„Sie brauchen Hilfe“: Polnische Sozialarbeiter kümmern sich um obdachlose Landsleute

Wochenlang wurde gerätselt, wann sie denn nun kommen würden, die polnischen Sozialarbeiter der Hilfsorganisation Barka, die sich in Berlin um ihre obdachlosen Landsleute kümmern sollen. Nun steht fest: Die Sozialarbeiter fangen am 1. September mit ihrer Arbeit auf den Berliner Straßen an. Das bestätigte Barka-Geschäftsführerin Ewa Sadowska der Berliner Zeitung.

„Die polnischen Obdachlosen in Berlin brauchen unsere Hilfe“, sagt die 31-Jährige. Die international tätige Hilfsorganisation Barka mit Sitz in Poznan kümmert sich europaweit um Geflüchtete und Obdachlose. Barka leitet Projekte in England, den Niederlanden, Belgien, Kanada, Irland und im eigenen Land. 

Gesundheitszustand vieler Obdachloser sei katastrophal

In Berlin wird sich die Organisation nur um Landsleute kümmern. Die polnische Regierung hat für das Projekt vor einigen Wochen 37.000 Euro zur Verfügung gestellt. Wie viele obdachlose Polen in Berlin leben, weiß niemand genau, so wie man auch die gesamte Zahl der Wohnungs- und Obdachlosen schätzen kann. Die polnische Regierung geht von bis zu 2000 Polen aus, die ohne festen Wohnsitz in Berlin leben.

„Viele Menschen sind aus Polen gekommen, um in Berlin Arbeit zu finden“, sagt Juri Schaffranek von Gangway, einer Einrichtung für Straßensozialarbeit. „Doch sie sind gescheitert.“

Manche hätten gearbeitet, aber keinen Lohn erhalten, andere würden so wenig verdienen, dass sie auf der Straße landen. Viele campieren in Parks, am Bahnhof Zoo und am Alex, am Bahnhof Ostkreuz und entlang der Spree bis zur Rummelsburger Bucht. Und auch der Gesundheitszustand vieler polnischer Obdachloser sei „bedenklich bis katastrophal“, sagt Juri Schaffranek. „Sie brauchen dringend Hilfe.“

„Sie brauchen medizinische Hilfe und Therapien“

Barka-Geschäftsführerin Ewa Sadowska sagt, im August wolle sie sich in Berlin mit Hilfseinrichtungen wie der Caritas und der Stadtmission treffen, um sich einen Überblick über die Situation polnischer Obdachloser zu verschaffen und die künftige Zusammenarbeit zu besprechen.

Vorerst wird ein Team mit zwei polnischen Mitarbeitern in Berlin unterwegs sein, die in ihrer Heimatsprache mit den Obdachlosen reden können. Später sollen sechs Sozialarbeiter unterwegs sein. Es gehe vor allem darum, kranke Obdachlose davon zu überzeugen, in ihre polnischen Heimatstädte zurückzukehren. „Sie brauchen medizinische Hilfe und Therapien.“ Zudem verstünden viele polnische Obdachlose kein Deutsch. 

Juri Schaffranek von Gangway glaubt aber nicht, dass die Sprache das Problem sei. „Die größte Hürde ist der Schritt von der Straße in eine Hilfseinrichtung“, sagt er, denn dafür müssten die Betroffenen ihr gesamtes Leben ändern, vor allem auf Drogen und Alkohol verzichten, die in der Regel in allen Hilfeeinrichtungen verboten sind. 

Prognose für 2019: 47.000 Obdachlose in Berlin

Vor dieser schwierigen Entscheidung stehen letztendlich alle Obdachlosen. „Hilfe funktioniert immer nur freiwillig“, sagt Schaffranek. Und im Hinblick auf die polnischen Obdachlosen: „Sie müssten freiwillig nach Polen zurückkehren und dort freiwillig mit einer Therapie beginnen. Das wäre ein großer Schritt“ 

Aktuell sind knapp 37.000 Menschen ohne festen Wohnsitz in Notunterkünften untergebracht, darunter etwa 6500 anerkannte Asylbewerber. Laut Sozialverwaltung handelt es sich um 20.576 Haushalte, darunter gut ein Fünftel mit Kindern. Hinzu kommen Obdachlose, die direkt auf der Straße leben. Sie werden bislang nicht gezählt, Experten gehen allerdings davon aus, dass es 4000 bis 10.000 sein dürften.

Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) verweist auf Prognosen, wonach in den kommenden Jahren in Berlin etwa 47.000 Menschen ohne feste Bleibe untergebracht werden müssen. Und es fehlten an geeigneten Unterkünften. 

Unterstützung ist willkommen

Die Sozialsenatorin will die Arbeit der polnischen Sozialarbeiter unterstützen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten gebe es nun erste Kontakte zu den Helfern, sagt sie und macht deutlich, dass der Senat Wert auf Absprachen legt, die es bislang noch nicht gebe.

„Wir möchten, dass wir uns an einen Tisch setzen und darüber sprechen, was man machen kann“, sagte sie. Daher habe sie einen Brief an die polnische Botschaft geschrieben.
Die Unterstützung sei willkommen, aber: „Die Spielregeln für den Umgang mit Wohnungslosen in dieser Stadt bestimmen immer noch wir.“

Am Montag sagte eine Sprecherin der Senatorin, man befinde sich in direktem Kontakt mit den polnischen Behörden. „Wir sind jetzt einen Schritt weiter“, hieß es.