Silvesterkrawalle in Neukölln: Warum schließt der Bezirk einen wichtigen Ort für Jugendliche?

Nach den Krawallen am Jahresanfang reden alle über die Jugendlichen aus Neukölln. Doch in Gropiusstadt schließt man die Bibliothek. Wie kann das sein?

Bewohner am Lipschitzplatz in der Gropiusstadt in Neukölln.
Bewohner am Lipschitzplatz in der Gropiusstadt in Neukölln.Emmanuele Contini

Als ich die Bilder aus der Berliner Silvesternacht sah, fielen mir die Mails wieder ein, die ich im Dezember von einem Mann bekommen hatte, der sich Sorgen machte. Er hatte sich an die Redaktion gewandt, wir hatten ein paar Mal hin und her geschrieben. Es ging um Gropiusstadt, einen Ortsteil in Neukölln.

Die Gropiusstadt liegt am Rand der Stadt und hat keinen besonders guten Ruf. Die Häuser sind Hochhäuser, die meisten Wohnungen Sozialwohnungen. In der Silvesternacht wurde hier ein Polizist schwer verletzt, weil ihn eine Rakete unter dem Visier seines Helms getroffen hat. Der Mann erlitt Verbrennungen, an seinem Gesicht und seinem Hals, stand in der B.Z. Es klang wie einer der schlimmsten Angriffe der Nacht. Und, nun ja, es passte wieder alles zusammen. Gropiusstadt, der Ruf, der Angriff.

Die Bibliothek in Gropiusstadt wurde geschlossen – wegen der Wiederholungswahl

Der Mann hatte mir in seinen Mails geschrieben, er sei „erschüttert und irritiert“. Der Bezirk Neukölln hatte die Bibliothek im Gemeinschaftshaus in Gropiusstadt zugemacht. Am 2. Dezember gab es eine knappe Mitteilung im Netz, drei Tage später war die Bibliothek schon zu. An der Tür hänge nur ein A4-Zettelchen, schrieb der Mann. Er sei Lehrer an einer Schule im Viertel und habe die Bibliothek regelmäßig genutzt. So wie viele seiner Kollegen und seiner Schüler.

Den Grund für die Schließung gibt der Bezirk Neukölln im Internet an: die „Wiederholungswahlen“. Man brauche auch Bibliothekare zur Wahlvorbereitung, deshalb sei „die Schließung dieser Filiale“ notwendig. Von einem „Beitrag zur Stärkung der Demokratie“ ist auch die Rede.

In Gropiusstadt leben fast 38.000 Menschen. Sie sollen jetzt in andere Bibliotheken gehen. Nach Britz oder Rudow. Bis 19. Februar. Für Schulkinder sei das kaum zu machen, schrieb der Lehrer, der selbst lange in der Nähe der Bibliothek gewohnt hat. Es gebe in Gropiusstadt nicht viele öffentliche Orte, an denen man sich einfach aufhalten könne, im Warmen sitzen, ohne Geld ausgeben zu müssen.

Wieso bereiten Bibliothekare eine Wahl vor?

Gerade noch habe er dort Jugendliche getroffen, die sich für ihr Abitur vorbereiteten. Es gibt ein kleines Lernzentrum. Familien mit Kindern, ältere Leute waren da. Darunter Migranten oder Kinder von Migranten. Normale Neuköllner, könnte man auch sagen. Die Leute seien traurig oder verärgert gewesen über die Schließung.

Ich dachte an die Bibliotheken, die mir als Kind oft den Tag gerettet haben. In der Schwedter Straße, dann an der Greifswalder, später in Karlshorst. Lange war ich in zwei Bibliotheken gleichzeitig angemeldet. Wenn es mir nicht gut ging, lieh ich mir amerikanische Krimis aus oder Romane, die eigentlich noch zu kompliziert für mich waren. Die Bibliothekarinnen begrüßten mich wie eine alte Bekannte. Schon das hob meine Laune.

Wenn man die Demokratie stärken will, könnte man damit anfangen, Kindern am Rand der Stadt die Bibliotheken nicht wegzunehmen, auch für drei Monate nicht.

Mitte Dezember schrieb ich an die Pressestelle des Bezirksamts Neukölln. War es wirklich nötig gewesen, die Bibliothek zu schließen? Was genau machen die Mitarbeiter jetzt, um die Wahl vorzubereiten? Wieso fällt ausgerechnet in Gropiusstadt eine Einrichtung weg, die Menschen den Alltag ein bisschen schöner macht?

Niemand antwortete. Die Wahlvorbereitungen nehme ich an. Es ist doch nur eine Bibliothek. Dann kam die Silvesternacht. Gestern hat Franziska Giffey, die frühere Bezirksbürgermeisterin verkündet, es solle nun einen Jugendgipfel in Berlin geben, um die Nacht aufzuarbeiten. Der Lehrer aus Gropiusstadt hätte wahrscheinlich eine bessere Idee.

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