Klein-Kleckersdorf nennen die Bewohner ihre kleine Siedlung liebevoll. Das klingt nach ländlicher Idylle, nach Abgeschiedenheit – nach einem Ort, an dem die Zeit nicht voranschreitet. Die 38 Reihen- und Doppelhäuser stehen an schmalen Straßen, die Namen wie An der Heide, Am Brunnen und Kehrwieder tragen, obwohl sie nahe der Gorkistraße mitten in Tegel liegen. Doch der jahrzehntelange Frieden ist in der Kleinhaus-Siedlung Am Steinberg – so ihr richtiger Name – gestört, seit ein privates Immobilienunternehmen die Anlage vor fünf Jahren gekauft hat.

Die Bewohner sind in den Häusern nur Mieter. Und der neue Eigentümer – die „Am Steinberg Entwicklungsgesellschaft mbH c/o I.D. Fondsconcept“ – will die Mieter am liebsten loswerden. Er will die Häuser modernisieren, umbauen und anschließend zum Stückpreis von etwa einer halben Million Euro weiterverkaufen. Mit Pool im Garten, mit großer verglaster Terrasse und einem offenen Kamin, wie es Internetangebote offerieren.

„Da stören wir nur“, sagt Lothar Kolbe. Er wohnt seit 28 Jahren in der Siedlung. Kolbe erzählt davon, dass viele Mieter in der zweiten und dritten Generation dort leben. Die meisten haben Gasheizung und Bäder selbst eingebaut. Daher sind die Mieten extrem billig. Durchschnittlich zahlen die Bewohner nicht einmal 500 Euro pro Haus, manche noch weniger. Die Mieter wehren sich gegen die Vertreibung. In Vorgärten hängen Plakate, auf denen jeder Passant „Null Bock auf Luxus Ghetto“ und „Energetische Sanierung tötet mich“ lesen kann.

Was die Mieter derzeit erleben, nennt man in Friedrichshain, Kreuzberg und Wedding schon seit Jahren Gentrifizierung – eine Vertreibung der ansässigen Bewohner durch Mieterhöhungen und Luxusmodernisierung. Natürlich wissen Kolbe und die anderen Mieter, dass ihre Häuser sanierungsbedürftig sind. Aber wenn man eine Instandsetzung verlange, „dann erhält man als Antwort, dass jetzt kein Geld ausgegeben werde, weil die Häuser bald modernisiert würden“, sagt der 84-jährige Günter Tepper.

„Grüne Oase in der Großstadt“

Die I.D. Fondsconcept preist die Wohnanlage als ein „architektonisches Meisterwerk“ an, als „grüne Oase in der Großstadt“. Je nach Haustyp gebe es fünf bis sechs Zimmer und knapp 150 Quadratmeter Wohnfläche.

Über die Beschreibungen können die Steinberg-Mieter nur lachen, sie kennen den Zustand und die Größe ihrer Häuser und wollen einfach nur in Klein-Kleckersdorf wohnen bleiben. Doch das wird wohl schwierig: Ihnen sei vom Vermieter deutlich gesagt worden, dass sie „nur Sozialhilfeempfänger und alte Menschen sind, die Wohnraum beanspruchen, der ihnen gar nicht zusteht“, berichten sie. Und auch davon, dass gegen sie mit harten Mitteln vorgegangen wird. Weil er ein Schild „Wir bleiben hier“ im Fenster anbrachte, hat Lothar Kolbe zum Beispiel drei Abmahnungen und im Dezember 2013 die fristlose Kündigung erhalten, sagt er.

Die I.D. Fondsconcept weist die Anschuldigungen der Mieter zurück. Auch die behaupteten Aussagen zu Rentnern und Leistungsempfängern seien nicht getätigt worden, teilte die Eigentümerin auf Anfrage mit. „Wir haben lediglich darauf hingewiesen, dass die Zahlung einer ortsüblichen Miete für ein Reihenhaus mit fünf Zimmern und 300 bis 600 Quadratmeter großem Garten für allein lebende Leistungsempfänger und teilweise auch Rentner deutlich schwieriger ist als für Doppelverdiener-Haushalte.“ Es sei sehr schwierig, diesen Mietern den Verbleib in den Reihenhäusern zu ermöglichen. Bei einer Miete von etwa 300 Euro nettokalt für die Reihenhäuser sei es wirtschaftlich unmöglich, den Verfall der denkmalgeschützten Siedlung zu verhindern.

Die Eigentümerin will für die vermieteten Häuser einen „ortsüblichen Standard“ herstellen und „energetische Maßnahmen“ durchführen. So sollen teils noch vorhandene Öfen durch eine Sammelheizung mit Warmwasseraufbereitung ersetzt werden. Die Häuser sollen gedämmt, veraltete Elektroanlagen erneuert und einfach verglaste Fenster ausgetauscht werden.

Mieterverein: Vergraulungstaktik

Angaben zu künftigen Mieten macht der Investor nicht, betont aber, dass die Kosten für Sanierungen und Dachreparaturen das mehrfache eine derzeitigen Jahresmiete ausmachen. Deshalb steht für den Eigentümer fest, dass sich „einzelne Mieter die erhöhten Mieten nicht leisten können“. Wie die I.D. Fondskonzept erklärt, sei man aus „sozialen Erwägungen“ aber zu Kompromissen bereit.

Entspricht das den Tatsachen? Anni Lenz ist 93 Jahre alt. Im Januar erhielt sie die fristlose Kündigung, weil sie ein Plakat angebracht habe, sagt sie. „Und mein Sohn hätte verbreitet, die Wohnungen seien nicht kindergerecht.“ Nachdem Anni Lenz den Mieterverein eingeschaltet hat, wurde die Kündigung wenig später zurückgenommen.

Michael Roggenbrodt ist der stellvertretende Geschäftsführer des Berliner Mietervereins. Er sagt: „Die Hausverwaltung agiert mit einer Vergraulungstaktik.“ Das weist die I.D. Fondskonzept von sich. Gegen den Willen des Mieters sei bisher kein Reihenhaus modernisiert worden. Es sei nur eine einzige Modernisierungsankündigung versendet worden und ein einziger Prozess anhängig. Dieser Prozess betrifft nach Informationen der Berliner Zeitung eine 80-jährige Frau, die krank ist. Deren Miete soll sich nach der Modernisierung auf 1667 Euro vervierfachen.