Etwa 15.000 Menschen demonstrierten bei der „Silent Demo“ gegen Rassismus in Gedenken an den Tod des Amerikaners George Floyd auf dem Berliner Alexanderplatz.
Foto:  Ostkreuz/Sebastian Wells

BerlinSchon als ich losfuhr in Neukölln, sah ich Menschen, die dasselbe Ziel hatten wie ich. Einen Vater mit seinem Sohn im Fahrradanhänger zum Beispiel, der ein Pappschild trug, auf dem die drei Buchstaben standen: BLM. Black lives matter. Es wurden dann immer mehr. Auf der Heinrich-Heine-Straße waren wir so viele, dass für Autos auf der Straße eigentlich kein Platz mehr blieb. 

Noch bevor wir den Alexanderplatz erreichten, war alles voller Menschen, fast alle trugen Schwarz, viele hatten Schilder dabei. „Wenn du die Möglichkeit hast zu atmen, dann musst du schreien“, stand auf einem, „Silence is violence“ oder einfach „Genug“. Es gab Schilder auf Spanisch, auf Hebräisch. Es war ein überwältigendes Gefühl, Teil dieser Demonstration zum Gedenken an George Floyd zu sein, die Solidarität zu spüren, die Verbundenheit mit Freunden in den USA, die dort das Gleiche tun. 

Die Überwältigung bewirkte eine Zeit lang, dass ich mir keine Gedanken darüber machte, wie weit ich von anderen Teilnehmern entfernt war. Bei einer Demonstration geht es ja gerade darum, dass viele zusammenstehen. Man möchte nicht in einer Seitenstraße sein, sondern mittendrin. Man möchte sich als Teil einer Gemeinschaft fühlen. Die Nähe gehört dazu. 1,50 Meter lagen jedenfalls nicht zwischen uns.

Irgendwann wurde ich unruhig, auch wenn die meisten um mich herum eine Maske trugen. Aber manchmal nahm sie einer eben auch ab, um zu telefonieren, um zu rauchen. Und obwohl die Demonstration als „Silent Demo“ angemeldet worden war, gab es Sprechchöre. „Black lives matter“, skandierten die Menschen durch ihre Masken, „No justice, no peace“. Ich hätte gerne mitgemacht, aber ich dachte an die Coronaviren, die beim Sprechen und noch mehr beim Rufen freigesetzt werden und vielleicht den Weg durch die Maske finden.

Irgendwann fragte ich mich, ob es eigentlich einen Unterschied gibt zwischen uns Demonstranten und den Teilnehmern an der Bootsparty am Pfingstwochenende auf dem Landwehrkanal. Ob wir nicht genauso unsolidarisch und verantwortungslos handelten. Der Überwältigung folgte der Zweifel, ich zog mich zurück. Jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen und bin trotzdem auch froh, dabei gewesen zu sein, froh, dass ich einem Bedürfnis Ausdruck geben konnte. Es ist ein Zwiespalt, der sich nicht auflösen lässt.