Sexualisierte Diskriminierung und Gewalt gibt es überall, auch an Hochschulen“, sagt Mechthild Koreuber, Zentrale Frauenbeauftragte der Freien Universität (FU) Berlin. Alle müssten dafür sorgen, dass jeder Mensch auf dem Campus sich frei bewegen, studieren, lehren, arbeiten und forschen könne. Mitten in der aktuellen Sexismus-Debatte, ausgelöst durch den Skandal um Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein, richtet die FU vom 6. bis 9. November eine Themenwoche gegen sexualisierte Diskriminierung und Gewalt aus. Zum Programm gehören Podiumsdiskussionen, Vorträge, Filmvorführungen, Workshops und ein Theaterstück „No means no“ (Nein heißt Nein).

Mechthild Koreuber, seit mehr als 18 Jahren FU-Frauenbeauftragte, sieht es als besonders wichtig an, „präventiv zu wirken“. Die FU sei mit fast 40.000 Mitgliedern so etwas wie eine Kleinstadt, sagt sie. Sie habe hier schon alles erlebt – vom subtilen Sexismus bis zur Vergewaltigung. Letzteres sei extrem selten vorgekommen und als ein Offizialdelikt recht eindeutig. In solchen Fällen berate sie die Betroffene, wo sie rechtliche und psychologische Hilfe finden können. Koreuber wünscht sich allerdings, dass mehr Studentinnen und Mitarbeiterinnen ihr vom Alltagssexismus erzählten.

Aktuelle Fallzahlen existieren nicht. „Es gibt keine Studien über die Situation an der FU“ sagt Mechthild Koreuber zur Berliner Zeitung. Die Idee zu dieser Themenwoche sei vor mehr als einem Jahr entstanden. „An der FU existiert eine bereichsübergreifende Arbeitsgruppe zu diesem Thema, der unter anderem auch der Vizekanzler angehört“, so Koreuber. Die Themenwoche sei Teil der präventiven Maßnahmen an der Universität. Sie solle auf das Problem aufmerksam machen, die Möglichkeit des institutionellen Umgangs mit Vorfällen aufzeigen und Beratungsangebote bekanntmachen.

Diffuse Situationen

Die reine Darstellung von Fallzahlen wäre auch kein Gradmesser für tatsächliche Fälle. Insgesamt hätten mehr als 58 Prozent aller Frauen bereits Situationen sexueller Belästigung erlebt, ergab 2013 eine repräsentative Untersuchung des Bundesfamilienministeriums. Wie viele es direkt an der Uni seien, wurde nicht bekannt.

Oft gehe es um diffuse Situationen, sagt Mechthild Koreuber. „Was als sexualisierte Diskriminierung und Gewalt erlebt wird, hängt von den subjektiven Wahrnehmungen der Betroffenen in der jeweiligen Situation ab“, heißt es in einem Faltblatt, das sich an alle Uni-Angehörigen wendet. Bereits im Februar 2015 verabschiedete die FU eine Richtlinie. Diese definiert die Formen „sexualisierter Diskriminierung und Gewalt“, mögliche Maßnahmen und Sanktionen sowie Wege zur Aufklärung und Prävention.

Die Bandbreite kann groß sein. Schon anzügliche Bemerkungen, taxierende Blicke, sexistische Sprüche und Witze oder ungewollte Annäherungsversuche können sehr belasten. Zu jenen Frauen, die aktuell in der Bewegung „#MeToo“ ihre Erfahrungen schildern, gehören auch viele Hochschulangehörige.

Die Auseinandersetzung ist offener geworden. Als vor gut 20 Jahren Forscherinnen in Berlin Studentinnen suchten, die bereit waren, ihre Erlebnisse zu schildern, fanden sich nur zehn Frauen. Zuvor hatte eine Fragebogenaktion unter 500 Studentinnen – auch an der FU – ergeben, dass damals fast jede fünfte Studentin irgendwann einmal sexuell belästigt und bedrängt wurde – und zwar von einem Lehrenden.

Eine Studentin schilderte, wie ihr Doktorvater sie unvermittelt zu einer sexuellen Beziehung mit ihm aufforderte. Eine Andere berichtete über einen Professor, der ihr im Gespräch plötzlich über die Wange streichelte und in den Nacken fasste. Die Bedrängten berichteten, dass sie sich „ausgeliefert“, „erniedrigt“ und „wie gelähmt“ fühlten, vor allem auch angesichts des Machtgefälles zwischen ihnen und den Lehrenden, von denen ja nicht selten der Studienerfolg abhing.

Heute berichten Frauen über eine Vielzahl von Erlebnissen, die vor allem auch ein Licht auf Strukturen an den Unis werfen. Da werden einzelne Kommilitoninnen in männerdominierten Technik-Studiengängen im Hörsaal mit Jubel und anzüglichen Pfiffen empfangen. Da erzählt eine Professorin, dass Frauen in Kommissionen in die Rolle der Dauer-Protokollschreiberin gedrängt würden. Da existiere nach Aussagen einer AStA-Referentin eine „Mehrfachdiskriminierung, zum Beispiel von nicht weißen Frauen“. Oft gebe es flapsige Bemerkungen von Dozenten und schlechtere Resultate für die Betroffenen.

Gefühl einer Mitschuld

Doch betrifft das Thema nur Frauen? Wissenschaftler der Universität Bielefeld schrieben 2013, dass auch etwa zehn Prozent der Männer in ihrem Arbeitsleben sexuelle Belästigung erlebten. Diese gehe aber in etwa der Hälfte der Fälle ebenfalls von Männern aus. Die FU richtet ihr Angebot deshalb auch nicht nur an weibliche Uni-Angehörige. Die Bielefelder Forscher befassten sich ebenso mit der Behauptung, dass manche empfundene Belästigung eigentlich oft nur als Kompliment oder Flirt gemeint gewesen sei. Ein Test mit etwa 60 potenziell belästigenden Bemerkungen und sexistischen Witzen ergab aber, dass Männer und Frauen fast übereinstimmend das Gefühl dafür haben, was belästigend und unangenehm wirkt. Männer wären also „durchaus in der Lage, sich eine anstößige Bemerkung zu verkneifen“, so die Forscher. Flirts oder Komplimente dagegen enthielten immer „eine respektvolle und wechselseitige Komponente“, heißt es im FU-Faltblatt.

Es hat sich viel getan in der Auseinandersetzung mit dem Thema. Doch an der Hochschule selbst scheut noch immer so manche Betroffene den Schritt, sich bei Übergriffen Beratungs- und Unterstützungsangebote zu suchen. „Viele Frauen glauben, dass ihnen dort nicht geholfen wird. Und viele der Betroffenen schämen sich, weil sie sich zumindest eine Mitschuld an dem Vorfall geben“, sagte Solveig Simowitsch in der Studentenzeitung Unicum. Sie ist Sprecherin der Kommission „Sexualisierte Diskriminierung und Gewalt“ bei der Bundeskonferenz der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten an Hochschulen. Viele Hochschulen versuchten zwar, hochschulinterne Richtlinien aufzustellen, sagte sie. Dazu gehört die FU. Doch, so Simowitsch: „Wichtig wäre eine bundeseinheitliche Regelung.“