Berlin - Früher, vor Corona, scherzte die Silvester-Feiergesellschaft in Berlin-Mitte ab 23 Uhr: Die Russen kommen! Tatsächlich donnerte massives Katjuscha-Feuer aus allen Richtungen. Durch die Straßen waberten Pulverschwaden wie über einem Schlachtfeld. Böllern entstiegener Feinstaub verwandelte Atemluft in einen chemischen Kampfstoff. Berlin schoss aus allen Rohren.

Man wagt es kaum zu sagen, aber: Corona sei Dank wird es im Berliner Kessel in diesem Jahr – wie schon im vorigen – höchstens lokale Scharmützel geben. Herrlich! Gut für schreckhafte ältere Damen, für Leute mit lädierten Atemwegen, für kleine Kinder, Tiere, die Stadtreinigung und so fort.

Das Böllerverkaufsverbot und die Festlegung von 53 Böllerverbotszonen dienen eigentlich der Entlastung der Krankenhäuser von folklorebedingten Kollateralschäden der Silvesternacht: abgesprengte Finger, verbrannte Körperteile, ausgeschossene Augen. Das dauerüberlastete medizinische Personal verzichtet gern auf diese Lustbarkeitsfolgen.

Dessen ungeachtet scheuen hartnäckige Böllerfans weder Zeit noch Geld noch Strafe, um Pyrotechnik zu beschaffen. Polen ist zwar Corona-Risikogebiet, aber kleiner Grenzverkehr ist möglich – und jenseits der Grenze erfüllen sich Pyroträume aller Kategorien. Der Zoll hat in den vergangenen Tagen zunehmend beobachtet, wie ganze Batterien, auch die großen, in Deutschland für den Laiengebrauch verbotenen Geschosse, über die Grenze gelangen.

Für Silvester gilt also: Es wird weniger krachen, viel weniger. Aber wo es kracht, ist das Risiko höher als sonst. Die Mega-Kracher reißen nicht nur Finger ab, sondern die ganze Hand. Das Mitgefühl gilt den Medizinern, die in jener Nacht die Schäden begrenzen müssen. Und eine Bitte geht an die Entscheider: Befreit Berlin auf Dauer von den Böllern.