Stellen Sie sich Folgendes vor: Gemütliche Sessel oder Stühle mit Tischen, die groß genug für einen Laptop und ein paar Bücher sind. Ein warmes und nicht zu starkes Licht, vielleicht ein wenig klassische oder Pop-Musik und ein angenehm temperierter Raum. Nicht zu warm, nicht zu kalt. Besonders im Winter. Es gibt höchstens kleine Mahlzeiten wie Sandwiches oder Bagels, damit man nicht die ganze Zeit mit Essen beschäftigt ist. Es schmeckt gut, aber auch nicht zu gut. Die Menschen um Sie herum schlürfen Kaffee, reden miteinander, aber nicht zu laut und nicht zu viel.

Etwa so sieht für den Wirtschaftswissenschaftler Ariel Rubinstein das perfekte Café aus, in dem man in hektischen Zeiten wieder einmal ohne Unterbrechungen zum Nachdenken und richtig konzentrierten Arbeiten kommt. Hier trifft laut Rubinstein akademisches Leben auf Leidenschaft und es sei eine viel tiefere Konzentration möglich, als in gut ausgestatteten Büros. Ob es W-Lan oder besonders leckeren Kaffee an diesem Ort gibt, ist dabei nicht so wichtig. Zumal Rubinstein das Bohnengetränk nicht mal besonders mag. Nur das Ambiente muss stimmen.

Der 65-jährige Universitätsprofessor aus Tel Aviv sammelt seit rund 15 Jahren Fotos und Erinnerungen sogenannter „Coffee Places where you can think“ aus aller Welt. Angefangen hat alles mit seiner ersten Digitalkamera und dem berühmte Café Hawelka in Wien. Ganze 259 Cafés in 33 Ländern und 93 Städten hat Rubinstein bis heute besucht und fotografiert. All diese Cafés und die dazugehörigen Fotos hat er auf seiner Website gesammelt. Zum einen als Liste und zum anderen in seinem eigenen weltweiten „Café Atlas“.

Wer auf der Suche nach einem Café mit der richtigen Nachdenk- und/oder Arbeitsatmosphäre ist, kann sich durch Rubinsteins Empfehlungen, sortiert nach Ländern und Städten, klicken. Sollte man selbst ein Café kennen, das nach Rubinsteins Geschmack sein könnte, kann man es ihm per Mail empfehlen. Der 65-Jährige vermerkt diese Empfehlungen als „Nominations“ in seinem Atlas und besucht sie bei nächster Gelegenheit selbst. Er erhält etwa eine Empfehlung pro Woche. Sind welche dabei, die zum Beispiel zu touristisch sind, oder eher einem guten Restaurant ähneln, löscht er sie.

Menschen einfach glücklich machen

Dem israelischen Wissenschaftler geht es dabei nicht darum, mit einer Art Online-Café-Führer Geld zu machen, oder seinen Mitmenschen das Arbeiten in Cafés ans Herz zu legen. Sondern schlicht um sein liebstes Hobby. „Es ist mein Beitrag für die Gesellschaft“, sagt Rubinstein, der gerne zwei oder drei Stunden täglich in einem Café Zeit verbringt: „Damit möchte ich Menschen einfach glücklich machen.“ Über seine Website können auch Poster bestellt werden, auf denen seine Fotos abgebildet sind. Bezahlen muss man dafür nicht und wenn man ein bestimmtes Café darauf sehen möchte, kann man dies anfordern.

Der größte Erfolg des Hobby-Café-Fotografen ist sein Foto des "Café la Habana" in Mexico City. Hier trafen sich Che Guevara und Fidel Castro, um zu rauchen, Kaffee zu trinken und die kubanische Revolution zu planen, so Rubinstein. Als die Tochter des Wissenschaftlers bei einer Reise dieses Café besuchte, sah sie Rubinsteins Foto an der Wand hängen. "Das ist die größte Ehre, die mir in meinem ganzen Leben erteilt wurde", sagt der 65-Jährige.