Berlin - Es gibt wirklich Fluggäste am BER. Nicht viele, aber immerhin ein paar. Ein halbes Dutzend von ihnen steigt im unterirdischen Bahnhof aus dem Regionalexpress, der gerade aus Berlin angekommen ist. Ein Dutzend Flughafenmitarbeiter ist ebenfalls angereist, alle streben nach oben in die Halle. Dort kann man, wenn man die Ohren spitzt, sogar das eine oder andere Flugzeug hören. Auch wenn es im Terminal 1, dem großen Hauptgebäude, sonst still wie in einem Dom ist: Der BER bemüht sich, wie ein ganz normaler Flughafen zu wirken.

Kai Hensel ist ebenfalls mit dem Regionalzug gekommen. Jetzt sitzt der Berliner Autor, der Drehbücher und Theaterstücke geschrieben hat, auf einer Bank auf dem Willy-Brandt-Platz, der großen weiten Fläche vor Terminal 1, und blinzelt in die Sonne. Sein Patensohn Fabian ist aus Schöneberg mitgekommen. Fabian langweilt sich jetzt schon, es ist fad hier, wenig zu sehen. Und es riecht auch nicht nach Kerosin, sondern nur nach dem Qualm der Zigaretten, die Sicherheitsleute und Handwerker während ihrer Pause auf dem Platz rauchen.

Hensel weiß, dass der Hauptstadt-Flughafen, mittlerweile seit einem halben Jahr geöffnet, alles andere als normal ist. „Der BER ist so komplex geworden, dass er ein eigenes Wesen und einen eigenen Willen entwickelt hat“, erzählt er. „Der BER sagt: Ich wachse, und ich werde immer teurer. Aber ich weigere mich, mich auf die mir zugedachte Funktion entwickeln zu lassen. Wir können von ihm lernen. Haben wir nicht alle irgendwo ein paar Kabel, die falsch verlegt sind?“

Hensel kennt sich aus mit dem BER. Er hat einen Roman über den Flughafen geschrieben, über dessen geheimes Wesen und über den Fluch, den er angeblich verkörpert. Vor allem aber über die Menschen, die der BER an ihre Grenzen gebracht hat. Der Titel: „Terminal“.

„Das Projekt war schon vor dem ersten Spatenstich krank“

Was lässt sich über die Handlung des Romans sagen? Vielleicht reicht der Klappentext des Werks, das knapp 280 Seiten umfasst, fürs Erste aus. Zitat: „Jana kommt aus der Provinz nach Berlin mit einem Plan: Geld verdienen für ihren Traum, als erste Frau auf einem Motorrad die Rallye Dakar zu gewinnen. Doch Berlin ist nicht so cool, wie sie es sich vorgestellt hat. Die Stadt scheint ihr gelähmt und hysterisch.“ Und weiter: „Alle reden vom neuen Flughafen. Vor den Toren der Stadt brütet er, verweigert seit Jahren seine Eröffnung, erzeugt Baumängel wie giftige Blüten, ruiniert Karrieren von Politikern, Ingenieuren und Flughafen-Chefs. Eines seiner Opfer ist Peter Pankelow, der einst umschwärmte, heute fast vergessene Bürgermeister. Jana begegnet ihm in einer schicksalhaften Nacht. Sie gerät in ein Dickicht aus Gier, Neid und Illusionen. Tiefer und tiefer dringt sie ein in die Wahrheit des Terminals.“

Der Klappentext zeigt, worin die Herausforderung für den Autor eines BER-Romans besteht. Eigentlich lässt sich die Geschichte des Flughafens ziemlich banal auf den Punkt bringen: Politiker und Planer fahren ein Projekt mehrmals gegen die Wand, und das Ganze dauert eine halbe Ewigkeit. Diese Essenz würde allerdings bestenfalls für ein Sachbuch reichen. Also muss die provinzielle Pannenstory mit einem weltstädtischen Thriller-Plot (wenn auch ohne Mord) aufgeladen werden.

Kai Hensel, 55 Jahre alt, dunkle Jacke, grauer Bart, hält alle Geschichten für im Grunde banal. „Junge trifft Mädchen. Oder: Zwei Männer warten auf Godot, aber der kommt nicht“, sagt er. „Auch der BER ist an sich banal. Er ist ein Regionalflughafen auf der grünen Wiese mit Bahnanschluss. Stangenware, wie sie anderswo zigfach entstanden ist.“ Der BER habe sich aber zu einem Projekt entwickelt, das die Stadt, die Region, das ganze Land jahrelang in Atem hielt, während die Berliner weiterhin vom geliebten alten Tegeler Airport aus in den Urlaub starteten. „Dieses Nein, das von Anfang an in ihm schlummerte und immer irrsinnigere Blüten trieb, das macht dieses Ding groß. Deshalb mag ich den BER.“

Natürlich darf Klaus Wowereit in dem Roman nicht fehlen. Peter Pankelow, eine Hauptfigur in Hensels Buch, erinnert an ihn, den früheren Regierenden Bürgermeister und SPD-Politiker, der die Privatisierung des Flughafenprojekts verhinderte und es der staatlichen Flughafengesellschaft überhalf, die damit heillos überfordert war. Klaus Wowereit, der sich so sehr mit dem Vorhaben identifizierte, dass jeder Zweifel daran einer Majestätsbeleidung gleichkam. Und der 2013 als Vorsitzender des Flughafen-Aufsichtsrats zurücktrat, nachdem mehrmals Eröffnungstermine verschoben worden waren.

„Klaus Wowereit hat sich zum Gesicht dieses Flughafens gemacht“, sagt Kai Hensel, ein gebürtiger Hamburger. Der Berliner Wowereit, der in Lichtenrade aufwuchs und in Tempelhof seine politische Karriere begann, stehe für die ortstypische Mischung aus Provinzialität und Größenwahn. Hensel verteidigt ihn aber auch. „Natürlich hat er Fehler gemacht. Doch das Flughafenprojekt war schon vor dem ersten Spatenstich krank, und die Flughafengesellschaft war damals schon überschuldet. Das Ding war bereits im Minus, bevor es überhaupt angefangen hat zu existieren.“

Als Wowereit und andere Anzugträger, unter ihnen der damalige Bahn- und spätere BER-Chef Hartmut Mehdorn, am 5. September 2006 um 13.55 Uhr neben dekorativ aufgeschütteten Sandhaufen Spaten in die Erde stachen, habe die Ursünde schon ein Jahrzehnt zurückgelegen. Ursünde – so nennt Hensel das Scheitern der Volksabstimmung über die Länderfusion. Das Veto der Brandenburger war 1996 schuld daran, dass sie von Berlin getrennt blieben.

Dickicht aus Gier, Neid und Illusionen

„Und so startete das Flughafenprojekt mit einer kranken Eigentümerstruktur“, sagt Hensel. Berlin, Brandenburg und der Bund hätten oft gegeneinander gearbeitet. „Wenn es die Fusion gegeben hätte, eine andere Eigentümerstruktur und transparente Verantwortlichkeiten, dann hätte es viele Probleme nicht gegeben.“ Und: „Am Ende konnte keiner mehr sagen, warum der BER unbedingt in Schönefeld gebaut werden musste.“ Aus dem Raumordnungsverfahren war Sperenberg, der in einem kaum besiedelten Gebiet gelegene frühere Militärstandort südlich von Berlin, als Favorit hervorgegangen. In Schönefeld, das sich mitten im boomenden Speckgürtel befindet, entfaltet der Flughafen, wenn er denn richtig in Schwung kommt, seinen Lärm unter vielen Tausend Nachbarn.

Natürlich kommt eine Art Hartmut Mehdorn im Roman vor. Hensels Mehdorn-Figur trägt den Namen Gisela T. Hornbusch und tritt als gewesene Flughafenchefin auf. Während dem echten Mehdorn ein französischer Weinberg gehört, besitzt sein literarisches Alter Ego eine Gin-Destillerie. „Eine Macherin und zugleich eine Gescheiterte“, meint Hensel. Er lässt auch einen aktuellen Flughafen-Chef in seinem Roman auftreten. Bei ihm heißt er Heribert Odebrecht – diesen Nachnamen tragen die brasilianischen Bau-Milliardäre, die in Korruptionsskandale verstrickt waren. Ein wenig erinnert der Odebrecht im Roman an den stets strukturierten jetzigen BER-Chef. Zum Schluss dreht Odebrecht durch, was man sich bei Engelbert Lütke Daldrup nicht vorstellen kann. Übrigens gehört auch ein ehemaliger Redakteur der Berliner Zeitung zum Buch-Personal. „Vergessen Sie den Flughafen“, rät der Mann. „Verbannen Sie ihn aus Ihrem Leben.“

Wie kam der Flughafen in Kai Hensels Leben? 2017 habe er, sagt Hensel, den Entschluss gefasst, einen Roman über das Sechs-Milliarden-Euro-Projekt zu schreiben. Er nahm an Flughafenführungen teil, arbeitete sich durch Bücher und viele Artikel, unter anderem aus der Berliner Zeitung. Er las über Rolltreppen, die zu kurz, und Kabel, die falsch verlegt waren. Details über Details. „Doch je mehr ich recherchierte, desto weniger verstand ich den Flughafen.“

Hensels Blick auf das Projekt begann sich zu ändern. „Irgendwann habe ich den Flughafen als Sakralbauwerk wahrgenommen. Berlin hat keine vernünftigen Kirchen, aber den BER.“ Zum Schluss war der Flughafen für ihn wie ein Mensch, dem man nach jahrelangem Streit gesteht: „Ich liebe dich wegen deiner Dysfunktionalität und wegen deiner Würde, die du gegen den Optimierungszwang verteidigst! Wenn wir alle ein bisschen so wären wie du, dann wäre diese Welt eine bessere.“ Der Flughafen – so sieht es Hensel – sagt: Ich mache nicht mit. „Das traut sich kaum noch jemand zu sagen. Wir wollen doch alle funktionieren, wir wollen uns alle optimieren.“

Ursprünglich sollte der Roman bereits im vergangenen Frühjahr im Unionsverlag erscheinen. Doch die Pandemie brachte die Planung des Verlages durcheinander. Heute ist Hensel froh, dass sein Buch auch zur Eröffnung des Flughafens am 31. Oktober 2020 nicht auf den Markt gekommen ist. Da wäre es möglicherweise in all den anderen Veröffentlichungen untergegangen. Wobei sich Kai Hensel allerdings fragt, warum im vergangenen Herbst kein neues belletristisches Buch zur Eröffnung erschien: „Das kann doch nicht sein, dass keiner dem BER ein literarisches Denkmal setzen will.“

Jan Bergrath, ein Journalist aus dem Rheinland, hat es vor Jahren versucht. „Fiktion“ heißt sein Buch, das 2012 herauskam, allerdings kein Bestseller wurde. Hauptperson ist ein Krimiautor, der damit zurechtkommen muss, dass er an Blasenkrebs leidet – ein Schicksal, das Bergrath damals mit seinem Protagonisten verband. „Fiktion“ ist ein Kriminalroman, in dem es um das Schönefelder Flughafenprojekt geht. Im Zentrum steht ein Lobbyist, der ein Brandschutzkonsortium vertritt und auf seinem Grundstück in Rahnsdorf ermordet wird. Eine schillernde Persönlichkeit, ein Mann, der sich auch bei den Protesten gegen die Flugrouten über den Müggelsee engagiert. Unnötig zu sagen, dass ein Politiker namens WoWi in dem Krimi vorkommt.

Ist der BER ein Projekt, an dem nicht nur Politiker und Planer, sondern auch Kulturschaffende scheitern? Auch außerhalb der Literatur hat sich kaum jemand an die Geschichte gewagt. Von Ausnahmen abgesehen: In Honoré de Balzacs „La Cousine Bette“, 2013 von Frank Castorf an der Volksbühne Berlin inszeniert, fantasiert ein Baron von einem geköpften Klaus Wowereit. In „Airossini“, einer Opéra Oligarchique der Neuköllner Oper aus dem selben Jahr, warten VIPs auf ihren Flug, doch am BER geht es drunter und drüber: Aufzugtüren klemmen, unsinnige Durchsagen verwirren die Passagiere, und mit den Brandmeldern scheint etwas nicht zu stimmen. In Sylke Enders’ Film „Schönefeld Boulevard“, der 2014 erstmals gezeigt wurde, ähnelt die Hauptfigur Cindy dem Pannenprojekt frappant: Sie ist dick und hebt nicht ab.

Ein Prophet des Stillstands

„Milliardengrab, Sehnsuchtsort, Sphinx“, so hat Kai Hensel den BER in seinem Roman beschrieben. Heute wirke der Flughafen, als wäre er aus der Zeit gefallen, sagt der Autor auf dem Willy-Brandt-Platz. Einst seien Klaus Wowereit und seine Mitstreiter angetreten, in Schönefeld den modernsten Flughafen der Welt zu bauen. „Doch heute ist die Moderne etwas anderes.“ In der Ära des ticketlosen Fliegens würden nicht mehr so viele Check-in-Schalter benötigt, die Debatte über „Flugscham“ und Erderhitzung habe das Image des Luftverkehrs verändert, Zoom-Konferenzen ersetzen Geschäftsreisen. Unter der Corona-Krise mit ihren Reisebeschränkungen leiden auch andere deutsche Flughäfen. Was die Zahl der Fluggäste anbelangt, ist München hinter den BER zurückgefallen. Doch die Pandemie verleihe dem neuen Berliner Flughafen eine besondere Tragik, so Hensel. „Über viele Jahre wurde ein Flughafen gebaut, den nun auf absehbare Zeit keiner mehr braucht. Es ist grotesk.“ Eines aber sei der BER geblieben, ein „Prophet des Stillstands“.

Dann muss Hensel los. Am leeren BER ist es dem Patenkind Fabian endgültig zu langweilig geworden.