Berlin - Da sind sie wieder: Drei junge Frauen und ein Mann schieben sich durchs Gewimmel des am Montag eröffneten Weihnachtsmarktes auf dem Alexanderplatz. Eine der Frauen hält einem älteren Paar ein Klemmbrett hin. Darauf ist eine angebliche Spendenliste für einen guten Zweck, auf der sie unterschreiben und Geld geben sollen. Das Paar lehnt ab und geht. Andernfalls wären die beiden wohl Opfer dieser Ablenkungsmasche geworden. Die Trickdiebe hätten ihnen Scheine aus der Geldbörse oder das Handy gestohlen. Die Gruppe dreht schnell nach rechts ab – runter vom Markt, sie fühlt sich beobachtet.

Nicht nur in der Vorweihnachtszeit sind der Alexanderplatz und seine Umgebung Kriminalitätsschwerpunkt, sondern zu allen Jahreszeiten – Freitagnacht, wenn das Partyvolk sich vor der Alex-Oase trifft. Wenn Touristen durch die Rathauspassage ziehen, wenn sich junge Männer vor dem Fernsehturm prügeln. So geschehen vor zwei Wochen, als irakische und syrische Flüchtlinge mit Messern aufeinander einstachen. So passierte es vor zwei Monaten, als junge Männer in einen blutigen Streit um eine Frau gerieten. Am deutlichsten ist den Innenpolitikern der „Fall Jonny K.“ in Erinnerung. Der 20-Jährige wurde im Oktober 2012 vor den Rathauspassagen totgeprügelt, was den Alexanderplatz bundesweit in die Schlagzeilen brachte.

24 Stunden besetzt

Danach forderte die SPD am Alex eine Polizeiwache, in der Beamte der Landes- und Bundespolizei sowie Mitarbeiter des Ordnungsamtes ihren Dienst versehen. Diese sogenannte „Alexwache“ schrieben SPD, Linke und Grüne nun in ihrem Koalitionsvertrag fest. SPD-Innenexperte Tom Schreiber geht davon aus, dass in den Rathauspassagen bei der zuständigen Wohnungsbaugesellschaft entsprechende Räume angemietet werden können. Nach dem Vorbild der Davidwache an der Hamburger Reeperbahn soll die Alexwache 24 Stunden besetzt sein.

Der scheidende Innensenator Frank Henkel (CDU) hatte sich gegen eine solche Wache gesträubt. Er sehe Polizisten lieber auf der Straße sehe als im Büro, argumentierte er. Nach dem Tod von Jonny K. ließ Henkel ein sogenanntes Kontaktmobil in dem Bereich postieren und in den Wochenend-Nächten Bereitschaftspolizisten. „Henkel hat die Leute aus dem laufenden Bestand in den örtlichen Abschnitten genommen“, sagt Tom Schreiber. „Wir wollen sie zusätzlich einsetzen.“ Das Personal könne man zunächst vom Polizeipräsidium am Platz der Luftbrücke abziehen. „Dort arbeiten rund 1 800 Leute“, sagt Schreiber. „Da könnte man für eine Übergangszeit sicher 15 bis 20 Leute rausziehen.“ Für den SPD-Mann ist es wichtig, eine feste Anlaufstelle für Touristen und Passanten zu schaffen. Mehrsprachige Hinweisschilder den Weg dorthin zeigen. Wenn sich das Vorhaben bewährt, soll es gemeinsame Wachen mit Polizei und Ordnungsamt auch an anderen Brennpunkten der Stadt geben.

Mehr Prügeleien, weniger Raube

Im vergangenen Jahr zählte die Polizei im Bereich des Alexanderplatzes 481 Körperverletzungen, 85 Delikte wie Nötigung, Freiheitsberaubung und Bedrohung sowie 51 Raubtaten. Im Vergleich zum Vorjahr gab es mehr Prügeleien und weniger Raube. Die Zahl der Taschendiebstähle stieg um über 54 Prozent auf 1 580 Fälle.

Michael Böhl vom Bund Deutscher Kriminalbeamter, hält eine gemeinsame Wache am Alex für sinnvoll, gerade nach den Vorkommnissen in der Silvesternacht in Köln dürfe es solche Abstimmungsprobleme zwischen Bundes- und Landespolizei nie wieder geben, sagt er. „Eine Kombiwache ist aber kein Allheilmittel.“ Dass die neue Koalition auf Kameras verzichten will, hält der Kriminalist für einen Fehler. „Videoüberwachung wie bei der BVG führt dazu, die Täter zu ermitteln und dient der Abschreckung. Gerade bei Taschendieben kann man die Überwachungsbilder weitergeben an andere Länder, um Banden zu erkennen.“

Derweil wurden die im abendlichen Dunkel umlagerten Glühweinstände des kürzlich eröffneten Weihnachtsmarktes wohl jetzt schon zum Magnet für Taschendiebe. Am Montag und Dienstag sollen dort erste Geldbörsen weggekommen sein.