BerlinSie sind gekommen um zu winken. Sie mögen den Flugverkehr aus ökologischen Gründen nicht – jedenfalls nicht mehr. Und einige sind ehrlich genug zu erzählen, dass sie diesen Flughafen auch geliebt haben. Die Teilnehmer der Abschiedsdemo am Flughafen Tegel, die sich am Sonntagmittag vor dem Eingang versammelt haben, sind alle mit dem Rad gekommen. Sie wollen bei einer Fahrraddemo zur Verabschiedung des allerletzten Flugzeugs dabei sein.

Die Szenerie wirkt schon etwas gespenstisch: Die Sonne strahlt, und die Türen zum Flughafen sind dicht, die Parkplätze sind leer, es sind nur wenige Leute an diesem früher so wuseligen Ort, die Anzeigetafeln an der Tür, auf denen jahrzehntelang alle aktuellen Flüge standen, sind leer. Nur auf dem blauen Bildschirm mit dem Abflügen steht für 15 Uhr noch ein Flug – Air France Nr. 1235 nach Paris. Das offiziell letzte Flugzeug.

„Wir wollen ihn verabschieden“, erzählt Heiner von Marschall, ehrenamtlicher Landesvorsitzender des Verkehrsclubs Deutschland (VDC). „Wir wollen die Flugroute entlangfahren, dort entlang, wo es immer zu laut und zu dreckig war“, sagt der 53-Jährige. „Und dann feiern wir in Pankow ein Abschiedsfest, dass das letzte Flugzeug von Tegel nun Geschichte ist.“

Foto: Jens Blankennagel
Tierischer Teilnehmer der Demo.

Mit der Demo soll auch daran erinnert werden, wie im Norden Berlins viele Bürgerinitiativen sich jahrelang im Bündnis „Tegel schließen, Zukunft öffnen“ engagiert haben. Nun wollen die Kämpfer gegen den Flugbetrieb in der Stadt nicht ignorieren, dass Tegel schließt und der BER fast beiläufig eröffnet wurde. Die Radler sind gegen den massenhaften Flugverkehr, sind für eine Kerosinsteuer, sind für eine möglichst weite Ausdehnung des Nachtflugverbots zum Beispiel rund um den BER. Sie sind oft auch für die Abschaffung der Kurzstreckenflüge, also aller innerdeutschen Flüge. „Zwei Drittel aller Flüge von Tegel gingen nach München oder Frankfurt am Main“, sagt von Marschall. „So etwas ist doch völlig unsinnig, wenn man in vier Stunden dorthin mit der Bahn fahren kann.“

Es werden immer mehr Leute, die mit dem Fahrrad vor dem Eingang des ehemaligen Airports ankommen. Inzwischen sind es 130 Radler, und die Veranstalter sind selbst etwas überrascht von dieser Resonanz.

Vor dem Start werden noch einmal interessante Gedanken durchgespielt. Von Marschall sagt zum Beispiel, dass er auch gegen die „klimaschädliche Subventionierung“ von Flughäfen ist und stellt die Frage: „Warum müssen wir als Gesamtgesellschaft den Flughafen BER bezahlen? Warum machen das nicht die Fluggesellschaften, und die Kosten werden dann auf die Tickets umgelegt?“ Dann würde es auch nicht mehr diese völlig unökologischen Billigtickets von 19,99 Euro geben. „Und der Preis würde auch nicht so wahnsinnig steigen“, sagt er und rechnet vor, dass der BER etwa sechs Milliarden Euro gekostet habe. „Wenn man den in zehn Jahren abbezahlen will, wären das 600 Millionen Euro im Jahr.“ Bei 20 Millionen Passagieren pro Jahr wären das 30 Euro zusätzlich pro Ticket.

Foto: Jens Blankennagel
Bei der Demo gehören den Radfahrer an diesem Tag kurz mal alle Fahrspuren. 

Dann sind alle bereit. Die Polizei ist mit sechs Motorrädern da, um die Demo auf der Fahrt nach Pankow abzusichern, dazu zwei Streifenwagen und acht Polizisten auf Rädern. Die Demonstranten haben Lautsprecher auf Lastenrädern dabei und Plakate. Drauf steht zum Beispiel: „Klimagerechtigkeit jetzt“ oder „Verkehrswende ist Klimaschutz“.

Matthias Bernhardt aus Wedding ist mit seiner Familie gekommen: drei Fahrräder – vorn die Frau, dahinter der Sohn im Teenageralter, hinten der Vater mit dem Lastenrad, in dem auch die fünfjährige Tochter sitzt. Der 44-Jährige erzählt, dass er überzeugter Radfahrer und  fast immer bei Demos und Sternfahrten dabei sei. „Es macht doch auch Spaß, in großen Pulks zu fahren“, erzählt er. Das sei für Radfahrer eine ungewohnte Situation, denn sie würden doch immer an den Rand gedrängt. Doch bei einer solchen Raddemo gehöre ihnen wenigstens mal kurz die ganze Straße, dann dürfen sie auch mal zweispurige Stadtautobahnen erobern. „Oder heute“, sagt er. „Die Herfahrt nach Tegel mit dem Rad. Das hätte ich mich doch nicht getraut, wenn hier noch der ganz normale Autoverkehr gewesen wäre.“

Als die Demo losrollt, fährt kurz vor dieser Familie ein Radler mit Lastenrad, in dem ein Hund mit goldener Spiegelbrille sitzt. Der Mann erzählt, dass es tatsächlich eine Hundebrille ist. Die Stimmung ist gelöst.

Auch Mathias Adelhofer ist dabei –  mit einem schönen neuen Lastenrad seiner Partei, auf das er einen Lautsprecher gebaut hat. Er ist Kreisvorsitzender der Grünen in Reinickendorf und hat jahrelang für die Schließung von Tegel gekämpft, wegen des Lärms und des Drecks. Und er ist aktiv beim Netzwerk „Fahrradfreundliches Reinickendorf“.

Er hat am Vorabend eine Liste mit 30 Titeln erstellt, die er während der Demo abspielen will. Dabei ist vor allem Gute-Laune-Musik wie „Give me a Ticket for an Aeroplane“ von der Band Jefferson Airplane. Der 61-Jährige sagt: „Wir freuen uns natürlich, dass Tegel endlich schließt. Wir sagen: Danke, Tegel, und tschüss. 300.000 Berliner sind nun vom Lärm entlastet, dafür sind nun die Leute rund um den BER belastet.“

Er sagt, dass wohl die meisten Leute, die gerade demonstrieren, selbst fliegen. „Wir haben diesen Flughafen der kurzen Wege natürlich auch geliebt. Deshalb gibt es heute ein lachendes und ein weinendes Auge“, sagt er. „Aber das lachende ist größer.“

Er selbst arbeite für ein internationales Kulturunternehmen und müsse auch jeden Monat eine große Dienstreise machen. „Früher bin ich natürlich geflogen. Aber irgendwann bin ich aufgewacht, und nun fahre ich nur noch Bahn“, erzählt er. Natürlich gebe es da manchmal auch einen Zeitverlust. „Aber jeder von uns sollte und muss doch bereit sein, ein paar Einschränkungen hinzunehmen, um einen Beitrag für den Klimawandel zu leisten.“

Der Tross rollt über eine vierspurige Schnellstraße direkt am Flughafengelände, auf der nun zwei Spuren für die Radler gesperrt sind. Ein Radler ruft: „Hoch mit dem Klimaschutz, runter mit dem Flugverkehr.“ Einige Radler stimmen ein.