Berlin - #image0

Es ist zehn Uhr am Morgen, als Peter Beyer* vor der Kirche in seinen roten Schuhen von einem Bein aufs andere tritt. Gemeindemitglieder, vor allem ältere Leute, gehen an ihm vorbei in das große Backsteingebäude. Es ist die St.-Marien-Gemeinde in Reinickendorf. Und es ist nur scheinbar ein ganz normaler Sonntag. Die Gläubigen wissen nicht, dass der Gottesdienst in ihrer Kirche an diesem Tag mit einem Knall enden wird.

Der Mann in den roten Schuhen wird dafür sorgen. Peter Beyer hat am Vorabend eine E-Mail bekommen. Es ist 20.21 Uhr, als er erfährt, dass am kommenden Tag in der Reinickendorfer Kirche unter einen Fall von sexuellem Missbrauch eines Minderjährigen durch einen Geistlichen ein Schlussstrich gezogen werden soll.

Es ist sein Fall. Beyer war 16 Jahre alt, als ihn Mitte der 90er Jahre der damalige Kaplan einer Steglitzer Gemeinde Christian V. in eine sexuelle Beziehung verwickelt hat. Große Wellen schlug der Missbrauch damals nicht. Der Kaplan wurde versetzt. Beyer verdrängte das Erlebte.

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Als er am Abend die dürren Worte liest, mit denen die schmutzige Affäre nun beendet werden soll, fasst er einen Entschluss. Er lebt in Hessen, es ist kurzfristig, aber er will dabei sein. Er fährt los. Peter Beyer hat sich im vergangenen Jahr ein zähes Tauziehen mit dem Berliner Erzbistum geliefert. Er schrieb und telefonierte, er brüllte und heulte. Er drohte und trieb das Bistum vor sich her.

Schließlich hat er die Kirche gezwungen, den Mann, der mittlerweile als Gemeindepfarrer in St.-Marien Gläubige betreute, zu suspendieren. Das war im März. Seitdem hat die Kirche intern ermittelt, hat den Fall nach Rom überwiesen, Gespräche mit Opfer und Täter geführt. Beyer glaubt, dass der neue Erzbischof Rainer Maria Woelki sexuellen Missbrauch durch Geistliche an Minderjährigen deutlich strenger beurteilt als sein Vorgänger. Beyers Erwartungen an einen Schlussstrich sind entsprechend hoch.

Die E-Mail kam am Vorabend

An der Seite seines Bruders sitzt Peter Beyer am Morgen in der Bank. In der Sakristei zieht der derzeitige Aushilfspfarrer Markus Brandenburg, der fünfte in diesem Jahr, zu diesem Zeitpunkt sein Messgewand an. Er wird die Gemeinde an diesem Tag als regulärer Seelsorger offiziell übernehmen. Jetzt fällt ihm die Rolle zu, zu verkünden, was verkündet werden muss. Auch er hat erst am Vorabend davon erfahren. Auch er erhielt nur eine E-Mail.

Dass Peter Beyer, das Missbrauchsopfer, zu diesem Zeitpunkt in der Kirche sitzt, weiß er nicht. Markus Brandenburg ist nicht vorbereitet auf die Rolle, die ihm zufällt. Nicht auf Beyer, der mit dem Wortlaut der Verkündigung nicht einverstanden ist.
50 Minuten dauert es, bis Brandenburg zum Punkt kommt.

Er betet mit der Gemeinde, der Chor singt. Der Pfarrer spricht über das Glaubensbekenntnis, über Dreifaltigkeit und Dreiklang. Dann, ganz am Ende, hat er „noch einiges zu vermelden“. Dann liest er die Worte vor, die Generalvikar Tobias Przytarski ihm aufgeschrieben hat: „Ich bedaure, dass dem Vorwurf nicht bereits zu einem früheren Zeitpunkt nachgegangen wurde.

Die mittlerweile durchgeführte Untersuchung hat ergeben, dass weder nach weltlichem noch nach kirchlichem Recht eine Straftat vorgelegen hat, wohl aber ein schwerer Verstoß gegen den priesterlichen Dienst“. Selbst ist der Generalvikar nicht gekommen. Der Erzbischof habe den Pfarrer aufgefordert, auf sein Amt zu verzichten, liest Brandenburg und dem habe dieser entsprochen.

Peter Beyer hält es nach diesen Worten nicht mehr auf seinem Sitz. Der Beischlaf eines erwachsenen Mannes mit einem Jugendlichen, ein Geistlicher, der das Vertrauensverhältnis des Ministranten ausnutzt, nur ein Verstoß gegen eine Dienstordnung?
Beyer springt auf, fragt, ob er etwas klarstellen darf. Pfarrer Brandenburg wirkt überfordert, aber er bittet ihn nach vorne. In der Kirche ist es totenstill. Peter Beyer spricht mit gebrochener Stimme, aber laut. Er sagt, dass keineswegs seitens der Staatsanwaltschaft ermittelt worden sei, dass keine Straftat vorgelegen habe, sondern dass der Fall schlicht verjährt war.

Tränen in der Kirche

„Mir kommen die Tränen, wenn ich die Ministranten hier am Altar stehen sehe“, sagt Peter Beyer, „ich sehe mich selbst wie es war, morgens um 7 Uhr in der Sakristei.“ Er will, dass die Öffentlichkeit das erfährt. Dann geht er los im Laufschritt durch die ganze Kirche und schlägt die Tür hinter sich zu.

Pfarrer Brandenburg hat es nicht leicht, nach diesem Auftritt, Worte zu finden. Draußen auf dem Kirchhof umringen ihn die Gemeindemitglieder. Sie sind froh, dass sie ihn haben, dass er nun mit ihnen spricht, dass er von seiner Hilflosigkeit erzählt, wie allein gelassen er sich auch mit der Situation fühlt, von den Schuldgefühlen, die er habe, jedes Mal, wenn er Kinder segnet, wie wohl jeder Priester seit der Missbrauchsdebatte. Was Eltern wohl von ihm denken. Vor einem Jahr als Pfarrer V. suspendiert wurde, habe niemand etwas erklärt, sagen die Gemeindemitglieder und dabei sind sie doch nur durch die Versetzung in die Sache verwickelt worden.

Peter Beyer steht mit seinem Bruder an der Straßenecke. Er hat genug von der Kirche. Er will jetzt endlich austreten. Da kommt eine Frau auf ihn zu mit Tränen in den Augen. „Ihr Mut, in der Kirche nach vorne zu gehen, ist bewundernswert“, sagt sie, streicht ihm über den Arm, bedankt sich für seine Worte und wünscht ihm, die Sache nun abschließen zu können. Das hofft auch Beyers Bruder.

In der Kirchenleitung herrscht an diesem Tag Überraschung, wie sich die Dinge entwickelt haben. Dass das Opfer in den Gottesdienst kommen könnte, hatte keiner erwartet. Über die Zukunft von Pfarrer V. wurde noch nicht entschieden. Eine Gemeinde wird er wohl nie wieder betreuen. Erstmal soll er an einen abgeschiedenen Ort wechseln – zum Nachdenken.
* Name geändert