Am liebsten würde ich in der Silvesternacht gar nicht mehr auf die Straße gehen. Jedenfalls nicht ohne Schutzausrüstung. Das letzte Mal erlebte ich in Schöneweide, wie angetrunkene Bekloppte mit Feuerwerkskörpern gezielt auf vorbeieilende Fußgänger schossen. Man konnte den „bestrichenen Raum“ (militärisch für Wirkungskreis von Feuerwaffen) nur unter Nutzung aller vorhandenen Deckungsmöglichkeiten passieren.

Dabei hatte die ganze Knallerei irgendwann einmal Sinn, auch wenn man’s heute nicht mehr glauben mag. Böse Geister sollten vertrieben, das neue Jahr begrüßt werden. In der Schweiz schlugen Bauern zum Glockengeläut auf Bretter, um das alte Jahr auszudreschen.

Es gab und gibt noch andere schöne Bräuche. In Italien soll man in der Silvesternacht unbedingt rote Unterwäsche tragen, weil das Glück bringt. In Mexiko stellt man einen Besen vor die Tür, der alles Unerledigte aus dem alten Jahr wegfegen soll. In Spanien isst man um Mitternacht zwölf Trauben, für jeden kommenden Monat eine.

Überall dort wird sicher auch geknallt. Aber so militant-verbissen? In Berlin fallen einem jedenfalls vor Schreck die Trauben aus dem Mund. Die Besen fliegen als Raketen durch die Luft, und die rote Unterwäsche geht in Flammen auf, wenn man nicht aufpasst. Silvester bedeutet, dass die Leute Unmengen an Sprengstoff auf die Straße wuchten, als wollten sie eine Schlacht führen.

Ich kannte einmal einen Ex-Polizisten, der stürzte mit Signalpistole hinaus, um die Munition in die Luft zu ballern. Er hatte erst gar keine Unterwäsche an. Als ich ihn fragte, warum er mit freiem Oberkörper herumspringe, sagte er: „Ick bin doch keen Weichei!“

Nee, für Weicheier ist der Berliner Jahreswechsel nichts. Ich denke dabei immer an einen inzwischen verstorbenen Freund, der mir als fast 100-Jähriger einmal sagte: „Du, Torsten, wenn die Knallerei da draußen losgeht, erinnert mich das immer an 1923.“ Mein Freund hatte nämlich als junger Mann in Hamburg an einem Aufstandsversuch teilgenommen. Tagelang lieferten sich Hunderte Proleten blutige Kämpfe mit der Polizei und Marinesoldaten. Mein Freund überlebte es. Doch bei der Silvesterknallerei verzog er sich immer in seiner Bude.

Spätestens wenn man heute im Internet sieht, was ein illegal gekaufter Totenkopfböller so alles mit einer Hand anstellen kann, versteht man diese Reaktion. Wenn ich das neue Jahr wäre und man mich so begrüßte, würde ich schleunigst das Weite suchen und rufen. „Äh! Haut ab! Bleibt doch in eurem alten Jahr!“