Berlin - Avitall ist sieben Jahre alt, als sie bei einem Besuch in Israel eine Nummer auf dem Arm ihrer Großtante Jolly entdeckt. Das Mädchen fragt nach dem Hintergrund, und die Großtante antwortet. Sie erzählt dem Kind von Auschwitz, davon, wie sie mit ihrer Schwester Rozsika von den Nationalsozialisten ins Lager deportiert wurde. Rozsika wurde am Tag nach ihrer Ankunft vergast, Jolly überlebte. Das Mädchen Avitall ist heute erwachsen. Sie ist 42 Jahre alt und die Kantorin der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Aber die schreckliche Geschichte der beiden Schwestern beschäftigt sie noch immer.

Projekt gegen das Vergessen

Jetzt hat sie diese Geschichte zum Anlass für eine besondere Form des Gedenkens genommen, eine Reise für ihre ermordete Großtante Rozsika. Daraus ist ein großes Projekt gegen das Vergessen anlässlich des Holocaust-Gedenktages am 27. Januar geworden. Es trägt den Titel: „We will call out your name“ (wir werden eure Namen rufen). Am Donnerstag hat Avitall Gerstetter das Projekt im Berliner Dom in Mitte vorgestellt. Denn dort wird es dazu eine Veranstaltung geben.

Avitall Gerstetter möchte die Erinnerung an ihre Großtante und die vielen anderen Menschen, die in der Shoa umkamen, bewahren. „Es sind immer weniger Menschen aus dieser Generation übrig. Bald werden wir nur noch über sie lesen können. Wir brauchen eine neue Art der Erinnerung“, sagt Avitall Gerstetter. Das, was sie sich ausgedacht hat, gleiche einem Blumenstrauß, sagt sie. Es ist eine Art Erinnerungstour mit sehr viel Beiwerk.

Am Anfang steht eine reale Reise. Avitall Gerstetter trifft sich mit ihrer Großtante Jolly und deren Mann in Auschwitz. Jolly ist heute 82 Jahre alt, ihr Mann 92. Auch er hat seine ganze Familie an diesem Ort verloren. Es wird das erste Mal sein, dass die beiden nach Auschwitz zurückkehren. Am 22. Januar gibt Avitall Gerstetter dort ein Konzert, gemeinsam mit einem Orchester und Tänzern. Zwei Tage später soll es eine Performance in der Gedenkstätte der Wannsee-Konferenz geben. „Es ist eine Umkehrung des Deportationsweges“, sagt Avitall Gerstetter. Am 27. Januar wird es dann ein Abschlusskonzert im Berliner Dom geben.

Avitall Gerstetter hat ein Jugendbuch geschrieben, das dieses Projekt begleiten soll. Dafür hat sie sich mit der israelischen Illustratorin Inbal Leitner zusammengetan, deren Großtante Hannah ebenfalls ermordet wurde. Im Buch spielt die Geschichte „Hannah und Rozsika“ in der Gegenwart. „Sie handelt von zwei Mädchen, die sich im Zug begegnen und in die Vergangenheit abtauchen“, sagt Avitall Gerstetter.

Der Schauspieler Michael Mendl wird im Dom aus dem Text lesen. Es wird Videoeinspielungen geben. Tänzer Nir de Volff und seine Company werden das Leben der beiden Mädchen darstellen. Avitall Gerstetter und der Chor der Domkantorei mit 80 Sängern singen dazu.

Unterstützt wird das Projekt von der Amadeo Antonio Stiftung und dem Zentralrat der Juden. Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau fungiert als Schirmherrin.

Begleitend erscheint ein Comicband. Er soll aus einem Blog entstehen. Der Illustrator Tobi Dahmen will ihn mit Jugendlichen gestalten. „Wir wollen die Geschichte weiterspinnen“, sagt Avitall Gerstetter, „was wäre gewesen, wenn es den Holocaust nicht gegeben hätte?“ Was wäre wohl aus den Mädchen Hannah und Rozsika geworden? Finanziert wird das ganze Projekt aus Spenden. Der Verkauf von Erinnerungsboxen mit CD und einem Armband, auf dem der Name eines Holocaust-Opfers eingewebt ist, soll die Sache unterstützen.

Bei ihrer Familie habe das Projekt für Aufregung gesorgt, sagt Avitall Gerstetter. „Anfangs sind meine Verwandten skeptisch gewesen. Am liebsten wollten sie wohl den Deckel drauflassen auf der Erinnerung“, sagt sie. Aber das habe sich geändert. Jetzt fieberten alle diesen Tagen Ende Januar entgegen.

Informationen im Internet unterwww.we-call-out.com