Lange bevor die #metoo-Debatte begann, lange bevor die Vorwürfe gegen Hollywood-Produzenten, Schauspieler, Komiker bekannt wurden, machte eine junge Berliner CDU-Politikerin namens Jenna Behrends von sich reden, weil sie sich über den Umgang mit Frauen in ihrer Partei beschwerte.
Jenna Behrends hatte direkt nach der für die CDU desaströs verlaufenen Abgeordnetenhauswahl einen offenen Brief veröffentlicht an die „liebe Partei“. „Warum ich nicht mehr über den Sexismus in meiner Partei schweigen will“, lautete die Überschrift. Ein Jahr ist das jetzt her.

"Fickst du die?"

Der Brief hatte damals viel Wirbel in der CDU ausgelöst, schnell hatte sich die Stimmung gegen die Briefschreiberin gedreht. In dem Text hatte sie dem früheren Senator Frank Henkel vorgeworfen, er habe ihre Tochter auf einem Parteitag „kleine Maus“ und sie „große Maus“ genannt. Seinen Parteifreund, Sven Rissmann, habe er in einer privaten Unterredung gefragt, als es um eine mögliche Nominierung Jenna Behrends für die Bezirksliste ging: „Fickst du die?“

Natürlich habe ihr das Ganze geschadet, sagt Jenna Behrends in der aktuellen Ausgabe des Magazins Spiegel, mit dem sie exklusiv gesprochen hat. Es ist das erste Mal, dass sie sich seit dem Skandal wieder öffentlich äußert. Sie wisse schon, dass sie jetzt die Maus sei. Wenn sie irgendwann mal einen Job wolle, zum Beispiel bei einer Kanzlei, werde man sie googeln. „Die Leute, die dann meine Bewerbung auf dem Tisch haben, werden sich fragen, kann man ihr vertrauen? Oder plaudert sie Interna aus und lässt uns schlecht dastehen?“

Isoliert in der Fraktion

Wie es Jenna Behrends seit dem vergangenen Jahr ergangen ist, liest sich wie ein Lehrstück für junge Politikerinnen, die sich fragen, wie sie mit Sexismus in ihrer Partei umgehen sollen. Sollen sie sich auch trauen und „me too“ (ich auch) sagen? Oder lieber den Mund halten?

Anzügliche, frauenfeindliche Sprüche gibt es auch in anderen Parteien, das ist keine exklusive CDU-Erscheinung, auch wenn der Umgang in der Berliner Union traditionell immer noch etwas kloakenhafter ist als anderswo.
Neulich erzählte beispielsweise eine junge FDP-Politikerin in kleiner Runde, wie schlimm der Ton in ihrem Ortsverband sei. „Hast du deine Tage?“, habe sie ein Parteifreund abgekanzelt, als sie ein Papier nicht rechtzeitig abgeliefert hatte. In der Runde saßen andere FDP-Frauen und nickten betroffen. Doch öffentlich äußern wollen sie sich auf gar keinen Fall. Sie haben Angst davor, dass sie vielleicht ausgeschlossen werden. Dass es ihnen womöglich geht wie der CDU-Kollegin aus Berlin-Mitte.

Jenna Behrends, 27, Juristin, ist eine intelligente, ehrgeizige Frau, die trotz ihrer Zartheit eine gewisse Härte ausstrahlt. Sie ist seit dem Wirbel um ihre Person misstrauisch, auch Journalisten gegenüber. Die heftigen Reaktionen auf ihre Person haben sie erschüttert, vielleicht hat sie sich mehr Unterstützung erhofft. Stattdessen sagten CDU-Funktionäre vor den Kameras, den Sexismus, den Jenna Behrends beschreibt, gebe es nicht.
Nach dem Erscheinen des Artikels habe sie Nachrichten bekommen, in denen ihr geraten wird, sie solle zum Psychologen gehen, wenn sie mit dieser Art von Komplimenten nicht umgehen könne, berichtet sie dem Spiegel.

Sie sitzt jetzt noch für die nächsten vier Jahre im Bezirksparlament von Berlin-Mitte, sie habe Unterstützer, doch die zeigen das nicht öffentlich. Sie wurde in die Ausschüsse Bürgerdienste, Eingaben und Beschwerden geschickt, das sind die unattraktiven Gremien, in die niemand will, weil man sich kaum profilieren kann. Sie fühle sich isoliert, unter Dauerbeobachtung, sagt sie. Sie werde nicht gefragt, ob sie nach einem Termin noch irgendwohin mit hin wolle.

Niemand, der sich mit Behrends solidarisch zeigte

Der Ex-Innensenator Frank Henkel, der Jenna Behrends als Maus bezeichnet hatte, hat nach der Wahl alle Ämter verloren. Er sitzt als Hinterbänkler im Abgeordnetenhaus und spielt keine Rolle mehr. Sein alter Verbündeter Sven Rissmann übernahm von ihm den Kreisvorsitz der CDU Mitte.

Es gab niemanden, der sich mit Jenna Behrends solidarisch zeigte. Die Chefin der Frauen-Union Mitte, Sandra Cegla, stellte sich lieber hinter die Männer, sie versandte eine Pressemitteilung, die Behrends als Lügnerin darstellte und ihr eine angebliche Affäre mit CDU-Generalsekretär Peter Tauber nachsagte. Jenna Behrends bestreitet bis heute, dass sie eine Affäre mit Tauber hatte. Sandra Cegla wurde zur Vize-Fraktionschefin der CDU in Mitte gewählt, außerdem stieg sie in den Landesvorstand auf.

Im Spiegel spielt eine weitere Frau eine Rolle, eine „hochrangige CDU-Frau“, an die Behrends sich nach dem Skandal gewandt hatte. Ein Treffen lehnte die Frau ab. Als Behrends sie bei einem Empfang ansprach, wie denn nun mit dem Thema weiter umgegangen werde, habe die Funktionärin ihr geraten, erst einmal zu schweigen. „Wenn sie ab jetzt nicht mehr mit der Presse über die Sache reden und auch mit keinem anderen, dann verzeiht man Ihnen die Sache irgendwann.“  Die Frau bleibt im Text anonym, nach Recherchen der Berliner Zeitung im Parteiumfeld handelt es sich um Monika Grütters, die später Landesvorsitzende wurde. Grütters streitet das auf Nachfrage ab.

Keine einzige Kreischefin

Wenn  man sich erkundigt, wie sich die CDU für Frauen einsetzt,  werden  Erfolge präsentiert. „Es ist Monika Grütters gelungen, die Hälfte unserer Vorstandspositionen mit Frauen zu besetzen“, sagt Generalsekretär Stefan Evers.   Jedes dritte Mitglied der CDU Berlin sei weiblich, da liege die Partei sogar über dem Bundesschnitt. Bei den Posten sieht es anders aus. Monika Grütters mag Landeschefin sein, ist in dieser Position aber eine Ausnahmeerscheinung – und die einzige von sechs Berliner CDU-Bundestagsabgeordneten.

Unter 31 Parlamentariern im Abgeordnetenhaus sind vier Frauen. Keiner der mächtigen zwölf Kreisverbände wird von einer Frau geleitet. In einer kürzlich gegründeten Arbeitsgruppe, in der sich 21 Bezirkspolitiker der Union zusammengeschlossen haben, ist eine Frau dabei. Der Arbeitskreis Sexismus, der nach der Sache mit der Maus geplant war, hat nie getagt. Offiziell, weil es bei den Mitgliedern kein Interesse gab.

Im vertraulichen Gespräch klagt ein Funktionär über verschiedene politische Kulturen zwischen den Geschlechtern. Er sagt, dass Frauen in gewisser Weise selbst schuld seien, weil sie sich zu wenig für Macht interessieren. „Wenn Männer zusammensitzen, reden sie über Mehrheiten, Frauen wollen lieber über Inhalte reden“, sagt er.

Wenige Sätze später schimpft er über Jenna Behrends, der es mit ihrem Brief im vergangenen Jahr nur um Machtspiele gegangen sei. Sie sei die Falsche gewesen, um Sexismus anzuprangern. Also bitte. Zu sehr sollte man sich als Frau offenbar auch nicht für Macht interessieren.

Jenna Behrends schreibt jetzt ein Buch. Nicht über Sexismus, nicht über die Berliner CDU. Sondern über Familienpolitik. Im kommenden Frühjahr soll es erscheinen.