Berlin - Neulich vor dem Schrank. Konzert! Schick oder leger? Dunkel, bunt oder dunkelbunt? Rock oder Hose? Schmuck oder blank? Alles keine Fragen, die zu Kopfweh führen müssen. Aber in diesem Moment gehören sie dazu. Weil sich vor dem Konzert oder einem Fest schön anzuziehen, doch auch bedeutet, die festliche Vorfreude in Stoff umzusetzen.

Man bewegt sich anders im feinen Gewand. Aufrechter. Und verbeugt sich zugleich. In diesem Fall vor den Künstlern, vor dem herrlichen Foyer und dem ehrwürdigen Saal. In anderen Fällen vor der Gastgeberin, dem Jubilar, oder einfach vor dem Tag. Ich greife zu Dunkelbunt, Rock, wenig Schmuck. Und die Tasche. Sie ist nicht unschick, aber groß. Alle Witze über Frauentaschen steckt sie in dieselbe. Doch ohne sie bin ich nur halb.

Die Tasche ist zu groß

Neulich also, in der Philharmonie. Die Dame an der Garderobe zieht nicht nur die Augenbrauen, sondern gleich das ganze Gesicht hoch und fordert mich auf, die Tasche in einen grauen Kasten zu legen. Er sieht aus wie die Kisten am Flughafen, in denen man das Handgepäck durch den Durchleuchtungstunnel schickt. Die Tasche passt hinein, ragt aber ein klitzekleines Stück hinaus. „Damit wird man sie nicht in den Saal lassen“, verkündet die Garderobiere. Dass ich seit vielen Jahren mit dieser Tasche ins Konzert gehe, winkt sie weg.

Zum Diskutieren habe ich mich nicht rausgeputzt, also: Was muss mit in den Saal. Kalender, Kamera,  Bahnlektüre? Nein. Geld, Taschentücher, Notizbuch? Wein, weinen und schreiben muss drin sein. Aber wo drin? Die Dame reicht mir eine durchsichtige Plastiktüte.

Stilbruch in Kunststoff

Habe ich eine halbe Stunde vor dem Schrank zugebracht, um jetzt mit einer Plastiktüte herumzulaufen? Gibt es einen sichereren Weg, jeglicher Eleganz und jedem festlichen Gefühl den Hals umzudrehen, als eine Plastiktüte? Und überhaupt: Plastik! Passt zu den Brezeln in der Philharmonie, aber im Gegensatz zu denen kostet sie nicht einmal was. Auch im Gegensatz zu denen meisten Supermärkten.

Ich gehe mit Tasche ins Konzert. Der Abend wird bewegend, und ich bin froh über die Taschentücher. Die Vorstellung, die vollgerotzten in einer durchsichtigen Tüte während der Pause am Arm baumeln zu haben, verknittert mein Gesicht für einen Moment wie das der Garderobenfrau.

Genauso ungebügelt guckt die Dame in der Berlinischen Galerie einige Wochen später. Sie ist strenger. Die Tasche bleibt draußen. Oder eben alles in – genau: eine Plastiktüte. Mit der vor den Aktbildern von Lotte Laserstein zu stehen, das ist wie ... Capri-Sonne schlürfen und Caravaggios gucken. Oder Bifi essen bei Beethoven.

Misstrauen überall

Beides hätte in eine winzige Tasche gepasst und es wohl in die heiligen Hallen der Hochkultur geschafft. Zumindest solange wir und unsere Taschen nicht auch dort durchleuchtet werden. Dann heißt es nicht mehr „neulich“, sondern: damals, in festlicher Vorfreude. Die Museumstüte habe ich aufgehoben. Für die Philharmonie. Fehlt nur noch das passende Kleid. Misstrauische Zeiten. Schön sind sie nicht.