Berlin - Die 52-jährige Pflegerin, die vor fünf Wochen im zum Oberlinhaus gehörenden Thusnelda-von-Saldern-Haus in Potsdam vier Menschen getötet und eine weitere Frau schwer verletzt haben soll, wehrt sich gegen ihre Kündigung. Sie hat eine Kündigungsschutzklage vor dem Potsdamer Arbeitsgericht eingereicht. Das bestätigte Robert Crumbach, der Sprecher des Gerichts. Die Klage sei in der zulässigen Frist von drei Wochen eingegangen, sagte Crumbach. Am Donnerstag der kommenden Woche werde verhandelt. „Es handelt sich dabei zunächst um einen Gütetermin.“ Zuständig sei die 7. Kammer unter der Vorsitzenden Richterin Birgit Fohrmann. Die Klägerin müsse zu der Verhandlung nicht persönlich erscheinen.

Der Pflegerin, einer langjährigen Mitarbeiterin des Oberlinhauses, war nach der mutmaßlichen Bluttat zweimal fristlos „verhaltens- und personenbedingt“ gekündigt worden, wie ihr Anwalt Henry Timm der Berliner Zeitung erklärte. So seien ihr die außerordentlichen Kündigungen am 3. und 19. Mai ausgesprochen worden. Seiner Mandantin sei dann ein Anhörungsschreiben des Oberlinhauses zugesandt worden, das Bezug auf die Ereignisse vom 28. April genommen habe. Das Schreiben blieb unbeantwortet. „Weil das Oberlinhaus nicht die Staatsanwaltschaft ist“, sagte Timm.

Eventuelle Versäumnisse des Arbeitgebers zur Sprache bringen

Der Potsdamer Anwalt will vor Gericht erreichen, dass die Kündigungen unwirksam werden. „Meines Erachtens sind nicht alle Voraussetzungen gegeben, eine außerordentliche Kündigung wirksam werden zu lassen“, erklärte Timm. Das fange schon damit an, dass die Staatsanwaltschaft derzeit prüfen lasse, ob seine Mandantin schuldunfähig sei. Aus prozesstaktischen Gründen wolle er sich dazu aber derzeit nicht weiter äußern. Der Anwalt berichtete, dass er mehrfach versucht habe, mit dem Oberlinhaus ins Gespräch zu kommen, auch um „dem voraussehbaren Medienrummel vor dem Arbeitsgericht zu entgehen“. Doch diese Gesprächsangebote seien vom Oberlinhaus stets abgeblockt worden. Deshalb sei ihm nur der Gang vor das Gericht geblieben, so der Jurist.

Henry Timm geht davon aus, dass bei dem Termin in der kommenden Woche auch die Arbeitsbedingungen in der Potsdamer Pflegeeinrichtung und eventuelle Versäumnisse des Arbeitgebers „in der Sache“ zur Sprache kommen werden. „Meine Mandantin hat 32 Jahre dort gearbeitet, und sie hat auch gern dort gearbeitet“, erklärte der Anwalt, ohne weiter auf das Geschehen einzugehen. Er sprach von einem absolut „atypischen Fall“, der vor dem Arbeitsgericht verhandelt werde. „Sicherlich wird es Menschen geben, die die Klage nicht verstehen“, sagte Timm. Das Oberlinhaus war am Mittwoch für eine Stellungnahme nicht erreichbar. 

Am Abend des 28. April dieses Jahres soll die Pflegerin vier ihr anvertraute Bewohner des Thusnelda-von-Saldern-Hauses mit einem Messer getötet haben. Die zwei Frauen, 31 und 42 Jahre alt, und die beiden Männer, 35 und 56 Jahre alt, gehörten zu den rund 60 Bewohnern der Behinderteneinrichtung. Sie sollen tot in ihren Einzelzimmern aufgefunden worden sein – mit schweren Schnittverletzungen an der Kehle. Eine 43-jährige Frau überlebte lebensgefährlich verletzt. Sie konnte nach einer Notoperation und einem längeren Aufenthalt im Krankenhaus in die Einrichtung zurückkehren.

Nach der Bluttat soll die mutmaßliche Täterin nach Hause gefahren sein und sich ihrem Mann offenbart haben. Der Ehemann informierte kurz vor 21 Uhr die Polizei und offenbar auch andere Mitarbeiter des Oberlinhauses. Es hieß damals, dass zwischen der Tat und dem Auffinden der Toten nur 45 Minuten vergangen waren. In dieser Zeit war offenbar kein Kontrollgang der Mitarbeiter der Nachtschicht durch die Zimmer vorgesehen.

Die mutmaßliche Täterin wurde noch in der Tatnacht festgenommen. Eine Haftrichterin wies die Mutter von zwei Kindern, von denen ein Kind behindert sein soll, in eine psychiatrische Klinik ein. Dort werde sie nach Angaben der Staatsanwaltschaft auch auf ihre Schuldfähigkeit hin untersucht. Eine Begutachtung sei in Auftrag gegeben, hieß es am Mittwoch. Warum die Frau an jenem Abend vier Menschen umgebracht haben soll, ist weiterhin völlig unklar. „Noch schweigt meine Mandantin zu den Tatvorwürfen und auch zum Motiv“, sagte Anwalt Henry Timm.