Mehrere Frauen, die zwischen 2011 und 2018 als Mitarbeiterinnen, wissenschaftliche Volontärinnen, Freiwillige im Sozialen Jahr und Praktikantinnen in der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen gearbeitet und sich nach eigenen Angaben „ermutigt durch die gesteigerte Aufmerksamkeit für die Situation von Frauen“ zu einer Gruppe zusammengefunden haben, haben sich in einem Brief an Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) und Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke) gewandt und darin „eine erschreckende Regelhaftigkeit übergriffiger Verhaltensmuster“ bis hin zu sexueller Belästigung in der Gedenkstätte beklagt. Der Brief, bereits datiert vom 8. Juni 2018, liegt der Berliner Zeitung vor. 

Darin wird das „Eindringen in die Privatsphäre durch persönliche SMS, Whats-App-Gruppen und nächtliche Arbeitsaufträge“ aufgeführt sowie Einladungen, die Mitarbeiterinnen nach der Arbeit nach Hause zu fahren. Auch habe es Einladungen zu Bier und Wein nach Feierabend gegeben – teilweise in die privaten Wohnungen. 

#metoo-Vorwürfe: „Enge, fast intime körperliche Nähe“

Private Informationen aus „persönlichen Gesprächen“ seien im Dienst als diskreditierende Argumentation in dienstlichen Belangen verwandt worden. Die Frauen führen weiter an, dass es eine „teils sexistische Zurückweisung“ von Argumenten, bestrafende Ignoranz nach konflikthaften Gesprächen oder das Abwälzen von Fehlern bei Ablehnung vermeintlich dienstlicher Einladungen außerhalb der Dienstzeit gegeben habe.

Die Übergriffe hätten gegipfelt in sexueller Belästigung: „enge, fast intime körperliche Nähe und Berührung wie Streichen über die Arme, enge Umarmungen bei Mitarbeiterinnen, unsachliches Lob, das Äußerlichkeiten (Figur, Schönheit) betont; im Gespräch während der Arbeit Berichte über private Aktivitäten wie Puff und Swinger-Club“.

„Struktureller Sexismus aus der Führungsetage“ der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen

Schließlich kritisieren die Frauen „strukturellen Sexismus aus der Führungsetage als role model für andere männliche Abteilungsleiter, körperliche Nähe und privaten Kontakt zu jungen Mitarbeiterinnen zu suchen, anzügliche Bemerkungen zu machen“. Konkrete Beschuldigte werden in dem Schreiben nicht genannt. Stattdessen ist allgemein von „den Vorgesetzten“ die Rede.

Laut RBB richten sich die Vorwürfe vor allem gegen den stellvertretenden Direktor der Gedenkstätte, Helmuth Frauendorfer. Gegenüber dem RBB lässt Frauendorfer seinen Anwalt Fehlverhalten und Mangel an Sensibilität einräumen. Er betonte aber, das abgestellt zu haben, nachdem er vor gut zwei Jahren vom Direktor der Gedenkstätte darauf angesprochen worden sei. Ob er das Fehlverhalten tatsächlich abgestellt hat, ist unklar. Laut RBB berichten die Frauen von Fehlverhalten auch nach 2016. 

Direktor der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen Hubertus Knabe stellte Strafanzeige gegen Unbekannt

Der Direktor der Gedenkstätte ist Hubertus Knabe. Dieser betonte gegenüber dem RBB, Beschwerden über seinen Stellvertreter nach bestem Wissen und Gewissen nachgegangen zu sein. Im Frühjahr 2016 habe er Frauendorfer einbestellt und ihm "derartige Kommunikationsformen untersagt". Er, Knabe, habe im Wiederholungsfall Konsequenzen angekündigt. Im Frühjahr 2018 habe Knabe Strafanzeige gegen Unbekannt gestellt, nachdem es weitere, allerdings nicht konkretisierte Beschwerden gegeben habe. Das Verfahren sei dann von der Staatsanwaltschaft eingestellt worden.

Frauen möchten nicht namentlich genannt werden

Die der Zeitung nicht bekannten Autorinnen des Briefes schreiben noch: „Wir sind sehr in Sorge, dass möglicherweise weitere Frauen Ähnliches erleben müssen. (…) Daher möchten wir Sie (also Grütters und Lederer, die Redaktion) anfragen, was Sie tun können, die beschriebenen Muster (des Ausnutzens) von männlicher Macht gegenüber Frauen einzuschränken und zu verhindern.“

Der Brief endet mit dem Satz: „Mehrere Frauen aus unserem Kreis möchten aus Furcht vor beruflichen Nachteilen in der sehr überschaubaren Museums- und Gedenkstättenlandschaft zur SED-Diktatur oder aufgrund ihrer derzeitigen Anstellung in der Gedenkstätte nicht als Unterzeichnerinnen namentlich in Erscheinung treten.“