Siemens: Berlin bekommt Zuschlag für Innovationscampus

Für Berlins Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) ist es wahrscheinlich der wichtigste Erfolg seiner knapp vierjährigen Amtszeit. Der Technologie-Konzern Siemens hat sich entschieden, seinen geplanten Zukunftscampus in Berlin zu errichten – auf dem alten Industriegelände in der Spandauer Siemensstadt.

Siemens will dort bis zum Jahr 2030 rund 600 Millionen Euro investieren, wie Vorstandschef Joe Kaeser am Mittwoch im Roten Rathaus sagte. Es ist die größte Einzelinvestition in der Geschichte von Siemens in Berlin – und zugleich das versöhnliche Ende einer nicht immer konfliktfreien Beziehung zwischen dem Berliner Senat und dem Weltkonzern.

Einigung nach nur acht Verhandlungswochen

Dass Berlin den Zuschlag für die Millionen-Investition erhalten hat, ist laut Kaeser auf den Einsatz der politisch Verantwortlichen in der Stadt zurückzuführen. Denn es waren auch andere Standorte im Gespräch. „Die Konkurrenz war ausgeprägt“, sagte der Siemens-Chef, ohne Namen zu nennen. „Mit welcher Konzentration und Ernsthaftigkeit“ die Stadt Berlin vorgegangen sei, habe ihn aber „beeindruckt“.

Berlin soll Zugeständnisse gemacht haben. Dazu gehört, dass man Siemens beim Denkmalschutz entgegenkommen will. Außerdem setzt sich die Stadt dafür ein, die stillgelegte Siemens-Bahn, über die einst das alte Industriegebiet erschlossen wurde, zu reaktivieren.

Siemens-Vorstandsmitglied Cedrik Neike sagte, in der internen Planung sei man nicht davon ausgegangen, „so schnell“ mit Berlin einig zu werden. Das Lob geht an die Adresse des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller (SPD), in dessen Senatskanzlei die Abstimmungen zwischen Bund, Land und dem Bezirk Spandau gemanagt wurden. Nur acht Wochen habe man verhandelt, sagte Müller. 

Die Harmonie ist wieder hergestellt – zumindest nach außen

Ganz so geräuschlos, wie es die Beteiligten am Mittwoch darzustellen versuchten, war der Beginn der Gespräche aber nicht. Siemens hatte zuvor öffentlich angemahnt, dass es für sein Vorhaben „auf höchster Ebene Dialogbereitschaft“ geben müsse. Ein Aufruf an Müller, die Verhandlungen zur Chefsache zu machen. Müller ließ sich nicht lange bitten.

Bis dahin war die Beziehung zwischen der Landesregierung und Siemens eher angespannt. Siemens hatte es gewurmt, dass sich Müller beim angekündigten Stellenabbau des Konzerns auf die Seite der Beschäftigten schlug. Und der Konzern hatte sich darüber geärgert, dass seine Pläne für den Bau einer Repräsentanz im Garten des denkmalgeschützten Magnus-Hauses in Mitte gekippt wurden.

Die Verhandlungen über den Zukunftscampus sorgten nun dafür, dass die Harmonie wieder hergestellt ist – zumindest nach außen. Nachdem der Internetriese Google vor wenigen Tagen nach Protesten einen Rückzieher von seinen Plänen gemacht hat, nach Kreuzberg zu ziehen, kann Berlin jetzt wieder als wirtschaftsfreundlicher Standort punkten.

Auch Sozialwohnungen auf Campus geplant

Siemens-Chef Kaeser macht es dem rot-rot-grünen Senat allerdings auch leicht, ihn zu unterstützen, präsentiert er sich doch als sozial verantwortlicher Unternehmenslenker. Kaeser äußerte sich am Mittwoch besorgt über eine Spaltung der Gesellschaft im Zuge der Digitalisierung. Angesichts der vierten industriellen Revolution müsse man die Frage stellen: „Wie schaffen wir es, eine immer stärker geteilte Gesellschaft zu integrieren?“, sagte er.

Zugleich rief er dazu auf, mit der Digitalisierung in Deutschland mutig voranzugehen. Es störe ihn schon seit längerer Zeit, dass Leute nach San Francisco flögen, wenn sie glaubten, Innovationen sehen zu müssen. „Hier in Deutschland, gerade in Berlin, gab es Gründungen schon, da gab es in Silicon Valley noch gar keine Garagen.“ 

Das oft als Vorbild genannte US-Technologiezentrum Silicon Valley zeigt nach Worten Kaesers jedoch klare Fehlentwicklungen. Zwischen San Francisco und San José sei die Region mit der größten Obdachlosigkeit in den USA. „Da gibt es dann Multimilliardäre, die wir alle glorifizieren, und viele Menschen, die eigentlich arbeiten können, aber keine Bleibe haben“, sagte der Siemens-Chef. Das dürfe nicht der neue sozioökonomische Standard werden, „aber wir sind auf dem besten Weg dahin“, fügte er hinzu.

Auch in München und Umgebung sei es für Menschen, „die einen ganz normalen Job haben“, schwer, eine vernünftige Bleibe zu finden. Siemens wolle es mit dem Campus in Berlin anders machen. Dort sollten deshalb nicht nur Forschungseinrichtungen, sondern auch Wohnungen gebaut werden. Nicht irgendwelche Wohnungen. Von den geplanten rund 200.000 Quadratmetern Wohnfläche sollen laut Cedrik Neike 30 Prozent Sozialwohnungen sein. Dass sich private Unternehmer bereit erklären, Sozialwohnungen zu bauen, ist sonst eher selten.

Politiker und Parteien begrüßen das Projekt

Die Entscheidung von Siemens zugunsten Berlins trifft auf breite Zustimmung. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) nannte die Ansiedlung einen großen Erfolg für die Hauptstadt. „Ich habe Berlin und den Regierenden Bürgermeister Michael Müller immer bei seinen Bemühungen unterstützt, den Siemens-Innovationscampus in Berlin anzusiedeln – und ich werde das Projekt weiter unterstützen“, sagte er.

Auch die Oppositionsparteien CDU und FDP im Abgeordnetenhaus begrüßten das Vorhaben. Für Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne), die Mittwoch Geburtstag hatte, war die Zusage von Siemens ein besonderes Geschenk. Es sei „ein großartiger Tag für Berlin und Siemens“, sagte sie. Zugleich erinnerte Pop daran, dass das Wichtigste noch bevorsteht: „Die Arbeit fängt jetzt erst an.“