Berlins Polizei rüstet auf. Gerade hat sie 118 mobile Straßensperren gekauft, die jeweils mit 1500 Liter Wasser befüllt werden. Sie sollen verhindern, dass jemand mit einem Transporter absichtlich Menschen überfährt.

Demnächst erhalten die Polizisten auch neue Helme, Schutzwesten, Pistolen, Maschinenpistolen und einen Panzerwagen. All dies ist eine Reaktion auf den islamistischen Terror, der seit Jahren Europa überzieht – und sich auch auf dem Breitscheidplatz manifestierte.

Der tödliche Anschlag am 19. Dezember 2016 veränderte das Leben in dieser Stadt, auch wenn schon am übernächsten Tag die Weihnachtsmärkte wieder öffneten. Wir lassen uns unseren Lebensstil nicht vorschreiben, sagten Glühwein-Trinker und Glühwein-Verkäufer. Wir lassen uns unsere Freiheit nicht nehmen, sagten Politiker. Doch tatsächlich passiert das schon längst. Nach jedem Terroranschlag, bei jeder Großveranstaltung, geht ein kleines Stück Freiheit verloren.

Manchem vergeht der Spaß

Am Donnerstag beginnt in Russland die Fußball-Weltmeisterschaft. Am 17. Juni kann man auf der Straße des 17. Juni das Spiel Deutschland gegen Mexiko verfolgen. Auf der Fanmeile, die Platz für 250.000 Zuschauer hat, wird es im Verlauf der WM 13 Public-Viewing-Veranstaltungen geben.

Die Sicherheitsvorkehrungen sind so scharf wie selten zuvor: 500 private Wachleute sichern das Fest. „An Tagen mit deutscher Spielbeteiligung sind es weit mehr“, sagt ein Sprecher der Fanmeile Berlin. Die Straße des 17. Juni und der Tiergarten werden eingezäunt. Die Polizei wird fast alle ihrer neuen wassergefüllten Straßensperren an den Wegen zur Fanmeile aufstellen.

Die Liste der dort verbotenen Gegenstände ist lang. Rucksäcke und Taschen dürfen nur so groß wie DIN-A-4-Blatt sein. Es ist verboten, Getränke mit hineinzunehmen. Fahnen sind verboten, Böller sowieso. Flaschen, Becher, Krüge sind verboten. Auf der Verbotsliste stehen auch Dinge, die für bessere Sicht und Bequemlichkeit sorgen: Leitern, Hocker und Klappstühle. Verboten sind auch Lärminstrumente. An den Eingängen muss sich jeder abtasten lassen. Manchem vergeht da der Spaß.

Alles kostet eine Menge Zeit

Auch deshalb haben nach Einschätzung von Gunter Pilz, Honorarprofessor an der Leibniz Universität Hannover und Berater des Deutschen Fußballbundes, große Public-Viewing-Veranstaltungen weniger Zulauf. „Da spielt die Terrorismusgefahr auch eine Rolle, denn solche Events sind natürlich auch ein Sicherheitsrisiko“, sagt er. „Der Trend geht dahin, dass die Leute in kleineren Gruppen in Kneipen mitfiebern wollen“, sagt er. Dafür seien unter anderem auch die verschärften Sicherheitskontrollen und Einschränkungen mitverantwortlich.

Strenge Kontrollen und Metalldetektoren gibt es mittlerweile bei vielen Großveranstaltungen, ob bei Konzerten in der Mercedes-Benz-Arena, der Waldbühne oder der Spandauer Zitadelle. Ins Tempodrom kommt man nicht einmal mehr mit einem Stoffbeutel, seit 2017 in Manchester eine Bombe in einer Konzerthalle explodierte.

Überall müssen die Besucher Zeit mitbringen – und keinesfalls eigene Getränke, wie es früher noch erlaubt war. Ganz nebenbei bedeutet dies ein zusätzliches Geschäft für die Veranstalter. Und es stellt sich die Frage: Wie lange können wir noch unbehelligt Cola oder Bier ins Kino schmuggeln? Wann werden die Betreiber der Kinopaläste aus Sicherheitsgründen in die Taschen der Gäste schauen?

Geschenkte Sicherheit

Am Beispiel des Fußballs und der Konzerte ist zu sehen, wie sich die Gesellschaft verändert hat und noch verändern wird. Der Berliner Senat und die Bezirke erarbeiten ein städtebauliches Konzept zur Vermeidung sogenannter Überfahr-Taten, wie diese im Polizeijargon genannt werden. Die Bezirksämter sollen an Plätzen, wo Veranstaltungen stattfinden, Hindernisse aufstellen – ob als Blumenkübel oder Betonklotz.

Eine Gruppe aus neun Experten erarbeitet beim Senat einen Leitfaden für die Sicherheit von Großveranstaltungen. „Wir müssen uns hier in kranke Hirne hineinversetzen, um die Sicherheitslücken zu schließen“, sagt Harald Büttner, Leiter des Grünflächenamtes Mitte, der im Expertenteam sitzt. In seinen Bereich fällt die Fanmeile. Als Deutschland 2006 Gastgeber der Fußball-WM war, seien die Sicherheitskonzepte 35 Seiten dick gewesen, heute sind es 120 bis 180 Seiten, sagt Büttner.

Jede Stadt in Deutschland findet gegen „Überfahr-Taten“ eigene Lösungen. Der Dresdener Striezelmarkt ist umgeben von rechteckigen Klötzen, die wie Legosteine übereinander gestapelt werden können. Damit es nicht so einschüchternd wirkt, wurden in manchen Städten die Klötze mit Schleifen als „Geschenk“ dekoriert. Eine Art geschenkte Sicherheit.

Es gibt keinen vollkommenen Schutz

Die Poller können aber auch einen gegenteiligen Effekt haben: Sie können Ängste schüren. Denn die Orte, an denen sie aufgebaut werden, gelten als mögliche Anschlagsziele. Befeuert werden solche Ängste von rechten Parteien, die Flüchtlinge und Terroristen gleichsetzen. Bei Twitter gibt es inzwischen das Schlagwort #merkelpoller.

Die Vorkehrungen gegen den Terror erscheinen notwendig. Andere Metropolen kennen das schon länger: London ist voll mit Überwachungskameras. Am Kolosseum in Rom stehen schwer bewaffnete Soldaten. Wer den Ort des Prager Fenstersturzes sehen möchte, muss sich vor dem Hradschin in eine hundert Meter lange Schlange reihen. Am Eingang werden die Touristen auf Waffen und Sprengstoff durchsucht. Wer in Tel Aviv im Dizengoff-Center einkaufen will, wird mit einer Sonde kontrolliert und muss seine Tasche öffnen.

Wir machen das gern, es dient ja unserer Sicherheit. Wir lassen uns in unserer persönlichen Freiheit einschränken, Stück für Stück, weil uns solche Kontrollen ein diffuses Sicherheitsgefühl geben. Wobei jedem klar sein muss, dass es einen hundertprozentigen Schutz vor Terror nicht gibt.

„Die Leute sind sensibler geworden“

Der Terrorismus-Forscher Berndt Georg Thamm sieht die Freiheit hingegen nicht gefährdet, die Bürger nicht ausgespäht und ihrer Rechte beraubt: „Ich habe ein unerschütterliches Vertrauen in unsere Sicherheitsarchitektur“, sagt Thamm. Gleichwohl sieht er die Zunahme der Messer-Attacken und Attentate, bei denen Fahrzeuge verwendet wurden.

„Wie in Israel sollen die Menschen in Europa das Gefühl haben, dass einzelne Täter aus heiterem Himmel zuschlagen“, beschreibt Thamm die Strategie der Dschihadisten. Eine stärkere Kontrolldichte bei größeren Menschenansammlungen sei eine Reaktion darauf. „Die Leute sind sensibler geworden“, sagt er. „Man achtet auch stärker auf herrenlose Koffer. Wir lernen damit zu leben.“ Nach Angaben eines Polizeisprechers sind die Sprengstoffexperten der Behörde seit Anfang des Jahres 28 Mal zu Bombenalarmen gerufen worden.