Die Amokfahrt verursachte ein Chaos auf der A 100.
Foto: Morris Pudwell

BerlinDer Attentäter von der Berliner Stadtautobahn war vor dem islamistischen Anschlag nicht im Blick der Sicherheitsbehörden der Hauptstadt. Es habe keine Staatsschutzerkenntnisse zu dem 30-jährigen Sarmad A. und keine Anzeichen für eine Radikalisierung gegeben, sagte ein Sprecher der Innenverwaltung am Donnerstag: „Er war nicht auf dem Radar.“ 

Der Mann, der 2016 über Finnland nach Deutschland einreiste und Asyl beantragte, behauptet, Iraker zu sein. Weil in dieses Land nicht abgeschoben wird, bekam er eine Duldung. Vor einer Flüchtlingsunterkunft in Alt-Glienicke soll er einen Wachschützer geschlagen haben. Im anschließenden Prozess wurde er jedoch aufgrund seines psychischen Zustandes für schuldunfähig erklärt. Er wurde daraufhin eine Zeit lang in einer psychiatrischen Anstalt untergebracht.

Am Dienstagabend rammte der 30-Jährige an drei Stellen der A100 gezielt Fahrzeuge. Er machte laut Generalstaatsanwaltschaft Jagd auf Motorradfahrer. Sechs Menschen wurden dabei verletzt, drei davon schwer. Gegen ihn wird nun wegen versuchten Mordes ermittelt. Unter den Schwerverletzten ist ein Feuerwehrmann, der mit einem Motorroller auf dem Heimweg war. Sein Zustand sei immer noch kritisch, hieß es am Donnerstag.

Der abgelehnte Asylbewerber ist nun im Maßregelvollzug untergebracht. Nachdem er durch einen Psychiater begutachtet wurde, verfügte ein Haftrichter am Mittwochabend die Unterbringung in der psychiatrischen Einrichtung. Nach Angaben von Martin Steltner, dem Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft, leidet Sarmad A. unter einem „bizarren, religiösen Wahn“. 

Bereits in den Stunden zuvor war er nach Angaben seiner Reinickendorfer Nachbarn durch aggressives Verhalten aufgefallen. Anwohner berichten, dass der Mann gegen 10 Uhr mit einer Gebetskappe auf dem Kopf wie im Wahn die Kögelstraße auf- und abgelaufen sei. Immer wieder soll er gerufen haben: „Allahu Akbar“ (Gott ist größer) und „Ihr werdet sehen“. Anwohner alarmierten mehrfach die Polizei. Doch die konnte Sarmad A. nicht entdecken.

Mittlerweile zeichnet sich immer mehr ein genaues Bild über Sarmad A. ab. Der Amokfahrer macht den Eindruck eines psychisch gestörten Fanatikers, der nicht wie der Attentäter Anis Amri aus einem großen islamistischen Netzwerk heraus agierte. Vielmehr wirkt er wie ein radikaler Einzeltäter, der sich auf seiner Facebook-Seite gern als Märtyrer inszenierte. Seine Internetauftritte polierte er mit Fotos von Koranbüchern auf und zitierte zum Teil radikal-islamische Sprüche. Die umstrittene Dar as-Salam Moschee hatte er mit „gefällt mir“ markiert. Die Moschee in Neukölln war bereits im Visier des Verfassungsschutzes, weil dort Anhänger der Muslimbrüderschaft ein- und ausgingen.

Zu seinem Tatmotiv schweigt Sarmad A. bisher. Nach Einschätzungen der Behörden war der Anschlag islamistisch motiviert. Der 30-jährige Terrorverdächtige drohte mit Sprengstoff in einer Munitionskiste. Neben seinem Terror-Auto rollte er einen Gebetsteppich aus, rief mehrfach die Worte „Allahu Akbar“ . Auf Arabisch sagte er, alle würden sterben. Obwohl er mit einem Küchenmesser bewaffnet war, überwältigte ihn ein Arabisch sprechender Polizist, der als Erster am Tatort war, und nahm ihn fest.

AfD fordert Abschiebung des Täters

Am Abend nach seiner Festnahme hatte eine Polizeiärztin den Mann begutachtet. Sie ging zunächst nicht davon aus, dass Sarmad A. schuldunfähig ist. Generalstaatsanwältin Margarete Koppers hatte am Mittwoch gesagt, trotz psychischer Auffälligkeiten sei ein gezieltes Verhalten möglich.

Der AfD-Migrationspolitiker Hanno Bachmann forderte eine zügige Aufklärung sämtlicher Hintergründe des islamistischen Anschlags und die Abschiebung des Täters. „Der Senat darf die islamistische Gefahr nicht länger vernachlässigen, nur weil sie ihm nicht in sein ideologisches Konzept der unbegrenzten Massenzuwanderung passt“, erklärte er.

Bundesanwaltschaft klagt ehemalige IS-Braut an

Am Donnerstag teilte die Bundesanwaltschaft zudem mit, dass sie Anklage gegen eine 33-Jährige aus Berlin erhoben hat. Zeynep G. wird die Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung vorgeworfen. Sie war 2014 nach Syrien ausgereist, heiratete dort einen tschetschenischen IS-Kämpfer und schloss sich der Terrororganisation an. Als Hochzeitsgeschenk bekam sie von ihrem Ehemann ein Schnellfeuergewehr des Typs AK-47 und eine Unterweisung im Umgang mit der Waffe.

Zu Beginn des Jahres 2019 geriet Zeynep G. in die Obhut von kurdischen Kräften und wurde in ein Flüchtlingslager in Nordsyrien gebracht. Aus diesem gelang ihr Anfang dieses Jahres die Flucht. Nach ihrer Einreise in die Türkei im Februar 2020 wurde sie von dortigen Sicherheitskräften aufgegriffen und befand sich seither in Abschiebehaft.