71.548 Neu- und Erstauflagen erscheinen im Jahr.
Foto: dpa/Jan Woitas

BerlinWenn eine Freundin nicht dazu gekommen ist, die Zeitung vom Wochenende zu lesen, dann legt sie die am Montag zum Altpapier. Hat sich erledigt.

Ich kann das nicht. In meinem Beruf, so denke ich, sollte man up to date sein. In einer kleinen Meldung kann eine große Geschichte stecken, eine Person für ein Interview, ein Thema für eine Kolumne. Ich lese Zeitungen und Zeitschriften nicht, weil ich etwas suche: Ich will etwas finden, um zu wissen, was so läuft für den Fall, dass ich es brauche. Unter dem Zwang, nichts wegzuwerfen, hebe ich interessante Seiten auf und schiebe Meldungen, Fakten, Kuriosa, Statistiken in meinen Kopf rein wie ein Messie den Müll in seine Wohnung. Angeblich entspricht die Speichermenge unseres Gehirns dem Bestand der größten Bibliothek der Welt, der Congress-Bibliothek in Washington. Aber anders als die Bibliothek vergesse ich manches.

Erinnerung besteht aus Eindrücken, die ich mir gemerkt habe. „Jeder von uns wird sich früher oder später eine Biografie erfinden, die er für sein Leben hält“, schreibt Max Frisch in „Mein Name sei Gantenbein“. Ich bin verantwortlich dafür, was ich in meinen Kopf lasse. Aber welche Nachrichten braucht ein Weltbild, um klüger zu werden? Der dpa-Basisdienst sendet 650 Meldungen an allen 365 Tagen im Jahr. Ich lese viele Bücher, aber wie behalte ich den Überblick, wenn der Buchmarkt von 71.548 Neu- und Erstauflagen im Jahr berichtet? Johann Wolfgang von Goethe soll in seinem ganzen Leben 4500 bis 5000 Bücher gelesen haben. Ein Gang durch Dussmann hätte ihn verstört. Der Apple Store zeigt 1,96 Millionen Apps an.

Auf dem Laufenden

Natürlich ist diese Informationswucht entmutigend. Wie Sisyphos am Berge ächzend bringe ich meine Aufgabe nie zu Ende, wie Tantalos bis zum Kinn im Wasser stehend kann ich meinen Durst nicht stillen. Ich bin ein Informationsjunkie. Und dann versuche ich auch noch, mich in Bereiche einzuschleichen, von denen ich keine Ahnung habe, Popkultur zum Beispiel.

„Synthetischer G-Funk-Minimalismus.“ „Tribalistisches Analoggetrommel.“ Ist das die Fachsprache oder Ironie? Progressive Rock müsste was Progressives sein. Aber auf der Website der Prog-Community steht: „Progressive Rock ist nicht unbedingt progressiv!“ Dass sich die Berliner Musikgruppe Seeed mit drei E schreibt, soll grafische Gründe haben. Eine britische Gruppe heißt The KLF. Wie spreche ich die aus? Ich wappne mich für den unwahrscheinlichen Fall, dass irgendwo die Rede darauf kommt.

Ältere Freunde lästern über meine Bemühungen, auf dem Laufenden zu sein, aber manchmal fragen sie mich was: „Wie heißt noch mal die Scheiße, in der Millionen Deppen drin sind?“ „Facebook?“ „Ach ja!“ Ich schiebe lässig hinterher, dass es knapp drei Milliarden sind. Viele Menschen halten alles, was sie selber nicht wissen, für unwichtig. Manchmal verwandelt sich ihre Ignoranz in Verachtung.

Ich möchte auf dem Laufenden sein, so lange es eben geht. „Warum?“, fragt eine Freundin. „Es ist meine Art, auf mich zu achten“, sage ich. Eine Boulevardzeitung fragte: „Sind Sie beim Flirten noch up to date?“ Könnten beim Flirten bestimmte Signale aus der Zeit gefallen sein? Das weiß ich noch nicht. Dann wäre es ein Glück, jemanden zu finden, der das auch noch nicht weiß.