Berlin - Die jungen Leute auf der großen Decke haben sich gerade Nudelsalat auf ihre Pappteller gehäuft und Wein eingeschenkt, als plötzlich ein Pulk von 300 Leuten auf sie zustürmt. Verängstigt ziehen die Picknicker Schuhe und Körbe an sich heran, bevor die Vorbeieilenden ihnen alles zertreten.

Schauspieler führen die Menge an, sie tragen mittelalterliche Kostüme, sprechen englische und deutsche Texte. Ihr Ziel ist der Kinderspielplatz, sie setzen sich in den Sand und auf die Wippen, das Publikum reiht sich im Kreis um sie. Jetzt schauen auch die Picknicker wieder entspannter. Dies ist keine Spaß-Demo durch Kreuzberg, sondern ein Theaterabend im Görlitzer Park.

„Shakespeare im Park“ heißt das Sommerspektakel, das ein Ensemble von etwa 30 Schauspielern, Technikern, Musikern und Helfern dort zurzeit aufführt. Es sind keine Eindringlinge, die den Park für ihre Kunst okkupieren. Die Schauspieler wohnen in Kreuzberg, Friedrichshain und Neukölln, und sie kennen den Ort.

Behutsam haben sie sich ihm für ihr abendliches Open-Air-Projekt genähert. Im Mai begannen die Proben. „Wir haben die Parkbesucher kennengelernt, ihnen erklärt, was wir machen“, sagt Regisseurin Katrin Beushausen, die die Gruppe Shakespeare im Park Berlin mitgegründet hat.

Manchmal überfordernd, aber immer unterhaltend

Die Idee, Stücke von Shakespeare im Park einer Großstadt zu zeigen, stammt aus New York. Dort werden seit 1954 jeden Sommer Shakespeare-Inszenierungen im Central Park aufgeführt. Umsonst und draußen. Vor zwei Jahren übernahm die Berliner Theatergruppe dieses Konzept und spielte im Sommer 2011 Shakespeares Drama „Heinrich IV“.

Noch arbeiten die fünf Gründer ehrenamtlich, verdienen mit anderen Jobs als Theaterpädagogen oder Regisseure ihr Geld. Die professionell ausgebildeten Schauspieler, die sie engagieren, erhalten eine „winzige Gage“, sagt Katrin Beushausen.

„Utopia™ – Where All Is True“ heißt das aktuelle Stück, die Gruppe hat es aus drei historischen Werken zusammengeschrieben. Eines davon ist der Roman „Utopia“ des britischen Humanisten, Theologen und Politiker Thomas Morus (1478-1535). Es geht darin um einen neuen Staat, die Insel Utopia, in dem es keine Ausbeutung und kein Privateigentum gibt. In Utopia herrscht soziale Gerechtigkeit, alles gehört allen, den Menschen geht es gut in ihrem Land ohne Unterdrückung.

William Shakespeare (1564-1616) widmete eines seiner Werke diesem berühmten Mann. „Sir Thomas More“ heißt es und bildet mit einem weiteren seiner Werke („King Henry VIII or All Is True“) die Grundlage für das aktuelle Stück.

Man muss diese ganzen theoretischen Hintergründe nicht kennen, auch für Nichteingeweihte bietet der zweistündige Theaterabend eine Menge Unterhaltung und Spaß, auch wenn die zum Teil englisch gesprochenen Texte manche Zuschauer, und vor allem die anwesenden Kinder, sichtlich überfordern. „Was haben die da gesagt?“, fragt dann auch ein aufmerksames Kind seine Mutter. Doch auch die hat gerade nicht zugehört.

Lustvolles und actionreiches Spiel

Denn das Publikum sitzt bei diesem Theaterabend nicht auf gepolsterten Plätzen im Rang, es lümmelt im Gras, trinkt Bier und Wein, es raucht und quatscht und muss sich beeilen, der nächsten Szene am nächsten Ort im Gedränge zu folgen. Manch ein Zuschauer geht irgendwann, andere wieder kommen hinzu. Alles ist in Bewegung.

Die Zuschauer erleben einen Theaterparcours durch den Görlitzer Park, inmitten von Grillschwaden, Spätabendsonne, türkischen Großfamilien und Dealern, die dem Spektakel interessiert zuschauen.

Das ist ein lustvolles und actionreiches Spiel. Die Figuren tragen üppig gestaltete Kostüme, ihre Bühne ist der Park, so wie er ist. Sie klettern an Seilen auf die Kinderrutsche und gleiten elegant herunter, sie steigen auf Brückengestelle, Bänke und Mülleimer, wälzen sich auf der Wiese, die jetzt Spielwiese im Zauberland ist. „Seht die goldenen Latrinen von Utopia!“, ruft ein Schauspieler. Dazu liefert das 80er-Jahre-Synthie-Pop-Duo Trike aus Kanada die musikalische Leichtigkeit für diesen Abend.

Shakespeare im Park:Die nächsten Aufführungen sind am 8., 10., 12., 16., 18. und 19. August, Beginn 19 Uhr, sonntags 16 Uhr, Eintritt frei, Treffpunkt: Lohmühlenstraße, Ecke Jordanstraße.

Mehr Infos gibt es unter: www.shakespeareimparkberlin.org