Bis zum 24. Februar war die Diskriminierung russischsprachiger Menschen in Berlin kein Thema, mit dem sich die Öffentlichkeit groß beschäftigt hat. Doch mit dem Beginn der russischen Invasion hat sich dies geändert. In den Medien ist die Diskriminierung von Russen in Deutschland ein Thema, selbst die New York Times hat berichtet.

Die russische Botschaft behauptet sogar, es komme mittlerweile „systematisch“ und „massenhaft“ zu russenfeindlichen Vorfällen in ganz Deutschland, vor allem aber in der Hauptstadt. Beispiele für solche Anfeindungen postet die Botschaft seit Monaten auf ihrer Website. Kürzlich zog der Autor Wladimir Kaminer jedoch die Berichte der Botschaft in Zweifel. In einem Video-Interview mit dem Spiegel erklärte er, die Vorwürfe seien erfunden. Er kenne Betroffene persönlich, die auf der Homepage der russischen Botschaft erwähnt würden. Sie wüssten aber nichts von den Vorfällen.

Diskriminierung von Russen in Berlin

Wir wollten also wissen: Gibt es in unserer Hauptstadt derzeit tatsächlich eine ausgeprägte Russophobie oder ist das alles nur Propaganda? Erfahren russischsprachige Menschen aufgrund ihrer Sprache systematisch Diskriminierung? Zumal unter russischsprachigen Menschen nicht nur Russen zählen, sondern zum erheblichen Teil auch Belarussen, Ukrainer, Kasachen, Georgier und Russlanddeutsche.

Von Diskriminierungsfällen berichtet die russische Botschaft seit langem. Eine Woche nach Beginn der Invasion fing sie an, Menschen in Deutschland aufzufordern, Fälle von Mobbing, Ausgrenzung, Drohung und Gewalt gegen Russen und russischsprachige Menschen unter einer eigens eingerichteten E-Mail-Adresse zu melden. Die Botschaft sagt, dass viele Menschen sich gemeldet hätten, wobei sie anonymisierte Versionen von Vorfällen veröffentlicht hätten. Die Berichte sollen der Botschaft über die Beschwerde-Adresse geschickt worden sein und reichen von Ausgrenzung in der Schule über schlechte Kundenbewertungen für einen russischen Supermarkt bis hin zur Kündigung. Besonders in Berlin soll es nach Angaben der Botschaft viele sogenannte Diskriminierungsfälle geben.

Die Schilderungen würden ein schlechtes Licht auf unseren Umgang mit russischsprachigen Menschen werfen. Dabei stellt sich die Frage, ob die russische Botschaft nicht Einzelfälle hochstilisiert. Nach dem Motto: „Seht her, wir werden von allen systematisch aufgrund unserer Sprache verfolgt und diskriminiert!“

Schätzungen zufolge leben in Berlin derzeit zwischen 150.000 und 300.000 Menschen mit russischsprachigem Hintergrund. Die Gruppe ist sehr heterogen zusammengesetzt und wohnt in jedem Berliner Stadtbezirk mit Schwerpunkten in Marzahn-Hellersdorf im Osten und Charlottenburg-Wilmersdorf im Westen, von Schmargendorf bis Karlshorst und von Prenzlauer Berg bis Rudow.

Supermärkte von Diskriminierung verschont

Erste Station: ein Einkaufsladen mit osteuropäischen Produkten. Unweit des Heidelberger Platzes befindet sich die Supermarktkette Ledo. Bis vor einem Jahr gab es in Berlin noch zwei davon. Die Filiale in Ahrensfelde war aber nach einem Großbrand im Mai 2021 nicht mehr zu retten. Der Supermarkt sticht mit seinem osteuropäischen Sortiment hervor. Viele der Produkte kommen aus Polen, Tschechien, dem Baltikum, der Ukraine, Moldau und Russland. Einige Produkte tragen allerdings das Etikett „nach russischer Art“ und kommen aus westdeutscher Produktion.

Nicolas Butylin
Osteuropäischer Supermarkt am Heidelberger Platz

Oft hört man, dass diese „Russensupermärkte“ eine kleine Reise zurück in die DDR ermöglichen würden. Der Mix aus frischem Fisch, Obst und Gemüse und einer exotisch-kulinarischen Theke gibt einem das Gefühl, in einem Intershop-Geschäft einzukaufen. Damals konnten die Bürger des Ostens einen kleinen Einblick in das Warenangebot des Westens genießen, während heute der Ledo als „Klein-Moskau“ bezeichnet wird.

Beim Betreten der Kaufhalle riecht man sofort einen spezifischen Duft, den es bei keinem Aldi oder Rewe gibt. Man kann hier auf Produkte treffen, die ein klassischer Supermarkt nicht im Sortiment hat. Darunter eine Kaviar-Auswahl, die ihresgleichen sucht, georgischer und moldauischer Wein, Süßigkeiten aus Russland und Belarus, Molkereiprodukte aus dem Baltikum.

Nicolas Butylin
Milch- und Käseabteilung im Ledo

Was sagen Ledo-Angestellte über Diskriminierung? Hat es in den letzten Wochen Fälle von Diskriminierung gegeben? „Es gab keine Vorfälle hier und wenn es Diskussionen gab, wurden diese schnell ausgeräumt“, so der Mitarbeiter. Auch die Besucherzahl soll sich in keiner Weise verändert haben. Es gebe weiterhin treue Kunden aus Deutschland, Russland, der Ukraine und Polen.

In den Wochen nach dem 24. Februar stellte der Supermarkt eine Sicherheitsperson ein. Vorfälle wie der Angriff auf einen russischen Supermarkt in Oberhausen im März waren der Anlass für diesen Schritt. Unbekannte hatten eine Scheibe des Einkaufsladens zerstört. Der Supermarkt positionierte sich eindeutig, indem er eine ukrainische Flagge vor dem Eingang aufhing. Die Fahne verschwand jedoch letzte Woche wie auch der Sicherheitsmitarbeiter. „Die Lage hat sich beruhigt“, so der Verkäufer.

Doch das Ledo muss nicht repräsentativ sein. Wie sieht es in einem anderen russischen Supermarkt in „Charlottengrad“ aus? Direkt im S-Bahnhof Charlottenburg befindet sich das Rossiya mit angrenzendem Imbiss. Die Schaschlik-Spieße auf dem Grill riecht man schon vom Gleis, das Rossiya kann insbesondere mit seinem üppigen Obststand punkten. Auch hier gibt es Produkte aus aller Welt, die in einem üblichen Discounter nicht zu finden sind: Kefir aus Lettland, Gebäck aus der Ukraine oder Tee aus Aserbaidschan.

Hinter der Fischtheke stellen wir einer Mitarbeiterin die gleiche Frage wie im Ledo. Sie blickt uns streng an, antwortet dann: „Es ist alles wie früher, sowohl was die Kundschaft angeht als auch das Sortiment.“ Im Rossiya gab es nicht einmal eine Sicherheitsperson oder Ähnliches. Eine Passantin, Tamara, die sich gerade durch die Tiefkühlprodukte wühlt, bekommt von uns die Frage gestellt, ob sie in letzter Zeit diskriminiert wurde. „Nein“, antwortet die Russin kurz angebunden, die seit über 25 Jahren in Deutschland lebt.

Schulen angeblich Hotspots von Diskriminierung und Mobbing

Nach zwei Supermärkten geht es mit der S-Bahn nach Karlshorst. Dort befindet sich die Lew-Tolstoi-Europaschule. Die russische Sprache ist integraler Bestandteil der Grundschule, ein erheblicher Teil der Schulkinder hat einen russischsprachigen Familienhintergrund. Die russische Botschaft schrieb, dass an Schulen besonders viele Fälle von Mobbing zu verzeichnen seien. Gibt es dafür auch in der Lew-Tolstoi-Schule Beispiele und Belege?

Nicolas Butylin
Lew-Tolstoi-Grundschule in Karlshorst

In der Europaschule wird gerade renoviert und neu gebaut. Auf dem Hinweg sehen wir viele Kinder, die den Heimweg antreten. Das Besondere an der Lew-Tolstoi-Schule war immer, dass die Schüler nicht unbedingt alle im gleichen Bezirk wohnen. Die Kinder pilgern aus Wedding, Treptow, Lichtenberg und Hellersdorf in die Schule am Römerweg und das ab der zweiten Klasse ohne Eltern.

Gegenüber der Schule sitzt ein russischsprachiges Pärchen in ihrem Auto. Während die Eltern auf ihr Kind warten, hören sie russische Musik. Haben sie Diskriminierungsfälle in der Schule erlebt? An der Schule ihrer Tochter hätten sie so etwas nicht erlebt, sagen die beiden. Jedoch hörten sie Geschichten von Bekannten. Auf Nachfrage wollten sie jedoch auf die Vorfälle nicht genauer eingehen.

Eine auf ihr Kind wartende Mutter weiß auch nichts von Vorfällen. Ein Anruf beim Sekretariat der Schulleitung bringt ebenfalls keine neuen Antworten. „Wir wollen die Kinder schützen und keine Angaben dazu machen“, so die Antwort. Im privaten Umfeld wurde ebenfalls bei Schulkindern nachgeforscht. Häufig war die Antwort, dass es je nach Klassenstufe Thema im Unterricht sei. Systematisches Mobben gegen russische Mitschüler soll jedoch nicht vorgekommen sein. Vielmehr herrsche in den unteren Klassenstufen eine enorme Solidarität mit gleichaltrigen Flüchtlingskindern aus der Ukraine. Vielleicht gibt es wirklich Einzelfälle, doch für eine systematische Diskriminierung im Zuge der russischen Invasion finden sich keinerlei Belege.

Kultureinrichtungen solidarisch mit der Ukraine

In unmittelbarer Nähe zur Schönhauser Allee befindet sich das kleine unabhängige Kino Krokodil. Schon von weitem sieht man über dem Eingang des Kinos eine Ukraine-Flagge hängen. Das Kino ist nicht nur in der osteuropäischen Community Berlins sehr beliebt. Im kleinen, traditionell gehaltenen Kinosaal laufen Originalfilme aus Polen, Belarus, Russland, der Ukraine und vielen weiteren Ländern Osteuropas. Zu Besuch sind aber auch viele Menschen, die zu Osteuropa keine Verbindungen haben, sondern sich einfach informieren oder einen Kinoabend genießen wollen. Das kleine Kino im Kiez in Prenzlauer Berg harmoniert mit den umliegenden Cafés, Spätis, Restaurants und Bars.

Nicolas Butylin
Eingang des Kino Krokodils

Am Eingang telefoniert Gabriel Hageni, der Kinoleiter. In der Zwischenzeit begutachten wir den Salon vor dem Kinosaal, der mit alten Exponaten und Broschüren über vergangene und kommende Filme aus dem Osten bestückt ist. Wir wollen auch hier wissen: Gab es im Kino Vorfälle von Diskriminierungen gegen russischsprachige Menschen? „Absolut nicht. Es gab nicht einen Fall“, so die kurze Antwort des Kinoleiters.

Das Krokodil wird auch weiter russischsprachige Filme und Filme aus Russland zeigen. Man will im Austausch bleiben, „damit wir verstehen können, wie die russische Gesellschaft tickt“. Hageni ergänzt aber: „Natürlich werden die Filme mit kommentierten Fassungen gezeigt, damit Besucher den Inhalt kontextualisieren können.“ Darüber hinaus nimmt das Kino eine besondere Rücksicht „auf die Verletztheit ukrainischer Geflüchteter“.

Eine Veranschaulichung, warum Filme von russischen Regisseuren weiter gezeigt werden sollten, ist der Fall von Vitali Manski. Der im ukrainischen Lwiw geborene Manski verbrachte den Großteil seines Lebens in Russland und floh nach der Krim-Annexion ins lettische Exil. Nach Hagenis Ansicht sei „allein schon die Lebensgeschichte des Filmemachers so komplex, dass diese nicht einfach unter den Tisch gekehrt werden sollte“. Die Maßnahme, russischsprachige Filme nicht mehr zu zeigen, würde auch für solche dissidentischen Filme gelten. Diese müssten jedoch Hageni zufolge erst recht gezeigt werden.

Anti-russische Anfeindungen in der Berliner Gastronomie

Vom hippen Prenzlauer Berg geht es weiter ins noch hippere Kreuzberg. Im Wrangelkiez gibt es eine Bar im Stil eines russischen Kultursalons der 1920er-Jahre, wie die Kvartira 62 (zu Deutsch: Wohnung 62) auf ihrer Facebook-Seite schreibt. Gäste der Bar kommen jedoch nicht vorwiegend aus Russland, sondern aus jedem Winkel der Welt. Der Verkaufsschlager in der Kvartira ist ein Wodka-Shot mit eingelegter Gurke: der Klassiker in Osteuropa. Alles in allem ein Schmelztiegel im Herzen von Kreuzberg mit vielen Ukraine-Stickern vor der Eingangstür.

Mit Artjom aus Belarus, einem von mehreren Barkeepern, kommen wir sehr schnell ins Gespräch. Auch Artjom erlebte in den letzten Monaten keine Diskriminierungen gegen sich oder andere. „Peace, Love und Harmony?,“ fragen wir den Barkeeper. „Der Krieg ist selbstverständlich Thema bei Trinkabenden. Jedoch gab es nie Vorfälle, bei denen es um Diskriminierung gegen Russen ging. Schließlich ist die eigene Nationalität kein Synonym für die Politik des Regimes im Heimatland“, so der Exil-Belarusse.

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Barkeeper Artjom vor der Kvartira 62

Artjom erzählt, dass es sogar von Putin-Fans schlechte Rezensionen für die Kvartira 62 gegeben hätte. Die offenkundige Solidarität mit ukrainischen Geflüchteten führte anscheinend dazu, dass Menschen ihren Unmut in die Welt tragen, sagt der Barkeeper.

Noch eine ganze Reihe osteuropäischer und russischen Restaurants steuerten wir an, denn irgendwo müsste sich ja eine Diskriminierungserfahrung finden. Die russische Botschaft veröffentlichte auf ihrer Seite beispielsweise folgende Mitteilung: „Das Berliner Restaurant Pasternak […] bekommt schlechte Bewertungen im Internet, da ihre russischsprachigen Inhaber angeblich mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin sympathisieren.“

So erreichen wir eine Mitarbeiterin im Pasternak und bekommen tatsächlich zum ersten Mal auf der Reportage die Antwort: „Ja, wir haben unter dem Druck gelitten. Jedoch hat es sich in den letzten Wochen wieder gelegt.“ Neben schlechten Verkaufszahlen im März und April gab es vor allem negative Google-Rezensionen von Internetnutzern. (Eine redaktionelle Analyse der Google-Bewertungen des Restaurants konnte das am 18. Mai 2022 allerdings nicht bestätigen.)

Am Ende führt uns die Suche in die Grüne Lampe in Wilmersdorf – ein russisches Restaurant. Große Beliebtheit hat der Kaviar-Brunch wie auch das sehr reichhaltige und üppige Büfett. Auch die kalte Vorspeisenplatte mit typischen Spezialitäten wie Hering im Pelzmantel, Blinis, Lachs und Kaviar, eingelegte Gurken und der berühmte Salat Olivier erfreuen sich enormer Beliebtheit.

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Restaurant Grüne Lampe in Wilmersdorf

Auch die Grüne Lampe klagte über niedrige Verkaufszahlen in den Tagen nach der russischen Invasion. „Dies hat sich jedoch in den letzten Wochen wieder gelegt“, sagt eine Kellnerin im Restaurant. Vorfälle wie jene im Restaurant Pasternak sind auch hier bekannt. Neben Drohanrufen und schlechten Rezensionen (z.B. „Das Essen hat nach Blut geschmeckt“ oder „Leider sind viele Gerichte aus der ukrainischen Küche gestohlen, aber als russisch deklariert. Der politische Versuch, die gesamte Kultur russisch zu machen“) gab es auch eine non-verbale Anfeindung eines Gastes. Dieser soll mit einem Schraubenzieher die Gäste beim Essen gestört haben. Ähnliche Fälle sollen jedoch nicht wieder vorgekommen sein.

Falls Sie Opfer von Diskriminierung aufgrund der russischen Sprache wurden oder ähnliche Fälle wie diese erlebten, schreiben Sie uns gerne: briefe@berliner-zeitung.de.