Debatten über Sexismus oft nur unter Frauen geführt werden – und selten gesellschaftliche Strukturen in Frage stellen. „Männer müssen sich gegenseitig stärker auf die Finger gucken, damit sich etwas ändert“, sagt sie. Die Arbeitswelten sind immer noch sehr stark geteilt, in Politik und Wirtschaft sind Frauen stark unterrepräsentiert.

In männlich dominierten Start-ups klagen Frauen besonders häufig über sexuelle Belästigung

Auf Twitter schrieb Teresa Bücker von ihren eigenen Erfahrungen mit Sexismus. Bei einer Konferenz zum Thema Digitalisierung sei sie einmal als „schöne Referentin“ auf die Bühne gerufen worden. Sie sei damals so perplex gewesen, dass sie die Bemerkung weggelächelt habe, erinnert sie sich. Heute, sagt sie, würde sie darauf anders reagieren.

In Start-up-Unternehmen, in dem Männer oft in der Überzahl sind, klagen Frauen besonders häufig über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, hat kürzlich eine Unternehmensumfrage des Instituts Innofact ergeben. Demnach werden Mitarbeiterinnen in Start-up-Firmen doppelt so häufig anzüglich angesprochen oder belästigt wie in traditionellen Unternehmen.

Das widerspricht auch der These, dass Sexismus ein Generationen-Phänomen und nur unter älteren Männern verbreitet sei. „Sexismus zieht sich durch alle Lebensbereiche, das wird in jeder Generation neu weitergegeben“, sagt Teresa Bücker.

Um bessere Repräsentation von Frauen zu erreichen, gebe es konkrete politische Mittel: Man könnte zum Beispiel eine verpflichtende Frauenquote für Vorstandsposten oder den Bundestag einführen, wie es das in anderen Ländern gibt. Doch davor schreckt man hierzulande dann doch zurück. Etwas Bewegung in die Debatte zu bringen, wäre eine gute Aufgabe für die nächste Frauenministerin.