Irgendwann fing ich an den Tauben Namen zu geben, weil sie so unfassbar individuell sind. Die eine ist scheu und hat ein cremefarbenes zartes Federkleid und die andere ist groß und eher grau-weiß, aufdringlicher und kräftiger. Eine Erfahrung führte dazu, dass ich an der Friedrichstraße in Tränen ausbrach.

Meine für den Moment existierende Lieblingstaube wurde von mir Tiffy getauft. Sie sah eigentlich aus wie eine „gewöhnliche“ Taube und ihre Federn schimmerten silbern im Sonnenlicht. Außerdem war sie sehr zutraulich und kam ganz nah. Ich konnte sie kurz streicheln. Während in Berlin die Fashion Week stattfand, stolzierte sie vor mir auf ihrem eigenen Laufsteg, als ich sie mit Brotkrümeln meines Franzbrötchens fütterte.

Der Hass auf Stadttauben ist unbegründet

Das war ein großer Fehler von mir! Tauben dürfen keineswegs mit Brotkrümeln gefüttert werden. Ich war so beeindruckt von der Zutraulichkeit von Tiffy und googelte sofort nach der angemessenen Fütterung für Stadttauben. Direkt eröffnete sich mir ein großes Reich des Taubenuniversums, da es sehr viele Arten gibt. Leider bekommen Tauben zu wenig Aufmerksamkeit und wenn, dann oft eine falsche Beachtung in Form von Ablehnung. Unbegründet, weil sie keinen stören.

Was tun, um Tauben die zugestandene Anerkennung zu gestatten? Aufklärung betreiben und selbst informieren im besten Fall. Die Vögel sind zart besaitet, divers und wunderschöne Tiere. Wir könnten uns viel abgucken von ihnen. Zum Beispiel ihre charmante Art in puncto Annäherung. Sie sind nicht aufdringlich, sondern vorsichtig und tun eigentlich keiner Fliege etwas zuleide. Weiterhin sind Tauben sehr sozial. Wir sind oft asozial, wenn wir ihnen begegnen.

Sabine Gudath
Tauben finden sich häufig im Berliner Stadtbild.

Gemeinsam fliegen sie an vielen Plätzen Berlins herum – und an der Friedrichstraße sind besonders viele von den bunten Schönlingen. Hier spazieren sie tagtäglich in Scharen am Springbrunnen herum, sitzen auf den Bäumen und drehen ihre Runden. Oft erfahren die Vögel leider Ablehnung und viele äußern ihnen gegenüber Ekel. Diese Haltung ist paradox, da viele Menschen die Tauben auch mit menschlichen Lebensmitteln füttern, die eigentlich nicht für sie bestimmt sind. Dadurch werden die Tiere einerseits angelockt und gleichzeitig wegen Ekel abgestoßen. Die Tauben können ja nichts dafür.

Was man beim Taubenfüttern beachten muss

Brotreste oder andere Lebensmittel können bei den Tieren Magenprobleme und Schmerzen verursachen. Nur leider können sie ja nicht sprechen. Geeignet wären eher Hülsenfrüchte und Kerne. Sogar Dinge, die fast jeder in der Abstellkammer oder im Schrank hat. Das wären zum Beispiel getrocknete Erbsen, Naturreis, Sonnenblumenkerne.

Wichtig: keine salzhaltigen Lebensmittel. Natürlich sollen sie nicht mit Brötchenkrümeln gefüttert werden, auch ich habe Tiffy mit meinem Franzbrötchen vielleicht eher Schmerzen zugefügt, was ich gar nicht wollte, als dass ich ihr etwas Gutes getan habe und ihren Hunger stillen konnte.

Jedenfalls tröstete ich mich, indem ich mir sagte, ich habe immerhin ihre tierische Gier gestillt. Nun, ich muss zugeben, ich habe die Tauben vorher zeitweise mit Zimtschneckenkrümeln gefüttert, als ich meine tägliche Runde an der Friedrichstraße drehte. Es bahnte sich eine Freundschaft mit den Tierchen an und ich beobachtete auch tagelang dieselben Vögel am gleichen Ort.

Teilweise sind sie zutraulich und ich habe das Gefühl, sie erinnern sich an einen. Viele lachen darüber, aber ich habe angefangen mich intensiv mit Tauben zu beschäftigen. Sie zwinkern, wenn sie einen mögen – ähnlich wie Wellensittiche. Jedenfalls rede ich mir das ein, was auch okay ist. Was kann ich tun als genervte Passantin? Mehr Aufmerksamkeit den Tauben, bitte!

Bernd Friedel
15.000 Stadttauben soll es in Berlin mindestens geben.

Schilder wären hilfreich, wodurch zum einen auf sie aufmerksam gemacht werden würde, und zum anderen könnten an großen Plätzen wie der Friedrichstraße oder dem Alexanderplatz zusätzlich welche mit Kurztexten angebracht werden, wie zum Beispiel eine artgerechte Fütterung aussehen könnte. Es gibt in Berlin Verbotsschilder, auf denen steht, dass Vögel, insbesondere Stadttauben nicht gefüttert werden sollen, aber sie wirken nicht wirklich aufklärend, weil die inhaltliche Information fehlt. Ein Schild ohne Belehrung, was für mich ein Spiegel des Problems darstellt: Die Tauben bekommen viel zu wenig Aufmerksamkeit und artgerechte Haltung inmitten der Stadt.

Artgerechte Haltung ist die einzige Lösung

Wenn Menschen sich über Tauben beschweren, ihnen aber trotzdem Brotkrümel hinwerfen, tun sie ihnen absolut nichts Gutes und die Tiere werden noch mehr an gewisse Orte gelockt und gieriger. Somit ist eine artgerechte Haltung die einzige Lösung, das Problem in den Griff zu bekommen und den Tieren ihre Aufmerksamkeit zu geben. Die Begegnung mit meiner Taube Tiffy hat mich um einiges belehrt, weil ich mich selbst darüber informiert habe, was Tauben artgerecht so essen.

Als philosophieaffine Person stelle ich mir Gott sei Dank viele Fragen, aber dieses Thema sollte auch für Philosophie-Desinteressierte greifbar gemacht werden und das kann nur über die Sinneseindrücke gemacht werden. Aufklärung, Schilder mit Text, die gesehen werden! Her mit den Sonnenblumenkernen!

Um das Fass auch noch zu öffnen: Auch der Müllkonsum trägt dazu bei, dass die Tauben (auch andere Tiere) in den Städten mehr und mehr beheimatet werden, weil Pseudofutter da ist, was die tierische Gier nicht ausschalten kann. Also teilt lieber zum Beispiel die Sonnenblumenkerne mit den Tauben, statt ihnen Brotkrümel vor die Nase zu werfen. Ein bisschen mehr Liebe und Beachtung für diese wundervollen Tiere wären schön. Schließlich gibt es an den schönsten Plätzen Berlins viele Tauben. Weg mit dem negativen Image, dass sie Krankheiten übertragen, dreckig seien und alles „vollscheißen“!

Nein, sie leben wie alle anderen Tiere auch, sind super sozial, zutraulich, kunterbunt und machen die Städte zu einem romantischen Ort. Nicht zu vergessen: Tauben stehen für den Frieden, den wir jetzt überall gut gebrauchen können.

Die Autorin studiert Philosophie und Theaterwissenschaften in Berlin. „Tauben im Gras“ von Wolfgang Koeppen ist einer ihrer Lieblingsromane.

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