Manche möchten nur mal gucken, andere wollen gleich mehr. Anna, 36, aus Frankfurt ist Sexualassistentin und lässt sich für Sex mit gesunden, aber vor allem auch mit pflegebedürftigen Menschen bezahlen. Für sie ist es mehr als ein Job, sie möchte etwas bewegen. „Jeder Mensch sollte das Recht auf eine selbstbestimmte Sexualität haben“, sagt sie.

Sex auf Rezept für Schwerkranke, das forderte Elisabeth Scharfenberg, die pflegepolitische Sprecherin der Grünen, in dieser Woche. Vorbild für diesen Vorstoß sind die Niederlande. Dort gibt es so genannte Sexualassistentinnen, die sich um Pflegebedürftige kümmern – von den Krankenkassen bezuschusst. Und auch wenn der Vorschlag von Elisabeth Scharfenberg auf große Ablehnung traf, so gibt es auch hierzulande Sexualassistentinnen. Solche wie Anna. 

Sexualität als Grundbedürfnis des Menschen

Für sie ist eine Bezuschussung von Sex für Menschen mit Einschränkungen nicht nur angemessen, sondern auch „ethisch-moralisch notwendig.“ Sie hält Sexualität im Leben eines Menschen für ein Grundbedürfnis wie Essen, Schlafen oder Atmen. Doch die Praxis sieht anders aus.  

Für viele ihrer „Gäste“ ist Anna die erste Frau, die sie nackt sehen. „Ich freue mich immer wieder wenn Anverwandte  –  meist sind es die Mütter – auch schwerstbehinderter Söhne bei mir anfragen, und tolerant, sachlich und dem Sohne wohlwollend die von ihm gewünschten sexuellen Dienstleistungen mit mir absprechen und mich beauftragen.“

Anna hat viele Stammgäste. Sie genießt es, zu sehen, wie sie sich freuen, wenn sie zur Tür reinkommt. Es gibt nicht viele Sexualbegleiterinnen in Deutschland, sie bietet etwas Exklusives an, das ist ihr bewusst. Deswegen kommen neben den Stammgästen auch immer wieder neue Gäste zu ihr in die Offenbacher Wohnung. Auf Wunsch besucht sie ihre Gäste aber auch diskret zu Hause oder trifft sich mit ihnen im Hotel. „Meine Wohnung ist nämlich leider nicht barrierefrei“, sagt Anna.

Annas Weg zur „Qualitätsprostituierten“

Ihr Weg zur „Qualitätsprostituierten“, wie sie sich nennt, begann mit ihrer privaten Lust an Sexualität, schließlich folgte eine Vorliebe für Swinger-Clubs, später machte sie einen Job draus und wurde Escort- und Callgirl. Angekommen fühlte sie sich aber erst als Sexualassistentin. Berührungsängste habe sie dabei nie gehabt, sagt Anna, auch zu Beginn nicht.  „Ich habe die Gabe, jeden Menschen so annehmen zu können, wie Gott oder die Natur ihn geschaffen hat.“

Eine spezielle Ausbildung hat Anna nicht. Es brauche aber schon eine spezielle Art der Nächstenliebe, des Respekts und der Empathie um zu spüren, ob die Dienstleistung dem Gast gut tut oder nicht, meint sie. „Das ist gerade bei gehemmten Menschen oder bei sprachunfähigen Menschen sehr, sehr wichtig.“ Sie als Begleiterin müsse ganz besonders auf ihren Gast achtgeben, um keine seelischen oder körperlichen Schäden zu verursachen. Das ist eine große Verantwortung. Deswegen glaubt sie, könne nicht jede ihrer Kolleginnen diesen Job ausüben.

Annas Familie sieht ihre Laufbahn gelassen, ihre Freunde akzeptieren ihre Arbeit als „erotische Sozialarbeiterin“, selbst die Nachbarn haben Verständnis. „Nur wenn ich neue Menschen privat kennenlerne, scheiden sich an meinem Beruf eben die Geister“, sagt sie. Prostitution, Sexualbegleitung – während die Menschen in den Niederlanden sehr offen mit diesen Themen umgehen, sind sie hier bei uns doch immer noch gesellschaftliche Tabus.

„Das ist gesellschaftspolitisch und traditionell geformt“, sagt Anna, „und meiner Meinung nach immer auch im aktiven Wandel, im Umbruch. Ich erkenne sowohl Strömungen in der Gesellschaft zu weiterer Offenheit und Liberalisierung, als auch fundamentalistisch-konservative Kräfte, welche die Sexarbeit am liebsten wieder strafbar machen würden.“ Auf die offenen und liberalen hofft Anna nun und begrüßt den Vorstoß der Grünen.

Sex auf Rezept? Anna hat vorgesorgt

Für den Fall, dass sich der Vorschlag der subventionierten Sexualbegleitung durchsetzen sollte, hat Anna bereits vorgesorgt. Schon jetzt stellt sie für ihre Gäste Rechnungen und Kassenbelege aus. „Eine Abrechnung mit der Krankenkasse sollte also zumindest buchhalterisch mit mir oder anderen Sexarbeiterinnen, die steuerehrlich arbeiten, absolut transparent und reibungslos möglich sein.“