Der S-Bahnhof Westhafen ist kein guter Ort zum Verweilen. Wer dort aussteigt, geht eilig weiter. Links von der Ringbahnstrecke ragen Kraftwerkschlote in den Himmel, rechts rauschen Autos ins Zentrum, am Straßenrand anonyme Großstadtklötze. Lagerhalle, Tankstelle, Parkplatz. Und dann plötzlich 20 junge Kiefern. Ein Weg aus Pflastersteinen führt durch das unerwartete Grün, nach wenigen Metern stößt man auf Schienen, die nirgendwo hinführen.

Gleis 69 heißt der Schienenabschnitt. Er ist der letzte verbliebene Rest von Berlins größtem Deportationsbahnhof, von dem aus Tausende Berliner Juden in Vernichtungslager transportiert wurden. Der Kiefernhain soll daran erinnern, er ist ein Gedenkort, den das Künstlerkollektiv Raumlabor gestaltet hat. Einer Gruppe Moabiter ist das nicht genug.

Der Verein „Sie waren Nachbarn“ will den Weg markieren, auf dem die Menschen zum ehemaligen Güterbahnhof getrieben wurden: ausgehend vom einstigen Standort der Moabiter Synagoge, wo die Nazis sie vorher interniert hatten, quer durch den Stadtteil bis zum Gleis 69.

Sichtbar gedenken

In einem Café einige Ecken weiter sitzt Aro Kuhrt. Er ist 57 Jahre alt, Taxifahrer, Werbentwickler, Hobby-Historiker und Mitbegründer von „Sie waren Nachbarn“. Der Verein erinnert an die aus Moabit vertriebenen Juden, mal mit Plakatkampagnen, mal mit Filmvorführungen, einmal jährlich auch mit Infos im Schaukasten vor dem Rathaus Tiergarten.

2015, als es den Gedenkort Moabiter Güterbahnhof noch nicht gab, brachten die Mitglieder ein knallgelbes Schild dort an. Den schwarzen Schriftzug „Von hier fuhren Züge ins Gas“ konnte man von den vorbeifahrenden Zügen aus lesen. Die Installation wurde wiederholt zertrümmert, der Verein drängte Senat und Bezirk, für eine ordentliche Gedenkstätte zu sorgen. Schließlich nahm sich der Verwaltung der Forderung an, Stifter wurden gefunden, ein Wettbewerb ausgeschrieben. „Wir hatten kein Mitspracherecht“, sagt Kuhrt. „Von uns waren nur zwei da, als Beobachter.“

Was er vom Kiefernhain hält, der im vergangenen Sommer eingeweiht wurde? „Eine Umsetzung, die verschenkt ist“, sagt er. „Wer da vorbeifährt erkennt gar nicht, dass da eine Gedenkstätte ist.“ Ohnehin komme so gut wie niemand dort vorbei. Dass sich der Gedenkort fernab vom Moabiter Geschehen befindet, scheint für Kuhrt im Widerspruch zu stehen zu der Art, wie sich damals alles zutrug: „Die Deportationen haben nicht heimlich und nachts stattgefunden. Jeder konnte sehen, wie die Menschen zu Fuß oder per Lastwagen zum Bahnhof gingen.“ Warum also nicht sichtbar gedenken? Diese Frage scheint Kuhrt keine Ruhe zu lassen.

1900 Namen in den Schaufenstern

Ursprünglich hatte Aro Kuhrt bloß recherchieren wollen, wie die NS-Zeit den Kiez verändert hatte. Das war im Jahr 2000, als er von Kreuzberg nach Moabit zog. Stadtgeschichte war schon immer sein Steckenpferd. Er fand eine Liste von in Berlin Deportierten, 55.000 Namen enthielt sie. Kuhrt begann, die Moabiter Adressen herauszuschreiben. „Da ich Taxifahrer bin, kenne ich alle 200 Straßen, das machte es leichter“, sagt er. Einfach war es trotzdem nicht. Kuhrt und seine damaligen zwei Mitstreiter fanden Zahlendreher, Doppelerwähnungen und erkannten, dass manche Adressen nicht freiwillig gewählte Wohnsitze waren, sondern sogenannte Judenhäuser, wo Juden bei Juden als Untermieter einzogen, nachdem die Nazis sie gezwungen hatten, ihre eigentliche Wohnung aufzugeben.

Von da an war für Kuhrt klar: „Wenn wir uns schon die ganze Arbeit machen, dann wollen wir es auch veröffentlichen.“ Nach einem Abgleich mit der Datenbank der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem war Kuhrts Liste schließlich fertig: Er hatte 1900 ehemalige Nachbarn ausgemacht. Ihre Namen hingen Ende 2011 in den Schaufenstern eines leerstehenden Kaufhauses aus, am U-Bahnhof Turmstraße. Viele Passanten blieben stehen und lasen. Andere hätten Hundekacke oder anderes an die Scheiben geschmiert, erzählt Kuhrt: „Wir mussten fast jeden Tag hin zum Saubermachen.“ Aus dieser Aktion ist schließlich das Dutzend engagierter Menschen hervorgegangen, die sich für die Wegmarkierung stark machen. „Damit wollen wir nicht nur an damals erinnern“, erklärt Kuhrt. „Sondern auch daran, dass so was wieder passieren kann.“

Andere Organisationen bieten Unterstützung

Einen Namen hat das Projekt schon: „Ihr letzter Weg“. Unklar ist noch, wie dieses Mahnmal mitten in der Stadt aussehen könnte. Die Vereinsmitglieder denken an Figuren aus Plexiglas, die entlang der Moabiter Deportationsstrecke aufgestellt würden. Auch Symbole, eingefräst in Steinplatten können sich einige vorstellen, fest verankerte Schilder wären auch eine Option. Im Hinblick auf die Umsetzungschancen sagt Kuhrt: „Wir wissen, dass die Behörden sehr langsam sind und dass wir nur dann etwas erreichen, wenn wir möglichst großen Druck machen.“ Deshalb will er andere Organisationen mit ins Boot holen, die Ideen beitragen. Neben Privatpersonen haben unter anderem ein Moabiter Quartiersmanagement, das Bezirksamt Mitte und die Dokumentationsstelle Topographie des Terrors ihre Unterstützung signalisiert.

Zu erzählen gäbe es allerhand entlang dieser Route. Die Wegmarkierung würde wohl in der Levetzowstraße beginnen, wo einst die Synagoge stand. 1941 wiesen die Nazis die Jüdische Gemeinde an, das Gotteshaus zu einem „Sammellager“ umzugestalten. Mehr als ein Dutzend solcher Internierungsorte gab es in Berlin, einer der größten war die Synagoge in Moabit. Die Gemeindemitglieder mussten Stühle rausräumen und Stroh ausstreuen, Ausweise und Lebensmittelmarken einsammeln, Vermögensdaten aufnehmen – und so den Abtransport der eigenen Leute organisieren.

Hätte ich gewagt zu helfen?

Aro Kuhrt und seine Mitstreiter haben Forschungsarbeiten recherchiert und Zeitzeugenberichte zutage befördert, die das Grauen dokumentieren. Im Bericht von Margot Wolf ist nachzulesen: „Ich lagerte mit meiner Familie auf der Empore, wo nach altem religiösen Ritus die Frauen Platz nahmen. SS in schwarzer Uniform lief herum, es war eine grauenvolle Atmosphäre. Bei uns, wo es keine Bänke gab, sah man die kleinen Fenster der Synagoge. Ein junges Ehepaar kletterte heimlich hinauf und stürzte sich in den Tod.“ Draußen auf der Straße, auch das geht aus Berichten hervor, hätten Anwohner beobachtet, wie „uniformierte Männer die Juden mit Fußtritten und Gewehrkolbenstößen über die Straße auf Lastwagen trieben.“ Mutige steckten den Juden auf dem Weg zum Deportationsbahnhof Grunewald heimlich Stullen zu.

Hätte ich gewagt zu helfen? Diese Frage drängt sich auf, während man die ruhige Jagowstraße hinunterläuft, vorbei an den Stolpersteinen vor der Hausnummer 38. Die Strecke führt auf die Straße Alt Moabit und bald auf die Turmstraße, von wo es weiter Richtung Osten geht. Am Gesundheits- und Sozialzentrum, das einst das Moabiter Krankenhaus beherbergte, kann man innehalten.

„Sie waren Nachbarn“

Fast drei Viertel der damaligen Ärzte waren Juden, die meisten in SPD oder KPD organisiert, die Schwestern in der Gewerkschaft. 1933 wurden sie entlassen. Anstelle von bekannten Medizinern wie Moritz Borchardt und Georg Klemperer operierten nun SS-Ärzte und führten unter anderem Zwangssterilisationen durch. Eine Gedenktafel an der Backsteinwand verkündet, dass Georg Groscurth hier Widerstand organisierte, indem er politisch sowie rassisch Verfolgte unterstützte.

Was das konkret heißt, ist eine der vielen weiteren Geschichten, die die Mitglieder von „Sie waren Nachbarn“ erzählen können. Im Labor des Moabiter Krankenhauses trafen sich Nazigegner. Groscurth, ab 1939 in leitender Position, behandelte Staatssekretäre und gelangte an Interna, die er dem Widerstand weitergab. Der Arzt und seine Verbündeten organisierten Pässe, Nahrungsmittel und Wohnungen für Verfolgte, erklärten Soldaten für „kriegsverwendungsunfähig“, schmuggelten Sendegeräte und Medikamente. Groscurth wurde 1943 verhaftet und hingerichtet.

Wie Vieh verladen

Weiter geht es durch die Lübecker Straße, vorbei an Häusern, in denen Nichtjuden Juden Unterschlupf boten. Vorbei an einem Lokal, das den Verein bei seinen Kampagnen unterstützt. „Ein türkisches Männercafé hat mehrere Plakate von uns draußen aufgehängt“, erzählt Kuhrt von der Aktion, die der Verein im Rahmen des Themenjahres „Zerstörte Vielfalt“ 2013 auf die Beine stellte. Sie druckten Kollagen aus Fotofragmenten von Juden mit Koffern vor dem Hintergrund heutiger Moabiter Szenen.

Über die Havelberger Straße gelangt man schließlich zur Quitzowstraße, auch hier, Hausnummer 36, befand sich ein Versteck. Nur noch 200 Meter, dann fällt der Blick auf eine rostige Stele, die auf den Gedenkort Güterbahnhof Moabit verweist. Flankiert von Discounter und Baumarkt führt eine Sackgasse Richtung Ellen-Epstein-Straße. Am Ende liegt der Kiefernhain. Ab 1942 wurden hier 30.000 Menschen wie Vieh verladen, mehr als die Hälfte der aus Berlin Verschleppten also. Sie kamen nicht nur aus dem „Sammellager“ an der Levetzowstraße, auch aus anderen Bezirken wurden sie hergetrieben. Abfahrt Berlin-Moabit, Endstation Auschwitz, Theresienstadt und andere Vernichtungslager im Osten. „Das Thema“, sagt Aro Kuhrt, „ist größer als Moabit.“