Sheri Hagen: Gegen Klischees und Selbstausbeutung

Das Problem der fehlenden Ärzte auf dem Lande wird immer drängender. Die Schauspielerin und Regisseurin Sheri Hagen hatte vor Beginn ihres Berufslebens den lobenswerten Plan, nicht einfach bloß Ärztin (das wollen ja viele), sondern tatsächlich Landärztin zu werden. Dummerweise hatte sie aber auch eine unsichere Freundin, die beim Besuch einer Musical-Audition Beistand benötigte. „Ich habe sie also begleitet und wir wurden beide genommen.“ Man hofft sehr, dass Sheri Hagen schauspielertypisch übertreibt, wenn sie an dieser Stelle der Schilderung ihres Berufseinstiegs sagt: „Das löste damals in der Familie eine Tragödie aus.“

Die Familie versöhnt

Inzwischen dürften sich sämtliche Familienmitglieder mit der jähen Wendung versöhnt haben, denn Sheri Hagen wurde nach ihren Anfängen auf Musicalbühnen eine erfolgreiche Schauspielerin, die in Filmen wie „Das Leben der Anderen“ und „Baal“ sowie in Serien wie „Der Landarzt“, „Siska“ und „Sperling“ zu sehen war und schon fünfmal im „Tatort“ spielte. Was ihr bei ihrer Arbeit immer wieder auffällt: Film und Fernsehen hinken dem Leben hinterher. Während sie zwei dunkelhäutige Kommissare kennt, die bei der Berliner Polizei ermitteln, bekommen die schwarzen Schauspielerkollegen eher Assistentenrollen und dürfen dem weißen Kommissar dezent zuarbeiten. Sie will Produzenten und Publikum gar nicht überfordern und gibt sich konziliant: „Der Assistent wäre ja in Ordnung, wenn er eine eigene Geschichte hätte und Raum, sich zu entwickeln.“ Sheri Hagen ist überzeugt: „Deutschland ist reif dafür!“

Eigentlich war die Charlottenburgerin eine ganz typische Schauspielerin. „Wie viele meiner Kollegen habe ich am Set gemeckert, weil ich gern andere Geschichten und Figuren sehen wollte.“ Sie hat daraus dann allerdings auch Konsequenzen gezogen und den Film „Auf den zweiten Blick“ gedreht. In dem sind sämtliche Hauptrollen mit schwarzen Kollegen besetzt, ohne dass das mit der Filmhandlung thematisiert wird. Sie hat sich und den anderen Beteiligten damit einen Wunsch erfüllt: „Ich wünsche mir Rollen, bei denen die Herkunft egal ist. Stattdessen sind aber Klischeerollen in Kino und Fernsehen die Regel.“ Der schwarze Dealer, die schwarze Problemviertelbewohnerin. Eine Seltenheit ist es, wenn eine dunkelhäutige Schauspielerin einfach bloß die beste Freundin der Hauptfigur spielt und ihre Hautfarbe keine Rolle spielt.

"Ich freu mich wie ein Butterkeks"

Den Film „Auf den zweiten Blick“ gibt es nur, weil sich alle Beteiligten selbst ausgebeutet haben. Nachdem Hagen nicht nur Regie geführt hat, sondern auch als Produzentin für die wirtschaftliche Seite des Projekts verantwortlich war, regt sich ihr schlechtes Gewissen. Sie will die in der Filmbranche weit verbreitete Ausbeutung, ohne die es viele Filme gar nicht gäbe, nicht zur Gewohnheit werden lassen: „Es besteht die Gefahr, dass sich die Fernsehredakteure daran gewöhnen, dass Filme fast ohne Geld entstehen. So nach dem Motto: Geht doch!“ Schon bei ihrem nächsten Film möchte sie das ändern: „Ich führe gern wieder Regie, würde die Produktion aber lieber abgeben. Und gern mit Fördergeldern drehen.“

Sheri Hagen will unter dem Titel „Fenster blau“ ein Theaterstück von Marianna Salzmann verfilmen. „Gerade habe ich eine wunderschöne Mail von ihr bekommen. Ich freue mich wie ein Butterkeks, dass es jetzt losgehen kann.“

2014 ist für Sheri Hagen, die in Nigeria geboren wurde und in Hamburg aufwuchs, das zwanzigste Jahr in Berlin. Danach gefragt, was sie in der Stadt hält, sagt die 45-Jährige: „Hamburg ist schön, aber Berlin bedeutet für mich nach wie vor Aufbruch. Berlin ist noch hungrig. Ich bin ständig in Bewegung, die Stadt zwingt mich dazu. Das mag ich.“ Wenn man wie sie die hanseatische Zurückhaltung kennt, dann entdeckt man in Berlin durchaus Verbesserungspotenzial: „Die Stadt hat keine Manieren. Ich würde mir für Berlin im Alltag ein bisschen Scham wünschen. Und Freundlichkeit bei den Dienstleistern.“ Sie erinnert sich an ihre Zeit mit dem Tablett: „Ich habe kellnernd mein Studium finanziert. Wenn man da charmant ist, bekommt man viel Trinkgeld.“

Vom 28. bis zum 31. Januar ist Sheri Hagen wieder in dem Stück „Schwarz tragen“ über eine Kreuzberger WG im Ballhaus Naunynstraße (Tickettelefon 754 537 25) zu sehen. Die Vorstellungen beginnen jeweils 20 Uhr. Nach der am 31.1. wird ab 22 Uhr ihr Film „Auf den zweiten Blick“ gezeigt. Gern würde Sheri Hagen mal ein Theaterstück inszenieren: „Ich liebe ,Mercedes’ von Thomas Brasch und habe noch nie eine Inszenierung davon gesehen. Das reizt mich.“

Anders als viele andere Schauspieler kreist Sheri Hagen nicht nur um sich und ihren Beruf. Auf ihrer Liste für 2014 steht auch noch Anderes: „Mir schweben zwei soziale Projekte vor, für die ich eine Stiftung gründen müsste.“ Man merkt sofort, dass sie die Aufgabe spannend findet, weil sie mal wieder ausgetretene Pfade verlassen muss, um erfolgreich sein zu können: „Das ist für mich Neuland.“ Sie klingt aber auch ein wenig verunsichert: „Vielleicht wäre ein Verein die bessere Form dafür… Ich hasse Bürokratie!“