SHORTCUTS: Wichtig ist nur, dass keine gute Laune entsteht

Und ich hatte mir schon Sorgen gemacht. Aber gerade noch rechtzeitig vor dem Beginn der beiden wichtigsten popkulturellen Großereignisse des Berliner Winters – der Berlinale und des CTM Festivals –, ist das Wetter wieder so widrig geworden, wie es sich gehört. Blitzeis, Bodennebel, befremdliche Temperaturen, und das heißt ja auch: putzmunter aus ihren Nestern hervorflatternde Viren, die nach willigen Wirten suchen und selbige auch in reichlicher Auswahl zu finden vermögen. Was wäre die Berlinale ohne die grassierenden Grippewellen, ohne all die herzhaft schnupfenden und röchelnden Filmjournalisten, die in den Frühvorstellungen freigiebig ihren Morgenrotz in den Reihen zerstäuben? Ich freue mich jetzt schon. Aber auch das CTM Festival ist natürlich nicht komplett ohne die atemberaubenden Stunts der mit wenig wettertauglichem Schuhwerk ausgerüsteten Gäste auf den vollvereisten Schutt- und Schotterwegen vor unseren Clubs.

Bassmusik ohne Bässe

Schön auch, dass das musikalische Programm dieses vorzüglichen (weiland als Club Transmediale bekannten) Festivals wieder so finster, kalt, neblig und vollvereist ist, dass man in keinem Moment die triste Welt vor den Türen vergessen muss. Besonders freue ich mich beispielsweise auf den Auftritt des Londoner Produzenten Darren Cunningham alias Actress, der in der Nacht zum Sonnabend, dem 1. Februar, in der Panorama Bar sein neues Album „Ghettoville“ (Werkdiscs/Ninja Tunes/Rough Trade) vorstellen wird. Die Musik von Actress kann man im weitesten Sinne dem Dubstep und Industrial Techno zuordnen; doch noch erfolgreicher als die meisten Vertreter dieser ohnehin zur Kargheit neigenden Kunst hat er aus seinem Klangbild alle Farben verbannt und auch die meisten Lichter über den schwer stöhnend sich voranschleppenden Rhythmen gelöscht. Nur schemenhaft schält sich die Welt aus trüb befunzeltem Dunst, von ferne grollt ein Gewitter, etwas zwitschert, vielleicht schabt auch jemand mit einer Metallfeile auf Schrott.

„R’n’B concrète“ nennt Actress seinen persönlichen Stil, man könnte ihn auch als Bassmusik ohne Bässe bezeichnen: Von letzteren sind jedenfalls lediglich Echos und schillernde Schlieren geblieben; alle Klänge kleben im mittleren Frequenzbereich aneinander, und doch glaubt man auf seltsame Weise, eine volle, dynamische, nur vorübergehend komprimierte, in sich verfaltete Musik zu hören.

Mit ebenso großem Interesse kann man dem Auftritt der jungen Hamburger Techno-Produzentin Helena Hauff entgegensehen, die ebenfalls in der Nacht zum 1. Februar im Berghain spielt. Ihre in dieser Zeitung bereits ausgiebig gepriesene Debüt-EP „Actio Reactio“ ist im vergangenen Sommer auf dem von Actress betriebenen Werkdiscs-Label erschienen, und wie dieser, so pinselt und tupft auch Helena Hauff ihre Bilder am liebsten in Schwarz. Nur gelegentlich liegt ein gewisses Glänzen auf ihren stur voranschreitenden Beats; das liegt daran, dass sie so schön fettig und speckig sind. Zu ihren Einflüssen gehören nach eigener Auskunft eben nicht nur Techno, Dubstep und angeschlossene Tanzmusikstile, sondern auch Punk, Metal, Noiserock und zur Verzerrung neigende Krachkunst jeglicher Art. Auf dem fabelhaften „Heliopolis-Electropolis“-Mix, den sie gerade veröffentlicht hat, kann man auch Aphex Twin, Kraftwerk und älteren EBM als Blaupause hören. Eigentlich, meinte Hauff gerade in einem Gespräch, mag sie jede Art von Musik – so lange sie bloß keine gute Laune verbreitet. Tolle Frau!

Garantiert keine gute Laune wird auch bei meinen Lieblingsohrenschindern Stephen O’Malley und Peter Rehberg entstehen, die unter dem Namen KTL am Dienstag, den 28. Januar, im Berghain auftreten. O’Malley kennt man natürlich von den Doom-Metal-Feedbackmönchen von SunnO))), während Peter Rehberg auf dem von ihm betriebenen Mego-Label sittlich desorientierenden Kunstkrach aller Art veröffentlicht und bei seinen Auftritten mit Laptop und sardonischem Grinsen sensationell schmerzhafte Sounds erzeugt.

Techno für Stechapfelesser

In der zu erwartenden Gesamtanmutung deutlich lebensbejahender, aber dennoch unbedingt zu empfehlen ist das Konzert des britischen Produzenten James Holdenam Mittwoch, dem 29. Januar, im HAU1. Holden hat seine Karriere in den 90er-Jahren im widerwärtigsten aller musikalischen Genres, dem Trance Techno, begonnen; später fand er auf den Pfad der menschlichen und musikalischen Tugend zurück und befasst sich inzwischen – wie auf seinem aktuellen Album „The Inheritors“ – mit der Verbindung von druckvoll verzerrten Beats und psychedelischen Zwitschergeräuschen; wer will, kann beim Hören auch an altdeutsche Schafstallbewohner und Stechapfelesser wie Popol Vuh denken.

Das CTM Festival beginnt am kommenden Freitag, den 24. Januar, um 19 Uhr im Kunstraum am Mariannenplatz mit der Eröffnung der Ausstellung „Generation Z: Renoise“, die sich mit Klangkünstlern und Sound-Avantgardisten aus der Zeit der Russischen Revolution befasst. Das Eröffnungskonzert findet am Sonnabend, den 25. Januar, um 19.30 Uhr im HAU1 statt, hier ist unter anderen der legendäre Komponist, Klavier- und Kuscheltierquäler Charlemagne Palestine bei einem seiner selten gewordenen Auftritte zu sehen. Bis zum Sonntag, den 2. Februar, gibt es dann noch weit über Hundert Konzerte und DJ-Sets, Ausstellungen, Soundinstallationen, Vorträge und Workshops zu besuchen.

www.ctm-festival.de