Es ist einer seiner letzten öffentlichen Auftritte. Anfang August, als auf dem Flugplatz Neuhardenberg, wo einst die DDR-Regierungsflieger stationiert waren, eine Flugveranstaltung stattfindet, da ist auch Sigmund Jähn dabei. Nur privat mit Freunden, sagt er. Dennoch gibt die Kosmonauten-Legende dort den vielen Besuchern Autogramme, erzählt ihnen ausführlich, wie es war, als er als erster Deutscher ins All flog.

Seit 2002 ist Sigmund Jähn Rentner. Doch egal, wo er seitdem in der Öffentlichkeit auftaucht, er ist nie wirklich privat. Denn Jähn kann nicht loslassen. Der DDR-Kosmonaut ist auch im Ruhestand für seine Leidenschaft, der Fliegerei und der Raumfahrt, weiter im Dienst. Auch wenn er Rentner ist, ist sein Wissen weltweit weiter gefragt.

Jähn wird von vielen Institutionen eingeladen. Er soll immer wieder Vorträge über seinen historischen Flug und Anekdoten aus seinem Leben erzählen. Und Jähn macht es gern. Etwa 2009 bei der Langen Nacht der Museen, wo er im Zeiss-Großplanetarium in Prenzlauer Berg auftritt.

Sigmund Jähn bei Gottschalk auf der Bank

Sogar auf die Bühne der großen Fernsehunterhaltung wird er geholt. 2002, kaum Rentner, sitzt der Kosmonaut zum Beispiel beim ZDF in der „Jahrzehnte-Show“ von Thomas Gottschalk neben Angela Merkel, Alice Schwarzer und Franz Beckenbauer auf der Show-Bank.

Auch wenn er den Trubel um seine Person nie so recht mochte, sagte er zu Veranstaltungen stets zu. „Ich kann doch nicht Nein sagen“, erklärte Jähn stets und fügte hinzu: „Ich bin gerne bei den Menschen.“

Sigmund Jähn ist stets auch in seinem vogtländischen Heimatort Morgenröthe-Rautenkranz im Einsatz, wo er am 13. Februar 1937 zur Welt kam. Nicht nur, um dort ein paar schöne Tage in seinem Ferienhäuschen mit der Familie zu erleben. Immer wieder geht er auch in die Deutschen Raumfahrtausstellung, dem Museum in Morgenröthe-Rautenkranz, das seit 1979 an Jähns Weltraumflug erinnert, der ihn zum Helden machte.

Eine Woche vor seinem Tod ist er das letzte Mal dort, um Gäste durch die Schau zu führen und ihnen die Exponate zu erklären. „Sigmund Jähns Besuche bei uns waren oft spontan“, erinnert sich Museumsleiterin Romy Mothes. „Die Gäste waren dann sehr glücklich, wenn er in der Ausstellung plötzlich vor ihnen stand und mit ihnen ins Gespräch kam.“

Jähn ist als Rentner auch noch viel auf Dienstreisen. Oft zu Kongressen, bei denen er Fachvorträge hält. Und selbst im Ruhestand arbeitet Jähn als Berater der europäischen Raumfahrtagentur ESA und dem Deutschen Zentrum für Luft und Raumfahrt (DLR) weiter. Dort hilft der Kosmonaut a. D., deutsche Raumfahrer auf ihre Missionen vorzubereiten.

Im Juni 2018 steht Sigmund Jähn sogar wieder am russischen Raketenbahnhof in Baikonur, wo er zusammen mit dem sowjetischen Raumfahrer Waleri Bykowski am 26. August 1978 ins All abhob. Knapp 40 Jahre später erlebt er mit, wie sein Freund Alexander Gerst zum zweiten Mal in den Kosmos startet.

Sigmund Jähn reiste mit Erich Honeckers Erlaubnis zum Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt nach Köln 

„Es war Jähns Mission, nach seinem Flug andere Raumfahrer auf ihre Einsätzen vorzubereiten“, sagt Heinz Kautzleben, der einst als Direktor des „Zentralinstitutes für Physik der Erde“ der Akademie der Wissenschaften der DDR die Reise des DDR-Kosmonauten betreute.

„Schließlich gab es in den 70er-Jahren seitens der Uno den Beschluss, dass auch andere Nationen – und nicht nur die USA und die Sowjetunion – ins All fliegen dürfen. Jähn war einer der ersten, mit dem dieser Vertrag tatsächlich umgesetzt wurde und der später dafür sorgte, dass andere Deutsche ihm folgen konnten.“

Dass dies nicht mehr ein DDR-Kosmonaut wurde, lag an den finanziellen Forderungen der Sowjets in den 1980er-Jahren. Für den geplanten zweiten Raumflug hätte die DDR harte Devisen zahlen müssen. „50 bis 80 Millionen D-Mark waren damals üblich“, sagt Kautzleben, der mit Sigmund Jähn bei den Vorbereitungen der zweiten DDR-Kosmos-Mission dabei war.

Aber der „Klassenfeind“ im Westen hatte das Geld. Nachdem Jähn seinen Weltraumflug absolviert hatte, wollte auch die Bundesrepublik einen der ihren ins All schicken. „Doch die Amerikaner hatten zunächst mehr Interesse an westdeutscher Raumfahrt- und Labortechnik als einen Bundesbürger mit in den Weltraum zu nehmen“, sagt Kautzleben. Als die sowjetische Raumfahrt-Akademie in den 80er-Jahren ihre Flüge auch für den Westen öffnete, nutzte die Bundesrepublik ihre Chance.

Dabei spielte Sigmund Jähn eine wichtige Rolle. Der Kosmonaut erzählte vergangenes Jahr der Berliner Zeitung, wie er mit Erich Honeckers Erlaubnis zum Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt nach Köln reiste, um dort die Bundesdeutschen auf eine Mission mit den Russen vorzubereiten. Dabei traf sich Jähn auch mit dem gebürtigen Vogtländer Ulf Merbold, der dann doch 1983 als erster BRD-Bürger im All mit einem Space Shuttle der Amerikaner in den Weltraum flog.

Es ist unklar. wo Sigmund Jähn seine letzte Ruhe finden soll 

Damit war Jähns Einsatz für den Westen nicht überflüssig geworden. Ganz im Gegenteil: Die mithilfe des DDR-Kosmonauten vorbereiteten Missionen mit der Bundesrepublik fanden später auch tatsächlich statt. Unter anderem mit Klaus-Dietrich Flade, der 1992 mit den Russen seine Weltraumreise antrat.

Der Einsatz, den Jähn für die gesamtdeutsche Raumfahrt leistete, bleibt unvergessen. Raumfahrer wie Alexander Gerst und andere Freunde und Kollegen der DLR und ESA planen eine Trauerfeier für den ersten Deutschen im All, der am 21. September im Alter von 82 Jahren starb. „Sie soll im November in Jähns Heimatort Morgenröthe-Rautenkranz stattfinden“, sagt ein DLR-Sprecher.

Der Termin von Jähns Beisetzung bleibt dagegen geheim. „Es ist der Wunsch der Angehörigen, dass die Beisetzung im engen Familienkreis stattfindet“, so der Sprecher. Unklar ist, wo Jähn seine letzte Ruhe finden soll. Möglich wäre ein Grab in seinem Geburtsort Morgenröthe-Rautenkranz. „Offiziell ist uns davon nichts bekannt“, teilte das Gemeindeamt auf Anfrage mit.