Die Frage, warum er sich wieder und wieder an einem Jungen verging, kann Nigel D. nicht beantworten. Das Kind war elf Jahre alt, als D. es zum ersten Mal sexuell missbrauchte. So alt wie sein Sohn, der währenddessen oft daneben lag. Der Junge war der beste Freund seines Sohnes, D. sein Lehrer. Es geht um 55 Fälle in zwei Jahren, die seit gestern verhandelt werden. Vielleicht passierte es sogar öfter, genau lässt sich das nicht rekonstruieren. Und D. findet keine Antwort auf die bohrenden Nachfragen der Vorsitzenden Richterin Iris Berger nach einem Grund. Stünde er nicht im Gerichtssaal, sondern auf seiner Kanzel, würde er vielleicht sagen: Gott hat es so gewollt. Denn von Gott wird D. an diesem Tag noch öfter sprechen.

Die Geschichte, die als Fall schweren sexuellen Missbrauchs vor dem Berliner Landgericht endet, beginnt damit, dass sich zwei Väter aufmachten, Deutsche dort zu missionieren, wo sie besonders ungläubig sind: in Berlin. Auf der einen Seite steht Nigel D. aus England, 53, hauptberuflich Lehrer, der jedoch seit 2001 vollzeitig als Pastor für die evangelische Freikirche New Frontiers tätig war und im Dezember 2009 von ihr nach Berlin geschickt wurde. Auf der anderen Seite steht Paul R. aus Amerika, ein mittelständischer Unternehmer, der im Auftrag seiner Kirche die Firma verkaufte und im September 2010 ankam. Beide Männer hatten vier Kinder und Probleme, sich in Berlin einzugewöhnen. D. sprach immerhin fließend Deutsch und hatte ein festes Einkommen als Lehrer an der Nelson-Mandela-Schule, doch er stand unter großem Erfolgsdruck, weil er so schnell wie möglich eine Gemeinde aufbauen sollte.

Diesen Auftrag hatte auch Paul R., dem seine Kirche, eine amerikanische, aber die Bezüge strich, als er daran scheiterte, Gläubige aufzutreiben. Paul R. und seine Frau gingen putzen, in dieser Zeit, im Herbst 2011, wechselten die Kinder an die internationale Schule in Wilmersdorf, an der D. Englisch, Französisch und Sport unterrichtete. Nigel D. wurde Klassenlehrer von R.s drittem Kind.

Auf einer Party stellten R. und D. fest, dass sie beide auf Mission in der Stadt waren, das verband die Familien. Die Söhne wurden Freunde. Sie hatten zweimal in der Woche nach der Schule auch zusammen Fußballtraining, und bald übernachtete der Sohn der Familie R., die in Reinickendorf wohnte, bei der Familie von Nigel D. Ihre damalige Wohnung lag zehn Minuten zu Fuß von der Schule entfernt. Meistens schliefen die Jungs gemeinsam auf einem Bettsofa, auf dem sie noch fern guckten. D. kam oft dazu.

Vor Gericht gibt er an, dass der Junge von Anfang an sehr kuschelig gewesen sei, ihn von sich aus umarmt habe, selbst in der Schule habe er sich bei ihm auf den Schoß gesetzt. Das habe er zwar merkwürdig gefunden, „aber an der Schule war es eine Kultur, mit Kindern zu kuscheln“, behauptet D., „auch mit männlichen Lehrern“. Aber leider habe er irgendwann bemerkt, „dass ich durch das Kuscheln erregt werde. Dann hat sich das leider immer mehr gesteigert.“ Sein dabei anwesender Sohn habe nichts von den Handlungen mitbekommen, auch seine Frau nicht.

Die Familie von Paul R. ist nach Amerika zurückgekehrt. Sie lässt ihre Aussage verlesen, da der Junge unter posttraumatischen Störungen leide und ihm persönliches Erscheinen nicht zumutbar sei. In der Aussage steht, dass das Kind nachts von D. durch sexuelle Handlungen geweckt wurde. Sein Freund müsse das mitbekommen haben, aber er wisse das nicht, sie hätten nie darüber gesprochen.

Zuvor hatte D. teilweise unter Tränen erklärt, dass er sich in Therapie befinde und die Gründe für den Missbrauch vermutlich in seiner Kindheit lägen. Er selbst sei von jungen Männern missbraucht worden und habe das abscheulich gefunden. „Warum tun Sie das, was Sie selbst unangenehm fanden, einem anderen Kind an?“, fragt die Richterin. „Haben Sie sich als bibeltreuer Christ je gefragt, was Sie da tun?“ „Ja“, antwortet D., „aber ich war nicht in der Lage, die Konsequenzen zu ziehen“. Außerdem, fügt er hinzu, habe er gedacht, „dass ich durch meinen Glauben von dieser Sache geheilt bin“. Er habe erst durch den Jungen gemerkt, dass seine Bisexualität nur unterdrückt sei.

Im vergangenen August zeigte die Familie des Jungen Nigel D. an, nachdem der Vater zufällig Kurznachrichten auf dem iPad seines Sohnes entdeckt hatte. D. wusste, dass der Junge sich auch selbst offenbaren wollte und hatte versucht, dies mit Nachrichten wie diesen zu verhindern: „Wenn ich ins Gefängnis komme, hat meine Familie kein Geld mehr. Meine Kinder werden gemobbt. Wir alle werden durch die Hölle gehen. Es muss einen anderen Weg geben, diese Sache zu bewältigen. Bitte vergib’ mir. Vergebung ist das Herz des christlichen Glaubens.“ Der Junge antwortete: „Du hast etwas Schlimmes getan, und ich werde dir niemals vergeben.“

Das Urteil wird nächste Woche erwartet. Das Strafmaß wird mindestens vier Jahre und sechs Monate betragen. So viel steht schon fest. New Frontiers hat den Kontakt zu Nigel D. bereits kurz nach der Anzeige abgebrochen. Das ist für ihn vielleicht die wahre Strafe.